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Full text of "Frohe Botschaft des Weltkindes eine selbstbiographische Anleitung zum Glück"

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Frohe 

Botschaft des 
Weltkindes 



Rudolf Hans 
Bartsch 



Evaluated by 
Coliection 
Prese'^^atlon 

MAR 31 1995 



Frohe Botschaft 
des 
Weltkindes 



.d by Google 



FROHE BOTSCHAFT : 
DES WELTKINDES 

felbrtbiographifche Aoleituiig < 
%um Glück 

VOfi 

Rvdolf Hans Bartfeh 




Zvdlfte Auflage 



Union Deutfche V erlag sgefellfchaft 
Stuttgart und Berlin 



Nacfadniek verboten. Alle Recbte, insbesondere das der Über- 
setxoDg, Torbehalten / Copyright 1922 by Union Deutsche 
Verlagsgcsellscbaft in Stattgart / Druck der Union Deutsche 
Verlagagesellschsft in Stuttgart 



PT 

F75' 



Meiner 
treuen Mitarbeiterin 
Grete von No6 
gewidmet 



t 




^ j . d by Google 



In diesem Buche möchte ich mein ganzes Le- 
benswerk zusammenfassen. Es soll meine Glück- 
seligkeitslehre enthalten, wie sie mich in einem 
Leben voll von äußerem Druck und Sorge unge- 
mindert jung und so glücklich« wie wohl nur we- 
nige Menschen es jemals auf Erden geworden sind, 
bis in mein fünfzigstes Lebensjahr erhalten und 
hineinbegleitet hat, und wie sie sich wohl auch noch 
fernerhin bewähren soll. 

Ich weiß ganz gut, daß hier nicht viel mehr zu 
sagen sein wird, als was nicht schon in meinen 
früheren Büchern stünde. Aber zusammengefaßt, 
kommentiert und möglichst klar will ich alles noch 
emmal und zum letztenmal get>en. Darum werde 
ich hier nur dann etwas erzählen, wenn der Deut* 
lichkeit halber eine seibstbiographische Anekdote 
ai^ebracht erschiene. Auf niehr und anderes Dich- 
ten verzichte ich hier gern und hatte es am liebsten 
immer so gehalten. Mir lag nie viel an meinen 
Erzählungen: immer wollte ich zwar völlig Dichter, 
aber selten wollte ich Künstler sein, und nur dann 
und wann freute mich der kleinere Kristall einer 



wohlgeordneten Novelle; wichtig war mir das 
nicht. 

Wesentlich war mur nur, selbst so wesentlich 
als möglich in meinen Büchern zu leben, um das 
Gluck und die namenlose Lebensfrende, die mich 
bestandig durchströmen» andom weiterzugeben 1 

Ich verzichtete deshalb oft auf das fein geordnete 
und abgewogene Kunstwerk, das anderen so viel 
Kennerfreude macht. Aber ich verzichtete darauf 
im Bewußtsein, so emzig geartet zu sein, daß ich 
diesem Einmaligen, diesem kaum leicht Wieder- 
kehrenden meiner Wesenserscheinung, eben die- 
sem Bartsch, Luft zu machen hätte vor allem I 
Und das zur Erhöhung der Lebensfreude unserer 
Zeit, die wenig schlechter versteht, als eben das — 
sich zu freuen. 

Der immer wachsame Wiener Spott hat ja mei- 
nem sinnenfrohen und dennoch auf tiefste Ver- 
innig ung gerichteten Wesen inzwischen seinen 
Spitznamen angehängt: ^Casanova von Assisi*. 
Wenn er damit meint: ^Grenzenlos sinnentoilund 
zugleich kontemplativ lieben*, dann hat er recht. 
Denn ich liebe das, was ich in diesem Buche ebenso 
gut mit i^Gott*, wie mit «Natur" bezeichnen muß, 
grenzenlos und mit solcher Kraft, daß ich weiß, 
es kann kaum mehr Einer da sein, der dies mehr 
empfände, als ich. Dies zu wissen, es gab mir 



8 



den Willen zu meinen früheren Büchern und Mut 

zu diesem. 

Dieser hinreißend verliebte Urtrieb, der mich 
machtvoller durchschauert al3 alle andere Liebe, 
diese ErlÖstheit und Seligkeit, die mich zum bei- 
nahe leidlosen Menschen gemacht hat, ist das Ge- 
heimnis meines sonst verwunderlichen Erfolges 
hier auf Erden. 

Seit fünfzehn Jahren erst schreibe ich meine 
Bücher; Bücher, die vielleicht manche mit einem 
Fluch an die Wand schmeißen ! — und heute kommt 
auf ungefähr dreißig Deutsche eines dieser Bücher. 

Warum, bei soviel Weltabgeschiedenheit, bei 
soviel Stille und Armut an Handlung und Span- 
nung in diesen Werken, dazu noch bei meiner Ein- 
samkeit und UnkoUegialität, bei der Ungnade der 
Zeitungskritik seit Jahren, das deutsche Volk un- 
gefähr zweieinhalb MiUionen dieser bei manchen 
Parteien boykottierten Bände von mir aufgenom- 
men hat? 

Dieses Volk, es ist jung und erdnahe wie ichl 
Ich habe sein Geheimstes angerührt, und sein un- 
beirrbarer Instinkt erriet, was noch kein Kritiker 
zu erkennen wußte: daß die Natur selber mich 
emporgereicht habe. Niemands Schüler und be- 
denklich unbelesen, mußte ich mir meine Art von 
Rede ganz von neuem aufbauen — und das fühlen 



sie alle. Es ist kaum zu glauben, daß es in Eu- 
ropa noch so unverwüstliche Instinktmenschen 
gibt Trotz der Schulen, trotz der Politiker und 
Parteien, ja trotz der Zeitungen! Menschen mit 
der Sicherheit des Traumwandkrs, wie die Südsee- 
xnseln sie nicht kindhaft eigensinniger der Sonne 
entgegenzuhalten vermö:^cnl 

KrisUIle, dieaus keinem Laboratorium kommen. 

Diesem meinem Stamme widme ich dies Buch 
meiner Bücher. 

Ich mußte es schreiben. Öffentlich werde ich 
miBverstandenjelangerich zwischen diesen sonder- 
bar wichtigtuenden Verirrten der Literatur schaffe, 
und privat ersticken mich die Anfragen und Un- 
klarheiten derer, die mich nur halb verstehen, in 
oft ergreifenden Briefen: Die sollen alle auf einmal 
beantwortet werden, und hier geschieht es. 

Aus diesien Tausenden von Briefen weiß ich von 
einer Gemeinde, die völlig nach mir lebt, mit mir 
sieht und wie ich zu leben bestrebt ist 

Ich weiß auch, dass ich Selbstmordnahe, daß 
ich Säufer, Spieler, Raufbolde und Wüstlinge zu 
einem Leben im Grünen gesänftigt habe. Das 
allein schon gäbe mir den Mut, meine Lehre aus* 
zusprechen aus meiner Verborgenheit und großen 
Menschenscheu heraus. 

Denn diese Menschenscheu wuchs mit memem- 

lO 



Naturgefiihl. Immer war es mir nur der Mensch, der 
den Garten Gottes trübte, störte, verwüstete. Nie 
verwinde ich meine frühesten Eindrücke von ,den 
Menschen*. Ich hatte eine entsetzliche Kinderzeit 
Mit sieben Jahren wurde icii in eine der damaligen 
staatlichen Anstalten gesteckt, in denen die Men- 
schen s)rstematisch zu Raubtieren und Mördern 
herangezogen wurden und — es lief mancher jener 
Anstalten auch das richtigste Material zu: manch- 
mal glaubte ich, in einem Verbrecherbagno zu sein 1 

In Fischau bildeten sich vor meinen Kinder- 
augen sc^r kleine, organisierte Diebesbanden; 
vielleicht aus purer Raubtierromantik. Aber roheste 
Gewalt und brutale Dummheit umgaben mich Tag 
• und Nacht. Die Lehrer dort? Die waren herrlich. 
Aber sie vermochten nichts gegen jene boshafte 
Unterschicht des Volkes, aus welcher in jenen 
vier Jahren der Großteil meiner Kameraden zu* 
sammengeronnen war. 

In der zweiten Schule (1884—88) kehrte sich 
das um. Kinder wie ich, aus gestillten, zumeist 
adligen Familien; leider zuviel Ministersöhne, spä- 
ter (88—90) Erzherzoge: dafür die Lehrer zu 
grofiem Teil Schurken, Liebediener, Streber. Und 
darum Henker an uns ärmeren Kindern aus klei- 
nerem Hause, oder gar an ungefährlichen, also 
an Waisen wie ich. Wie ich mit meinen empfind* 



liehen Nerven, mit meinem innerlichen Ehrgefühl 

und mit meiner Sehnsucht nach Liebe und Ver- 
ständnis soviel Roheit von unten her, soviel kalte 
freche Verdächtigung von oben her ertragen ge- 
konnt hatte, ohne das Aufrauschen der Bäume, 
ohne das Flüstern und die geheinmisvolle Tiefe 
des Wassers, ohne den Wald und sdne kleine 
Tierwelt, ohne die Blumen, die Schmetterlinge, 
die Hummeln, ohne die sehnliche Weite und ohne 
die Wolken, die unvergleichlich reichen Wolken, 
— ich weiß es nicht 1 Aber daran entsinne ich mich 
mit schauernder Wonne, w ie ich schon in Fiscbau 
mit sieben Lebensjahren während des Unterrichts 
zum Fenster hinaussah. Wenn draußen die Mai- 
gräser sich wirrten, wie mich das durchfuhr! Wie 
der Spatzenschrei im Februar mich vor Lust bei- 
nahe zerriß und wie ich die kleinen Lebenskünstler 
liebte, beneidete und segnete, die sich in den föhn- 
gerüttelten Fichtchen mausig machten, während 
die schöne, böse Katze behutsam an den Zäunen 
schlich. Das hat mir niemand g^;eben; das war 
in mir. Niemand in meiner Familie war Jäger; 
und dennoch zog mich ein unbeschreibliches Ge- 
heimnis schon mit vier Lebensjahren nach Jagd 
und Wild, Wald und Heide. Das erste Lied, das 
damals all meine Lust aufzittern machte, war ein 
Jägerlied; ich wußte nicht, warum. 



Urtrieb; von dner Deutlichkeit, einer freudigen 

Gier und Sehnlichkeit ohne Maßen I 

Später» als junger Mann (mein Gott, ich war 
mit zwanzig Jahren noch Kind) saß ich abermals 
in solch seelischer Verbannung , wie als Militär- 
schuljunge. Im mir damals völlig fremden» back- 
Steinemen Wien. In emem Büro» wo böse, alternde 
und neidische Männer vertrockneten und mich, 
den jungen Dichter, insgeheim wie einen Lehr- 
jui^en zu behandeln gerichtet waren» den man 
gar nicht genug zausen und verbosheiten könne» 
damit er davon ablasse, ^anders zu sein*. 

Ich had keinen Anschluß; weder im Dienste 
noch in den Freistunden, und eine unsägliche, gräß- 
liche Einsamkeit umgoß mich, wie graue Lava 
einen Toten ausHerkulaneum, inmitten der Stein- 
massen. 

^Niemand, niemand* . « . 

Und dazu das Heimweh nach meinen Sonnen- 
hügeln. 

Damals in der ungeheuerUchen Wiener Einsam- 
keit, als mein ganzer Wortschatz im Tag aus 

„Guten Morgen" und „Habe die Ehre" bestand 
(das einzige, was ich meinen Vorgesetzten und 
Kameraden zu sagen wußte), verlernte ich das 
Reden. Ich verlernte es so sehr, daß, als mich meine 
Mutter einmal in Wien besuchte, meine liebe, 



arme» sorgenvolle Mutter, die mich aus Angst vor 

einem unsichern Leben zu diesem Berufe jahre- 
lang [gebeten hatte, bis ich nachgab, — daß mir 
der Gedanke das Herz preßte, jetzt zu Hause 
auf einen Menschen zu stoßen, mit dem ich .reden 
müßte*. 
So einsam war ich. 

Und dennoch leuchtete mir der Grott. Mein 
ganzes Glück damals war der alte Wiener Obst- 
markt Wenn der Winter grau und schmutzig über 
den vielen Häusern lag, es gab doch eine helle 
Stelle in Wien. Täglich ging ich vorzeitig von mei- 
ner Wohnung ins Archiv, wo ich diente, um nur 
immer den kleinen Umweg durch den hintern Teil 
des , Naschmarktes' machen zu können, wo die 
Waldprodukte lagen: Ebereschbeeren und Stech- 
palme, Moos; wie vielerlei und wie schönes Moos! 
Dazu Tannenzweige, Hagebutten, Wacholderbee- 
ren und Kienholz, Leimruten und Fichtenzapfen; 
später, anfangs 1 898, wohl gar Weidenkätzchen und 
Friemelgedränge 1 Einmal war sogar ein kleiner, 
schlafender Hamster dort. Da ging ich denn ganz 
langsam an alledem einher und sog meine Augen, 
aufnehmend und abschiednehmend zugleich, an 
diese lieben Dinge, wie ein hungerndes Kind an 
die Herrlichkeiten eines Bäckerladens. Es zerriß 
mir das Herz vor Seluüichkeit und machte mich 



14 



dennoch unbeschreiblich glücklich. Diese kleinen 
Liebesbriefe des fernen Waldes an die Stadt waren 
mir mehr als ein Sehnsuchtsidyll. Mir waren es 
persönliche Grüße Gottes. Denn all das war ja 
auch Erl Nur bei den Menschen fehlte Er. Und 
dann, wenn ich oft tagelang automatisch Akten 
ausheben und einlegen mußte, und, die es mir be- 
fohlen hatten, als stumme Sklavenanfseher an mir 
vorbeiargwühnten, schwang dieses kleine Lied vom 
fernen Winterwalde oder vom kommenden warmen 
Empordrängen immer noch, mit dem süßen Rausch- 
der Liebe, in mir auf und nieder. ,Dort warst du, 
du; im kleinsten: Allzugroßer!' Damals war ich 
selber wie ein Baum oder eine Wolke : bewußtlos, 
triebhaft über und über geladen mit Spannung, 
festgehalten und sehnlich hier, vage und fremdher 
befehligt dort. Nicht einmal in Gedichten konnte 
ich mir aus meinem endlosen Schweigen heraus 
Luft machen und nur, wenn ich Urlaub hatte und 
-der Bahnzug mir schenkte, was mit der Pferde* 
bahn damals unmöglich erreichbar schien (weil 
es allzuviel Zeit und Lebenslust nahm), freie Fel- 
der, ferne Luftperspektiven, Pfirsichbäume Iii Wein- 
gärten und kleine Hütten, nur dann taute alles in 
einem Tränenstrom des Glückes heraus, den ich 
dann, entsetzt und beschämt über mich, zu ver- 
stecken hatte. 

IS 



Ich war „bei Ihm*. 

Dabei war ich niemals eigentlich weich ; meine 
harte Jugend und die viele Roheit um mich bläuten 
eher das Gegenteil in mich ein. Dazu beherrschte 

mich stets ein hinreißendes, unbändiges Tempe- 
rament, das ich heute noch kaum zu zügeln weiß. 
Und dennoch soviel mildestes Glück 1 Soviel Glück, 
daß ich heute, da ich ins fünfzigste Jahr trete, 
mich ebenso zeitlos jung fühle, wie etwa ein Baum 
im selben Alter. Da6 ich weitsichtig wurde, ist 

alles. Aber sonst? Nicht die kleinste meiner Kräfte 
fühle ich im Nachlassen, wenn ich mich nicht ge- 
rade einmal vergeudet habe. Und ein wechselvoll ^ 
spielendes Glücksgefühl, das nur der schweren 
Stimmung und der lieblichen Neckerei von Licht 
und Schatten an einem Karwochentage zu ver« 
gleichen wäre, umgibt mich immerzu. 

Das nun möchte ich auch jenen andern, .meinen* 
Menschen geben können, die ich so sehr liebe. 
Und ich weiß, daß es geht. 

Ich will dies Glück nicht allein. Und wenn nun 
das Alter kommt und mir am Ende all diese Hold- 
heit meines Lebens dennoch zu nehmen vermöchte 
(woran ich freiüch nicht glaube), so muß ich zu- 
mindest das Rezept hinterlegt haben» wie man 
auf dieser Erde bei lebendem Leibe erlöst, voll 
Unsterblichkeitsgefühl, tiefgläubig auch bei völ- 

16 



^ j . -Li by Google 



liger Bekenntnislosigkeit, — und damit wölken- 
hoch glücklich sein kann. 

Tiefgläubig. Denn ich glaube an den Gott. 

yGott*. Das ist freilich nur ein Wort. Und wir 
nehmen es bloß, weil es älter und inniger ist, als 
alle andern. Ein persönlicher Gott wäre der lächer- 
lichste Götzengedanke. Und dennoch : Sein größtes 
Geheimnis ist, daß er von uns gewoUtsein 
will. Sonst ist er nie gewesen. 

Wir müssen ihn anrufen. Und wer betete ihn 
nicht an, der je mit Staunen erkannte, wie er so- 
gar im niederträchtigsten aller Wesen, im Men- 
schen, sich immer wieder zur Liebe, zum Frieden, 
zur Güte emporhebt? Er, der tausendmal bis in 
alle Meerestiefen des Hasses Gestoßene, — Er, 
der ewig leuchtend Auftauchendel 

Mußt du nicht, wenn du diese erlauchteste der 
Kräfte einmal geahnt hast, rufen: , Vater 1 Führe 
mich* } 

Tu s und sei Gottes unbewußtes Kind immerdar, 
und du ziehst das. Glück an, wie ein Magnet 1 

Ahl Du willst ihn nicht, obwohl schon die Ma- 
thematik der Sterne oder gar die den harmoni- 
schen Klangabständen genau gleichen Planeten- 
entferungen dich mit Gottvertrauen erildlen müß- 
ten? Du bist unreligiös von Natur? Unreligiosität! 
Bartsch, Botschaft. 2 



Du : das ist bloß der Mangel an Umgangsformen 
mit der Weltseele. 

Also Frechheit und Kälte ihr gegenüber, vor 
der du in namenloser Hingabe erbeben solltest. 
Nochmals: Sei, ungewollt oder sogar gewollt, 
Gottes Kind. Aber sei genügsam dabei ; denn wer 
genügsam ist, den liebt er am meisten. 

Sein Gesetz war zuerst da. In ihm erwuchsen 
wir und wurden. Und es ist nicht wider uns, weil 
wir ihn gemäß uns entwickelt und herangebildet 
haben bis zu seinen, heute annähernd mündig- 
gewordenen Kindern. Und nun den Vater schmä- 
hen, bloß weil er uns zu groß ist? Statt an ihn 
zu wadisen? 

Wachsen. 

Das ist aber etwas Unbewußtes. Darum ist es 
mir lieber, Gottes unbewußtes Kind zu sein. 
Darum sag^e ich : Selig, wer sich die strahlenden, 
ahnenden Augen des Kindes bewahrte! 

Darum sa^^e ich auch, daß wir zuerst mit der 
Gottesliebe beginnen müssen; 

Wer aber ist £R? Wenn man mir nur zwei 
Worte üefle, um ihn zu umschreiben, so müßte 
ich sagen: .Bewußtlose Vervollkommnung*. 

Merkt ihr aber, daß jedes dieser beiden Worte 
zugleich ein persönliches Fortleben nach dem Tode 
für euch selber ausschließt? Darum fuge ich an 

i8 



^ j . -Li by Google 



diesen ersten Satz, ihn zu lieben, sogleich den 
zweiten : Die Todesangst völlig überwinden, ja den 
Tod als Neubeseeler, als Nacbhauseßihrer, als £r* 
löser von namenlosem Heimweh zu empfinden. 
Nun aber weiß ich für beide nichts Besseres, als 
was beide eint, ja eins ohne das andere unmöglich 
erscheinen läßt : Gott zu lieben in der „ unbewuBten* 
Natur, seiner und unsrer unermeßlichen Heimat 1 

Die Natur mehr lieben, als den Menschen 1 

Diese Rede stelle ich bewuBt. Denn ihre Zeit 
ist endlich dal Sie war noch nicht da zu Zeiten 
Christi und auch nicht da in den Zeiten Mark 
Aurels. Aber jetzt sind wir herangereift. 

Ich weiß, welche Lästerung ich damit ausspreche: 
^Christus hatte soviel Naturgefühi wie du; ja un- 
ermefilicb mehr", wird man sagen, und: ,Er hat 
im Gleichnis von den Lilien auf dem Felde mit 
einem Worte mehr gess^t, als du in deinen ganzen 
Büchern.' Ich muß es schon hinnehmen, aber ich 
werde antworten: , Warum hat er befohlen, den 
Nächsten zu lieben und diesen Nächsten nicht auch 
der Lilie auf dem Felde zugezählt? Sondern ge- 
sagt: Es fäiit kein Vogel aus dem Neste ohne 
den Willen des Vaters und wie viel mehr seid ihr 
als em Vogel*? 

Das leugne ich; ich, der Arier! Ich, derlndo- 
gennane. Und jeder Engländer von Herz und 



19 



jeda* Nordländer und nun gar jeder Indier leug- 
net's mit mir ! Wir sind ebensoviel wert, aber nicht 
mehrl Und die Abmauerung des Menschen, in 
und ftir den Menschen allein, ist die größte Sünde 
wider den Geist, die jemals begangen wurde. Es 
ist eine Lüge, die nun, trotz des entsetzlich krassen 
Widerspruches aller Kriege, zwei Jahrtausende lang 
auf die entgötterte europäische Erde drückt, über 
welche, vergebens holdselig, der hier so verständ- 
nislose Nazarener schritt. Erl Alles Tierleben zer. 
malmend und unerhörte Qualen heute noch, beson- 
ders in Spanien, Italien und Frankreich über unsere 
armen Geschwister ermöglichend, die keine Zei- 
tungen haben, um Wehe euch zu schreien 1 

Diese Moral stammt aus dem Jahre zweitausend 
vor Ihm. Approbiert von Ihm und trotz der Nähe 
Buddhas weder vertieft noch naturbeseelt, im Jahre 
dreißig, wurde sie weiter geübt von den verwerf- 
lichsten der menschlichen Stämme, den europäi- 
schen, in stupider Versteinerung durch abermals 
zweitausend Jahre 1 

Da soll man den Menschen über alles lieben! 
Statt ihn sorgsam auszuwählen, ob er als Bruder 
wohl so ebenbürtig, milde und beglückend sei, 
wie der Baum, die Wolke und das stille, duld- 
same Tier? 

Die Nerven der Alten, aufier denen der Inder, 



20 



waren unbelehrt, mörderisch und grob. Sogar ein 
Mark Aurel bringt den ungeheuerlichen Satz zu- 
stande, den ich wohl nur aus dem Gedächtnis 
wiedergeben kann: „Die Mensciien, insoferne sie 
mir hinderlich werden, das gebührende Gute zu 
tun, sind mir etwas ebenso Gleichgültiges, wie die 
Sonne, der Wind, das Tier!" 

^Etwas ebenso Gleichgültiges!'' Ich müfite es 
schreien unter Blitz und Donner, daß diese drei 
und mit ihnen die ganze Natur uns ebenso lieb 
und innig werden müssen, wie die .befreundetsten 
aller Wesen", um auch ein Aurelsches Wort zu ge* 
brauchen, mit dem er seine Liebsten unter den 
Menschen nennt : £r, mit dem Söhnchen Commo- 
dus behöhnt. Denn mindestens ebenso schuldlos, 
ebenso gütig, ebenso nahe wie jene „Liebsten 
unter den Menschen' sind diese unsere stiUen und 
doch so beredten Geschwister. 

Die Menschen also von damals vermochten den 
Kreis ihrer Liebe eben noch nicht weit genug 
zu ziehen. 

Und ich behaupte, soL^^ar Christus nicht. Oder 
es ist das Weiteste und Innigste zugleich, das 
von ihm ausgesprochen wurde, gar nicht über- 
liefert worden • • . Weil nicht verstanden wor- 
den; von wem auch? Wenn sogar Jahrhunderte 
später ein Mark Aurel dieses Liebe (Sonne, 



Wind» Tier) ^etwas so Gleichgültiges^ nemieii 
konnte?! 

Die Erotik Gottes sollt ihr haben. Das ist 
alles. 

Nichts, was der Galiläer sagte, dürfte man mehr 
entbehren und nichts streichen von seiner Lehre ; 
es ist alles frisch, ewigschön und wahr« Nur er- 
weitern müssen wir sein Wort endlich. Endlich : 
Aus unsern feinnerviger und weitsehender gewor- 
denen Sinnen heraus und aus Herzen, durch welche 
inzwischen die Erkenntnisse und Feinheiten von 
zwanzig Jahrhunderten gezogen sind, seit er wan- 
deitel Noch heute kennt der Italiener das ankla- 
gende Tier kaum, und das gilt uns und den Nord- 
ländern der tiefste, vielleicht einzige Vorwurf, den 
wir ihm machen. Nur der germanische Nordländer 
und der Inder haben sich der Gottheit auch hier 
andachtvoll und ohne häßlichen, gottzerstörenden 
Hochmut zu nähern gewußt. Kennt ihr denn Tier 
oder Pflanze ? Kaum einige selig zu preisende For- 
scher wissen ein wenig von diesem unserm Mutter- 
schoße. 

Aus der sündenlosen, kaum unbewußt sich selber 
vor andere drängenden Pflanze rang sich das Tier 
los, verlor aber dabei schon die Unschuld samt 
der Sehnsucht der unbeweglichen Gebanntheit; 
es wurde scheinbar freier» aber es wurde gefähr- 



22 




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deter und gefährlicher, wurde ruhelos und bald 
Sündig am Bruder. Ja. Grimmiger» als die sanfte 
Pflanze, die kaum jemals so ihr ewiges ^ich« ich' 
ruft und grausamer wurde die Natur im Tier. Aber 
dafür fraßen in stets gieriger erwachendem Be- 
wußtsein zwei neue, entsetzliche Feinde sich ein: 
Angst und Schmerz. 

Nur die Fßanzen sind es, die nach Ciiristi Ge- 
bot leben: „Seid sanftmütig und von Herzen ge- 
duldig. Und wenn einer euch auf einen Backen 
schlägt, dem haltet den andern hinl" 

Es heißt, daß am Monde, auf dem uns immer 
noch so grauenhaft fremdartigen Monde mit sei- 
nem vierzehntägigen Sonnentage und mit seiner 
vierzehntägigen Eisnacht eine Pflanzenwelt sich ge- 
bildet hätte, mit dem entsetzlich schnellen Wachs- 
tum der Bakterien, aber in solcher Riesengröße, 
daß sogar unsere Teleskope sie langsam zu fassen 
vermögen. Amerikaner der Pflanzenwelt, die keine 
Zeit haben, die das Leben halbroh verschlingen 
und Wolkenkratzer auftürmen. Wenn aber die 
Sonne immer tiefer an den Rand der Krater sich 
neigt und Wehmut und Abendflamme immer näher 
kommen, dann neigen die Riesen ihre Häupter 
sanft wie einschlafende Kinder, ergeben sich in 
Nacht und Eis und träumen . . . Freunde; Sie 
träumen genau dasselbe« was wir alle träumen» 



25 



wenn wir, mit einem letzten insichsinkenden Seuf- 
zer, uns in Nacht und Eis geben müssen. 

Es tut nicht wehe. Denn nach vierzehn Tagen 
sind sie alle wieder da und wachsen bis in den 
Himmel vor Übermut und Verliebtheit, Hast und 
Lebensüberdrang. Das ist der Tod auf dem Monde. 

Oder wißt ihr denn, was für Kristalle, schauer- 
lich schön auf dem .erstarrten* Planeten andere 
Runen Gottes hingeschrieben haben? 

Das sähe ihm aber gleich, dem großen Unver- 
wüstlichen. Solch ein Vierzehntagsieben mit den 
ungeheuerlichen Sensationen eines Wachstums 
und einer Hast, daß sogar unsere wmzigen Fem- 
rohre langsam zu seiner Gigantik heranreifen. Jeg- 
lichen Planeten gewöhnt er seine andere Art von 
Leben ab, ebenso wie er schon im Sonnenfeuer 
längst da war und träumte; und wartete? Nein. 
Sogar dort wartet er nicht und ergrimmt in enor- 
men Protuberanzen und Fackeln, und in Polar- 
lichtern singt und dichtet er auch dort. 

Ihn aber überall so zu fühlen» das ist eine Re- 
ligion, die wirklich Je^icher vermag. Und wenn 
es auch nur auf einer untersten Stufe wäre, weil 
jede Religion nach den Vollkommenheiten des 
Menschen gestaffelt seui sollte, um niemand zu 
erschrecken und niemand verzagen zu lassen auf 
dieser unvollkonunenen und schönen Erde. 

24 



Freilich wäre das das Vollkommenste: Alles 
verzehrend heben, aber nichts verzehren. Also 
kein todesangstvolles Tier schlachten» um es zu 
fressen I Freilich wäre es, nach dieser höchsten 
Stufe, wenigstens gesetzmäßig, kein Tier Angst 
und Schmerz erleiden zu lassen, wenn schon ge- 
schlachtet werden muB. Mir als Jäger lautete stets 
der oberste Grundsatz meines Weidwerks; ,Gott 
gebe mir selber einmal solch ein Ende, wie ich 
es dem Wild zu bereiten bestrebt bin.* Und so 
vermied ich zuerst nach Möglichkeit Treibjagd 
und Schrotschuß, von welch letzterm besonders 

ich namenlose Qual ausgehen sah. Ich schoß mit 

der Kugel, arbeitete mich zugleich zum Schützen 
heran, dem das kleinste Ziel das liebste wurde, 

— bis ich auch die l-)üchse immer mehr auf der 
Schulter ließ und heute nur mehr Tiere schießet 
denen «menschenähnliche* Eigenschaften, wie 

Schlauheit, Sozial isieruiig- oder Rottung, Bosheit, 
Habsucht und Herrschsucht so empörend im Blute 
liegen, wie etwa der Krähe. Aber auch ihrer jam- 
mert mich schon und so sage ich: Als erster Stand 
auf Erden miißte der weise, denkende und ler- 
nende Gärtner gelten. Und vor dem heutigen 
, Siedler* ziehe ich den Hut. 

Unsere Zeit verieert sich ja bis zu den Men- 
schengesichtem hinaus. Und es ist mir eine Wonne 



und ein Trost, daß gerade diese Periode der fre* 
chen Schiebervisagen In ihren Automobilen, jener 
Halbtiere mit manikürten Nilpferdhufen — mit 
den grofien, leeren Porzellantopfgesichtem ihrer 
Damen neben sich, hinter denen ehedem Mädchen- 
seelen zagten, daß gerade .ihre* Zeit den hochge- 
bildeten Gärtner aus den trostlosen Städten hinaus 
und ins Grüne flfichten sieht. Der unwürdig ge- 
wordene Bauer konnte nicht mehr weiter hin zum 
Menschentum: da war es aus, seit er die religio 
verlor. Und niemand lehrt ihn. Der neue Garten- 
mensch wird ihn beleben und ergänzen. 

Fort also» weiter fort vom Menschen und näher 
zu jenem Leben, das der Mensch durchaus nicht 
allein bedeutet, ja, dem er fremder geworden ist 
als in jenen Zeiten, da Christus noch Menschen» 
liebe allein predigen durfte! 

Und Heiterkeit und Freude muß der Mensch 
haben; sonst schämt sich der Gott in ihm und 
wandert aus. Ja; wandert ausl So sehr braucht 
der Gott die Freude. 

Ich habe sie ; ich kenne sie. Aus Leid am Men- 
schen, aus Hunger nach wahrem Leben erstand sie 
mir und ist nictit mein Verdienst Wohl war jenes 
Naturallgefuhl in mir von vornherein da, aber es 
Ist wohl so, daB sich das, was ich Zurückverloren- 
hcit nenne^ niemals in mir bis zu so herzzerspren- 



26 




gender Kraft geballt hätte ohne die Sehnsucht 
und das Heimweh. 

Sehnsucht! Mit einem beinahe franziszeischen 
Herzen, das Mensch und Natur in unsagbarer Liebe 
schon im Kinde entgegen kam, wurde ich gerade 
als Kind verhöhnt und zurückgestoßen jahrzehnte- 
lang, nachdem ich sechs Jahre einsam gehütet und 
abgehalten worden war, wie es nie hätte sein 
dürfen. Wenn ich mit verlangender Seele auf die 
Spiele der Jungen auf dem Schloßberge, am Graz- 
bach hinschaute, hieß es: ,Pfui, Gassenjungen?" 
Und so saß ich unermeßlich bange, lange Vesper- 
stunden in schummriger Dämmerung allein im 
großen, alten Hause, das ich als Botzenhards Hei- 
mat im .Deutschen Leid" ja genau abgeschildert 
habe, hörte das immerwahrende Gurren der Tau- 
ben, erlebte das Gruseln vor den verstäubten, 
alten Winkeln mit ihren Bonapartesagen, und nie- 
mand war sonst, der mit mir redete ; nur meine 
eigene, geängstigte Kinderseele. So wurde ich 
sechs Jahre alt ohne einen Freund, eine Schwester, 
einen Iwameraden. Unsäglich allein! 

Dann aber gleich in dieMilitäfschule. Und gleich 
in eine, in der es kaum drei oder vier behütete, 
zarter beseelte Kinder gab, die sich ähnlich wie 
ich in das Schneckenhaus ihrer Seele verkrochen 
und auch nicht einen Laut ihres kleinen, schüch- 



4 



ternen Liedchens hören ließen. Sonst lauter Buben 
von Feldwebeln, Profosen, Hebammen, Amts- 
dienem und Fferdewärtera» die jener Roheiten und 
ihre Ausdrücke kannten, Kinder aus einer Welt, 
welche betrog, log, dienerte, Hafer stahl und alle 
Trinkgelder nahm, ob sie von Sträflingen oder 
Kavalieren kamen. Aus allerfeinster Stille einer 
ausgestorbenen Familie und aus einer nicht zu be- 
schreibenden Einsamkeit der Seele also kam ich 
gleich so recht mitten unters .Volk*. Sogar gleich 
in dessen Kanalgeschwemmsel. 

So lernte ich zuerst den Menschen kennen. 

Und so entstand meme sonst kaum erklärliche 
Scheu vor ihm, aber auch meine verzehrende Sehn- 
sucht nach meinen einzigen Kameraden, die mich 
nicht anbrüllten, drillten, kommandierten und ver- 
höhnten. Schweinsworte in überflüssiger Fülle hier 
— leises Rauschen, sanftes Bewegen und Zunicken 
und lockendes Wolkendahinziehen dort. Ich wäre 
damals in jeder Sekunde augenblickhch mit Wonne 
gestorben, wenn ich aus einem Menschen nur eine 
jener kurzlebigen Wiesenblumen eines einzigen 
Frühsommers hätte werden dürfen, durch welche 
im Juni die Sense hindurchrauscht. 

So oft also ich mich abstehlen konnte, und war 
es auch nur auf eine Minute, ging ich ,sie" be- 
suchen: die Resede im August^ die Manenfäden 




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im Oktober, die schneefreie Ilagcbuttenstelle im 
Dezember, die vergilbte Wetterdistel hinterm Zaun 
im Februar, die weinsäuerlich riechenden, jungen 
Heckenrosenknöspchen im Apni, den Wieseniuchs- 
schwänz und den Salbei im Juni, um nur schnell 
aus jedem zweiten Monat ein Nichts zu nennen, 
das mir alles bedeutete. Alles: — gegenüber der 
grauenhaftesten aller Kanaillen, von der verlangt 
wird, man müsse sie lieben. 

Nur wenn von jenen einer krank wurde, wenn 
sich gegen ihn die Tücke oder die Gewalt eines 
noch Stärkeren wendete, oder gar, wenn er das 
ScheuBlichste erfuhr, was ich auf Erden kenne, 
die «allgemeine Verurteilung' jener, die genau 
so schlecht, aber weniger temperamentvoll und 
unvorsichtig waren als er, da trat ich an den Boy- 
kottierten heran als der einzige* Die Leidenden 
also, die Mißhandelten, die Majorisierten und Aus- 
gestoßenen habe ich immer mit derselben ganzen 
Kraft geliebt, wie ich die bew^en Baimizweige 
und Gräser, das ewigmachende Wallen der Som- 
merwiese und den letzten Duft der Resede und 
des Ageratumstrauches liebte. 

Vielleicht gibt es nicht einmal einen Grabstein 
mehr, auf dem jetzt die Namen zweier toter Buben 
stehen. Es waren überwältigend boshafte, ego« 
zentrische, ja cäsarenwahnhafte Jungen, die alles 



29 



mißhandelten und duckten, die mich haßten, weil 
ich allein sie wenig beachtete und sie, aus irgend 
einem geheimsten Grunde, nie wagten, mich zu 
schlagen — und denen ich dann, als die Wut 
aller gegen sie losgebrochen, der letzte, einsame, 
stille Freund und Berater wurde. Ich bewahre 
gerne das Gedächtnis jener kleinen Tragödien voll 
Glück und Schmach, das solche Bonapartes der 
Kinderjahre, eben wegen der Hilflosigkeit, zu ant- 
worten und sich zu rechtfertigen, noch viel tiefer 
büßen und leiden läßt, als einen gestürzten Cäsar. 
Vorher der einzige Absagende, war ich dann ihr 
General Bertrand. 

Alldies sage ich nur, damit man meine Men- 
schenfeindschaft nicht etwa, wie ein Kathohk schon 
schrie, für .satanisch*^ ausgebe. 

Zurück zu den Dingen, durch die ich wurde. 

Als Kinder wurden wir durch die Natur ge- 
trieben wie eine Herde. Und wenn wo im winter- 
lich dürren Heidegras eine ausgeschossene Jagd- 
patrone, eine flockige Hasenbiume (wahre Schätze 
für einen kleinen Buben), oder gar in einem Bach 
eine dort vergessene feldflaschenartige Buddel lag, 
mit der man sich als Jäger und Trapper träumen 
hätte können, man durfte nicht aus Reih und Glied, 
sich so was holen. Ein Grimm der älteren Kame- 
raden ohnemaßem entbrannte, wenn der Kleinere 

30 



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sich ein Stückchen Glückstraum wahrmachen 
wollte, und unfehlbar wurde das begehrte Stück- 
chen selber genommen oder zerschmissen. So kam 
mir der Mensch. Tagaus, tagein. Bosheit aus reiner 
Unterdrückerlust, aus Grimm, weil der andere 
überhaupt da war und wünschte. Und so sehe ich 
heute noch, wenn schon nicht alle Erwachsenen, 
aber doch die Staaten. Die tun, was sonst, in ent- 
setzlich unbewußter Schamlosigkeit, nur Kindern 
möglich ist. 

Darum rate ich jedem, der sich aus solcher Welt 
w^sehnt, es mit dem wundervoll stillen und rei* 
chen Wege zu versuchen, den ich gegangen bin. 

Warum ergreift uns der Anblick einer Straße 
am meisten dann, wenn sie eine Höhe erreicht 
oder gar stundenlang über freie Höhen ziehA War- 
um eine Kirche, wenn sie über die Waldtannen 
einer Bergspitze hinaus ihren kleinen, roten Turm 
emporstreckt? Warum ein Wirtshaus in leerer 
Ebene, an vereinsamter Wegbiegung unter den 
einzigen Bäumen der ganzen Fläche mehr, als das 
schönste in belebter Straße? Warum ein Maibaum? 
Warum ein einzelstehendes Bauernhaus, warum 
überhaupt die eigensinnige, reiche, einzeliiafte Par- 
zellierung vieler; verschiedener, also bunt gear- 
teter Besitztümer? Weil all das einsam ist. Und 
hervorragt. Weil es des Menschen Tiefstes ist, ein- 



sam zu sein und hervorzuragen. Und weil es jäm- 
merlich unwahr ist, daß er den Weg der Ameise 

und Biene zu gehen habe, um zu versinken im 
Massenwesen. Widerführe ihm das, er bliebe nicht 
Mensch. Mensch mit einer einsamen» mit einer 
Höhenseele. 

Es macht uns der allzustete Dienst fiir andere 
unfrei und darum unschön. Am trostlosesten aber 
bleibt der Mensch, der sich der Masse beugt, statt 
sie zu beherrschen. 

Ach, was rede ichl Woran denke ich da? Was 
ist mir der Troll und Trott demonstrierender, 
gieriger Buben, die Wein und Kino haben wollen, 
gegen die Vorgärten am Lande im März! Wo ist 
das Menschliche und die Seele? Darum sage ich 
euch : Rettet sie weg von dem, was sich Mensch 
nennt und nie, nie Mensch werden kannl 

Daß es heute noch eine Welt gibt, in welcher 
sommertagsheiß die ro^oldenen Föhren duften, 
Knarrheuschrecken auffliegen, welche rote oder 
blaue Flügel zeigen, daß Abende atmen, die voll 
fernem Jauchzen und Singen sind und an denen 
stilltraulich hockende oder wandernde Lichter in 
Rebengängen erwachen, daß ein einziges Primel- 
nest im März beseligender lächeln kann, als die 
süßeste Kinoschauspielerin: wissen sie das? Und 
was waren sie, wenn sie das wüßten? Den selben 

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Göttern nahe. Eben Kinder. Und ich weiß, daß 
alle* Kindmenschen mich hier grüßen und ver- 
stehen. 

Ich aber war, beinahe allein, eine lange Jugend 
unter jenen Hassenden, Gemeinen, oder lüstern 
Schweienden und Unzufriedenen, und ich wurde ' 
2um Dienst erzogen und angehalten durch Lehrer, 
für deren Maskenhaftigkeit, Kälte oder eigene 
Hilflosigkeit ich nur manchmal ein dumpfes Be> 
wußtsein bekam, wenn ein Erzherzog inspizierte 
und die Ehrenmänner uns drei Tage vorher auf 
Betrug hin abrichteten. 

Da wurden unsere Lehrer wie wir Buben, wenn 
wir zu einer Prüfung schwindelten. Nur betrieben 
sie dasselbe vor unser aller Augen wie eine heilige 
Sache, was sie sonst niedrig, feige und betrüge- 
risch nannten, ni ihrer heilig flammenden Ent- 
rüstung. So wurde ich immer wieder weggetrieben 
von den Menschen. Und immer tiefer, edler und 
aufrichtiger schienen mir die kleinen Unbewußten, 
Ja sogar das Gewitter und. den Blitz liebte ich ; 
lange, ehe ich noch innewurde, daß auch sie schon 
zu den gestürzten Größen gehörten, denen ich 
so gerne nahekam. Heute leistet ein kleines Länd- 
chen mit seinen Wasserkräften das Tausendfache, 
was Sü ein herrlicher Blitz an Dynamik zuvvege- 

bringt. Und doch überschauert mich eine Wonne 
Bartsch« Botschaft. 3 

33 



ohnegleiclicn, wenn ich an Zeiten denke, die viel- 
leicht über das verlogene Europa kommen^daß dort 
Einöde sein wird, wo vorhermeineKatneraden mich 
am Exerzierplatz .emporbildeten". Der Blitz aber 
bleibt. Ich wünsche die Einöde nicht. Ich ersehne 
aber, daB es immer weniger Reih und Glied, dafür 
aber meine Art von Menschen, einsame Menschen 
gäbe, wie ich mit solchen nie — oder bemahe 
nie in meinen Schulen zusammenkommen durfte! 

Die sollen das Land zum Blühen bringen. Ich 
sage aber, daß ich mit Wonne jenes Volk aus- 
sterben und sein Land veröden sähe, das an- 
dauernd von Korporalsnaturen geführt würde. 
Sie bliebe ja, die ewig ersehnte Natur. 
Daß ich sie mehr liebte als meine Mutter und 
mein Familieiihaus, daß ich aus und zu ihr durch- 
brach, wo und wie ich nur konnte, wer wird mir^s 
mißverstehen ? Der Urtrteb war in mir da, seit ich 
weiß, daß ich bestand. Aber erst durch das Ver- 
bot, durch jene Menschen rings um mich, durch 
die lockende Nähe der Berge, Femen und Wälder, 
die meine Kindheit dennoch umgaben, wurde er 
das, was mich heute noch überwältigt, wovon ich 
lebe, mit dem ich sterben werde und was mein 
bestes, wenn nicht mein einziges Teil auf Erden 
ist. Das, wodurch ich wahrhaft schenken kann. 
Vielleicht mußte ein heute scheinbar so Ein- 



34 




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seitiger kommen wie ich. Damit die Menschen in 
ihren grauen Städten eine achte nach den niebe- 
. folgten sieben Seligkeiten kennen lernen, der sie 
nachgehen können: Vom robusten Schieber bis 
zum armen, feinnervigen, verbildeten Literarjüdelf 
vom Bäckergesellen bis zum Fabrikdirektor, vom 
gottesfernen Techniker bis zum lungenkranken 
Theosophen, sie könnten alle. Die Naturseligkeit 
ist allein imstande, alle Menschen zu erlösen. Und 
eine Stunde Erlösung ist schon viel. 

Als mir eine Wiener Volkszeitung jenen Spitz* 
namen .Casanova von Assisi* anhing, staunte ich 
über die Intuition des Spötters. Wirklich : Im Sin- 
nengenuß warf ich mich an die Natur bis zurOr- 
giastik; bis zur Vergeudung, wenn sie nicht so 
belebte ! Alles stellte ich auf diese Liebe. Im Natur- 
gefühl ersehnte ich sogar den Tod und vergaß 
alles und alle oft, mindestens aber auch meinen 
Vorteil. Ich werde vielleicht arm bleiben und seitab 
weggeworfen sterben, deshalb, weil meine Bücher 
zu voll sind von jener Sinnesseligkeit. Denn ich 
fürchte, zum Lohn für das, was ich war, wurde 
und bin, aus der Mode zu kommen. Aber ich 
weiß auch, dann werde ich in Assisi enden und 
nicht in Dux. 

Und: Wenn durch einen Selbstmord? Ich hänge 



35 



sehr dem Gedanken an eine , Selbstzerstörung' 

nach, wie sie lieimgehender, beseligter, friedlicher, 
kampffreier und dankbarer entsagend noch nie- 
mals verübt worden wäre. Ich neige aus Erbteil 
durch meinen Vater dazu : beängstigend sehr, wür- 
den andere sagen. Beruhigend sehr, denke ich. 
Denn ich gehe doch nur von Menschen weg, die 
ich so wenig lieben konnte, zu meinen Elementen 
hin, die ich so verzehrend liebte. Sollte es also 
jemals geschehen, daß ich ohne hinterlassenen 
Brief freiwillig eine schwermütige Stunde benütze, 
um genau soviel zu sein wie Wolke, Kristall oder 
Welle, so bitte ich meine vielen mich mißver- 
stehenden Freunde, daran zu denken, daß es 
nicht aus Verzweiflung geschah, sondern aus Sehn- 
sucht und Heimweh nach der geliebten Unbewußt- 
heit und nach meinen einzigen vollen Freunden 
auf dieser Welt. 

Ich. sage nur: Ich könnte. Und ich will damit 
durchaus an hoffende Kollegen keine leeren Ver- 
sprechungen abgeben. 

Aber wirklich : Der Tod ist mir kein Tod. Manch* 
mal .iber das Leben. Dann allein weiß ich mich 
verwundbar und sterblich auch mitten in meiner 
Kraft, wenn die Natur sich mir versagt. Vor allem, 
wenn mich, wie es geschah, etwas von ihr, zu 
der ich gehöre, entfernt. Eine Wunde am Fuß 



36 




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ertragen, die mich nicht so schwächti daß ich 
wie ein Halbbetäubter dahinliege, sondern vor 
Lebensüberschuß tobe. Stillcliegen, mich verhok- 
ken? Das müßte ich erst lernen. Bisher besuchte 
nüch dann stets die Schwermut; jene Schwermut.' 
die ich nur dann so gut, so erdrückend gut kennen 
lerne, wenn die Natur sich versagt. Im November 
etwa. Nur dann greife ich zu den Waffen anderer 
gegen die Leere, und nur dann suche ich wie andere 
ein Ziel, um mich selber aufrecht zu erhalten. Und 
nur dann begreife ich die Menschen 1 

Eine Waffe gegen die Leerheit. Im November 
die Jagdwafife. Wenn ich den Nebel nach Wild 
durchspähe, vergesse ich, daß der Himmel zweck* 
los und endlos grau ist und daß alle Hoffnungs- 
losigkeit Undurchsichtigkeit heißt Wenn ich zu 
Hause dahinliegen muß, dann nur lese ich, nehme 
als Waffe die Gedanken und Tröstungen anderer, 
ihren Zweck, ihr Leid, ihre Kämpfe als Ziel. Sonst, 
dort draußen, brauche ich keinen Gott, mir zu 
helfen. 

Und dennoch gäbe ich diese enorme, alles aus- 
fällende, todessehnsüchtige Wucht meiner Schwer- 
mut um nichts her: denn eben sie zeigt mir, wie 
süß und leicht und gewinnbringend das Unbewußt- 
sein ist gegenüber dieser Last gedanklichen Elends 
und leidender Betrachtung, die erst im Menschen 

37 



«auf sich selber kam" und damit auf den Jammer 

unseres , reichen* Daseins. 

Kein Stein sinkt so rettungslos in trübes Wasser 
und so ungesehen, lastend und müssend, wie ein 
Mensch in die ihm vorbestimmte Schwermut. 
Könnte ich ihm dann nur d as mitgeben, daß die 
Natur am grauesten Novembertage selber nicht 
schwermütig ist, sondern annähernd bloß so, wie 
ein körperlich tiefmüder Mensch, der in Schlaf 
versank! Da man während ihrer Absage dennoch 
lebt und oft leider so andersgestimmt lebt, als 
sie, so ergibt das eine böse Zwiespältigkeit; aber 
jene Zwiespältigkeit, von der die Natur selber nie- 
mals loskommen kann; von der positiven und ne- 
gativen Elektrizität angeiangen bis auf Mann und 
Weib. Nun, ich kann sagen, daß dieser uns öfter 
belebende und seltener quälende Dualismus zur 
Seelenpein wird im Menschen, der sich in die 
Natur hinein vergottlicht. 

Hinein vergöttlicht. Das ist kein Wort des Über- 
mutes. Das ist ein Wort tiefster Hingabe und De* 
mut. Sie verlangt vorher sogar ungefähr was ähn* 
liches, was die Inder Yoga nennen und was eng- 
lisch-deutsch mit Seelentraining zu übersetzen 
wäre. Es steht mir kein so deutliches eigenes Wort 
für dies mir sonst Unsagbare zur Verfügung. Aber 
daß man dieses «im Leben dem Gotte zurück- 

3S 




sterben* unsagbar sehnlich begehren und erringen 
muß — und daß es dann erlöst (soweit einer 
überhaupt erlösen kann» ein armer Vorläufer, 
nach dem viel Siegreichere kommen werden), 
das zu sagen bin ich gekommen. 

yWir entwickeln uns?" «Wir entwickeln uns 
nicht?" „Wir gehen aufwärts?" .Wir gehen ab- 
wärts?' ,Wir gehen in Spiralen« die endlos zum 
Zentrum fuhren?' AU das ist wahr, so sehr es sich 
widerspricht. Wurde ich es sonst gewußt haben, 
ehe ich es las? Denn gesagt ist sicherlich auch 
das worden. Ich lese sehr wenig. Ich weiß aber 
das: Nur was sich herumspricht, ist lebensfähig. 
.Ich habe davon gehört*; das ist das Allerbeste. 

Ich habe mich also auf nur eines gestellt: 
Ewig jung, südseehaft abwartend, zugleich aber 
in keiner Weise nach Erkenntnis eilend oder 
etwa gar im Wiedermitteilen eben gelernter Dinge 
hastig zu sein, sondern einer, der Jahrtausende 
Zeit hatte und vor sich noch hat. Was liegt an 
mir selber, .mehr' zu werden? Ich brauche 
bloß diesen Keim und Samen, der in mir, eben 
inmitten des Druckes einer entsetzlichen Jugend 
entstand, zugleich mit dem aufrichtigen Geständ- 
nis hinzuwerfen: Ich bin ein gütig vom großen 
Bewußtlosen gewollter Zufall. Dann kommen schon 
die Eifrigeren, wohl gar die Stärkeren und Ge- 



39 



heiligteren von selber nach. Sie sollen nur mein 
Werk nicht, wie sie von jeher zu tun gewöhnt 
sind» abermals überspannen und dadurch unmög- 
lich machen, sondern sollen bedenken, daß alle 
Religionen und alle Philosophien daran starbcnt 
daß Genies ihre Aufstellungen nur immer wieder 
für Genies (moralische oder geistige) machten. 

Ich bin aus heiterm Mittelmaß und spreche 
für dieses. 

Aber Ich komme aus dem Düstersten, was man 
sich denken kann: einer entsetzhch lichtlosen 
Kindheit und habe mein Fegefeuer und meine 
Läuterung hinter mir. Zu den Lebenden, also sehr 
Materiellen rede ich. Zu wem sollte man denn 
sonst reden auf Erden? Zu Genies? Die sind sich 
selber mehr als genug und verderben an sich selber. 
Das moralische Genie reicht wohl, wie ein von 
einem Athleten im Wettkampf gegen Schwächere 
geworfener Stein, weiter in die Dunkelheit der 
Zukünfte; aber er fällt beinahe immer am gefehl- 
ten Orte, mißtönend und zerstörend, ein. Was mit 
uns er m (mit unserm leider praktisch sein müs- 
senden) Leben zu tun hat, soll für dieses ausge- 
wogen sein. Ich für mein Teil erkenne das mora- 
lische Genie als erlösend nur in der Musik an und 
in den bildenden Künsten, wo es nicht durch das 
falschbare Wort schädlich werden, sondern nur 

40 



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neue Begeisterungen entflammen kann. Wo das 
Klägliche (aus Affen- Warnlaute und Affen-Be- 
gehrenslauten Entstandene) die Sprache, diese 
größte Armseligkeit des Menschen, ihrer Mutter» 
der Notwendigkeit entrinnt, da schadet sie ent- 
setzlich. Nicht ein genialer, rel^onsfordemder 
Redner, nicht ein Idealaufbauer, der nicht Blut und 
Tränen, Mißverständnis und Lüge über alle Erdenk- 
barkeiten, auf die armen Zufailiggebomen herunter 
gebracht hätte ! O h n e die Menschheit anderswohin 
zu lenken, als daß ein paar Aussenstehende sich 
mit ihm einzurichten und wichtigzumachen wuß- 
ten; — oft eher zum Schaden aller andern. 

Und die Lehre des Gründers obendrein der- 
maßen abänderten und verschändeten, daß er sich 
mit ihnen trotz aller Seelenhaftigkeit auf Revolver 
geschossen hätte, wenn er seine »Vernewerung* 
erleben hätte müssen. 

So ist das Werk der Auswüchslinge, der Wun- 
derlichen, also Bewunderten So sieht das mensch- 
liche Raritätenkabinett des Genies aus, und das 
wenigstens verdanke ich der mich umgebenden 
Roheit in meinen Kinderjahren, daß ich weiß, daß 
man seine Empfindungen und Seelengelüste nur 
sehr vorsichtig in Hinblick auf andere üben oder 
gar als Gemeingut ausrufen darf. Was dem Men- 
schen nicht gemäß und möglich ist, überläßt er 

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den Scholasten zu affenhaft übertreibender Ver- 
renkung. 

Aus der Not meiner einsamen Seele heraus und 
aus dem Korrektiv, das jene Untermenschen an 
mir übten, jene höllisch boshaften Peiniger in 
Fischau, entstand unter Schmerzen mein mir selber 
wahrlich als golden empfundenes Mittelmaß. Ich 
hätte mich steigern können bis zum Äußersten, 
denn meine extatische Natur trieb mich dazu. Im 
wohlangebrachten Hohn der Jugendgenossen mäs< 
sigte ich all das zu mir selber hinunter und duckte 
die Eitelkeit des Mehrseinwollenden zum Glück 
des Mehrgebenkönnenden. 

So denke ich und das ist wahr. 

Im Bewußtsein dessen, das überreich zu haben 
und genießen zu können, was Goethe das höchste 
Glück der Erdenkinder nennt, vergrub ich das 
Pfund einer , Persönlichkeit*, wie ich sie ähnlich 
selten gesehen habe, verbarg ich mich; vergrub 
etwas, was ich nicht für ein ,Pfund*, sondern fiir 
Eitelkeit hielt. 

Ich habe der Einsamkeit, wie man sagt, ^viel 
geopfert* und später einmal wird vielleicht ein 
rechtlich Denkender zusammenfassen, was ich, der 
so oft ganz zunächst den Herrschenden seiner Zeit 
stand, von der Zeit erreichen hätte können, und 
^was* ich hingegeben habe. Sogar das opferte 

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ich mit» wonach ich mich mein Lebelang gesehnt 
habe, an was ich aber niemals glauben gekonnt: 
Jünger. 

Denn solange Einer lebend lehrt, zieht er sich 
rettungslos nur kleinere Jünger, als er selber ist 
Wer sie abhält und stirbt und hinterläßt, wer be- 
scheiden genug war, nicht Lehrer, sondern bloß 
Vorläufer zu sein,, der erweckt die Größeren. 

Das möchte ich. Ich gebe bloß einen ersten 
Hauch. Kommen wird schon der, weicher den 
Feueratem hat. Ich mag Ihn weder sehen, noch 
kennen, denn ich weiß, ich müßte ihm nur zu- 
rufen : Rede und bleib so, daß du die Menschen 
nicht überspannst. Bleib ihren bald dürren, bald 
wIndübersausten, bald meereinsamen, bald gewinn- 
süchtigen Möglichkeiten gemäß, wie sie sich dir 
sogar aus den Pflanzen symbolisch entg^^endeu* 
ten: dann nur ist es möglich, den Menschen natur- 
durchbebt, ahnungsbereit, also göttlich — und 
glücklich zu machen. 

Immer wieder bewundere ich Grott in den Pflan« 
zen. Er ist dort schöner als in uns selber, ist ebenso 
groß wie bei den Sternen in seiner Mathematik 
. und manchmal beinahe ebenso gierig, raffiniert 
und schuldig wie wir. Und doch immer schuldlos 
zugleich. Immer aber erstaunlicher als wir, weil 
unbewußt genial. 

43 



Seit kindher erfuhr ich auch was ganz Positives 
von ihnen I Sobald Menschen unerträglich wurden» 

Menschen, zu denen auch ich mir selber gehörte: 
ging ich zu den Pflanzen. Da zog es langsam 
und zaubervoll in mich ein, Strö«me zogen in 
mich ein, Positivströme; Kräfte, wie das Hand- 
auf legen Christi Wirklich : Und auch die Alten 
kannten diese allverteilten Kräfte, die man suchen 
und holen gehen kann, wie Heilkräuter. Nur mach- 
ten sie PersönUchkeiten draus. Dryaden. 

Bei ihnen fand ich die Erlösung. 

Sie ist uns überall offen und wird groß, wo wir 
nicht allzusehr rennen und zu, gescheit sind. In 
meinem ersten Buche (und da war ich so unbe- 
wußt wie nur irgend ein Tier, denn ich hatte fast 
nichts gelesen und nichts gelernt) sagte ich, daß 
ein junger Mensch beim Anrufe der ersten Amsel 
im Frühling stehen bleiben müsse, als riefe der 
Heiland selber ihn an. Der junge Kantilener, das 
schildere ich in unbeholfenen Worten, steht stille 
in der schwindelnd machenden l^j kenntnis, daß das 
Gotteskind aus Galiläa ihn durch die Amsel anrufe: 

Selig die Sanftmütigen 1 

Selig, die nach Vollkommenheit dürsten 1 

Selig die Reinen und selig die kunstlosen Herzen, 



also selig die Unbewußten! 

44 



Als ich meine „Zwölfe" schrieb» ahnte ich das; 
ebenso stark und besser, als ich es heute sagen 
kann. Denn Fühlen ist stärker als Geschicklich* 
keit der Ausfuhrung. Ich tue nur meine Pflicht, 
indem ich es zum Beschlüsse meines Schatiens 
deutlicher mache. Der Traum des Lebens ist 
wesentlicher, als die Bewußtheit des Lebens; 
das meine ich. Darum soll man soviel als möglich 
zu denen zurückgehen, welche träumen; um ewig 
jung zu bleiben an ihnen. Um niemals sterben 
zu können. 

So viel als möglich. 

Im übrigen tut jeder ja doch, was er in den 
vielen, ihm auferlegten Stunden seines Lebens ab- 
büßen und abtragen muß. Dieses Leben kann ihn 
erheben, es kann ihn zerdrücken. Auflösen und 
ewig machen wird ihn nur das, was ich ihm, für 
Feiertagsstunden, anrate. 

Ich erwähne, daß die Medier oder Perser große 
Gartenanlagen in all ihren eroberten Gebieten, 
nach einem der Hauptgebote ihrer Religion, stif- 
teten. Um in ihnen geruhige Menschen zu er- 
ziehen, wie ich meine. Ich habe das, lang ehe 
ich es erfuhr, gewußt, und wenn auch erst spät 

im „Rabesam" gesagt, daß es Städte gahe, die 
seien der Gottheit näiier als andere. Be- 
sonders sie, wenn nicht nur sie, erzögen gott- 



45 



hafte Menschen. Das wären ausschlieAlich die 

Städte mit den gewollten uder ungewollten großen 
Garten. 

Vielleicht gab mir das Beispiel Epikurs die erste 

Anregung zu dieser oft nachgeprüften Tatsache. 
Aber, abgesehen von den attischen ülbaunüiai- 
nen : Von Schiras über Granada, von Rom und 
Florenz über l'aris, und l^ei uns zu Hause von 
Wien über München und Graz, führt der Weg der 
Besinnlichkeit durch Gärten. Und eine Garten- 
menschheit ersehne ich; eine abendhch ausru- 
hende, welche die Dämmerstunde heiligt und so 
jeden Tag Sabbat hält. . Abendkinder*, habe 

ich im Rabesam gesagt. 

£s gibt kaum einen Menschen in und aufieriiaib 
Deutschlands, der Berlin nicht die entsetzlichste 

Stadt der Erde nennt. Und dennoch, sie hat etwas, 
das jeden eiu-iürchtig macht. Sie hat Gärten. Und 
darum gedeihen sogar dort immer noch allerfeinste 

Menschenkinder, dort vielleicht mehr aU anderswo, 
weil man solche Feinheit unter solchen Geidver- 
dienstmenschen nie erwartet, und nun nehmen sie 
sich zusammen. Was aber soW man erst vom ver- 
lästerten Preußen sagen, wenn man die 1 ausende 
von Kleingärten am Rande der Stadt sieht, wo 
eine anonym gottseHge Menschheit dem Sande 
mit ergreifender Mühe und Inbrunst das bißchen 

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^ j . -Li by Google 



Bohnenrankenwerk und Schatten abringt, unter 
den, in allerliebster Zähigkeit, Humus gehäuft wird, 
bis ein winziges Paradies fertig ist. Ja, muß denn 
gerade in Berlin die Menscheit nur in den Nacht- 
lokalen gesucht werden? Hat niemand noch dies 
Ergreifendste am Deutschtum bemerken wollend 
Gerade dort. 

Mein Graz zum Beispiel ist eine entsetzliche 
Stadt» was Menscht angeht. Vielleicht ist es darin 
schlimmer als Berlin, weil es eine viel unfleißi- 
gere, unintelligentere, zur Bösartigkeit auch in 
Klatsch und anonjrmen Verdächtigungen nei- 
gende Bevölkerung hat. Ewiger Krakehl, ewige 
Gehässigkeit, Straßentumulte, Jugendroheit, aber 
immerhin auch große Leidenschaften, neben den 
zahllosen kleinlichen. Wenn ich von der Bevöl- 
kerung dort rede, sage ich manchmal nicht: , meine 
Landsieute'* , sondern : , die dortigen Eingebornen'' 
(nativs). Aber was für Blüten, was iär unerhörte 
Feinheiten bringt jene Stadt der anonymen Briefe, 
der Straßen-» aber auch der Theaterkrawalie her- 
vor I Was für herrliche Menschen I Was für Frauen ! 
Was für indisch versunkene, die ganze Welt mit 
einer leisen Bewegung abwehrende Männerl Und, 
immer wieder, was fUr eine köstliche, fast uner- 
reichbar eigensinnige Jugend! 

Daß mich gerade in meiner Heimatstadt die 

47 



Jugend selten nachgeahjnt und damit den andern 
Menschen verekelt hat: was für eine unbändige 

Kraft und Selbstherrlichkeit allein spricht schon 
hieraus! Kein Mensch in Graz weiß auch etwa, 
dafi Fischer von Erlach ein Grazer war, oder heute 
Keller, vielleicht der feinste Baumeister dieses Pla- 
neten. Weil sie eigensinnig sie selber sein wollen. 
Was habe ich dort für Menschen gefunden: Wie 
nirgends sonst. Denn, weit gefehlt, daß man be- 
rühmt zu werden brauchte, um zu den letzten 
Weihen entrückten Menschentums zu gelangen 1 
Wenn abends um sieben die alte Türkengiocke 
läutet, die aus eroberten. Kanonen gegossen ist 
und von diesen verlästerten Bürgern mit großen 
Opfern den Franzosen entrissen wurde, welche 
Glocke und Turm zerstören wollten, wenn diese 
größte, die einzige weltliche und zugleich die ver- 
geistigste Glocke der Stadt, im Frühling, im Herb- 
ste, die Dämmerung einläutet, dann stehle ich 
mich durch die leeren Alleen und gedenke derer, 
die ich dort nach meiner stillen Weise liebte. 
Jene Menschen, deren Angedenken ich mich in 
solchen Stunden weihe, waren reiner und besser 
als ich. Und nicht nur an Tote denke ich dann. 
Sogar jüngere Leute sind darunter, die erst im 
Werden sind oder noch in vergeblichem Ringen. 
Wie alle dort haben sie es aufgegeben oder nie 



48 



versucht, an mich heraazukommen. Manche ken- 
nen mich gar nicht, ich aber kenne sie. Solche 
werden dies mein Werk vollenden, wenn ich nicht 
mehr bin, das Mile ich. Und all das, weil ein 

stiller Berg und ihm angeschmiegt ein „Garten 

Über allen Gärten'^ mitten in dieser Stadt ist. Ein 
Garten, an alter Bastd, der za reden anfängt, 

wenn die Vielen aus ihm fort sind und die Ein- 
samen herauskommen zu seinen gestillten Alleen. 
Nie würden so, wunderbare Menschen dort ent- 
standen sein, wenn jene Gärten nicht wären! 

Der Schloß berg, der Stadtpark. Ehemals noch 
em dritter; der botanische Garten, den ein Erwerbs- 
schuft zerstört hat. Aber die Menschen, die in ihm 
wuchsen, wie ein Unger, ein Haubehsser, oder 
gar ein Rosegger, ^ sie bleiben. 

Es war viel Tiefes dort in den Menschenseelen 
seit dem halben Jahrhundert, das jene Gärten als 
«alt* kennt, und es wird noch viel mehr werden. 
Ich weiß es. Denn jene, jetzt erst hundertjähri- 
gen Gärten erziehen schon heute die Ausser- 
ordentlichen, loh glaube fest, daß sie aus Gärten 
kommen müssen. Sie werden völlig- anders sein 
als ich, aber in tiefster Seele meine und meiner 
Bäume Kinder. 

So viel, so merkwürdig viel erwarte ich von 

den Bäumen. 
Bntsch, Botscbaft. 4 

49 



Wenn sie bisher nichts Besseres als Leute wie 
mich der Welt hinreichten, so war es, weil sie 
nicht ehrwürdig alt waten wie jetzt oder weil die 
Zeit, in der sie wuchsen, keine Zeit bittersten 
Druckes und größter seelischer Not war. Jetzt ist 
diese Zeit da; jetzt werden aus allen alten Garten- 
städten die Endlichen, die Erlosenden reifen. 

Da fällt mir ein, was Krupp in Essen getan hat 
mit seinen Gärten. Ja, der Deutsche! In fünfzig Jah- 
ren wird es sich weisen, was auch dort blühen muß. 

Der Schweizer tut es nicht. Der Franzose tat 
es, als er eine fränkische Adelsschicht über sich 
hatte. Nur darum wuchs der Duft von Paris. Der 
Deutsche tut*s sogar in Essen I Gärten . . . Dieses 
Volk wird niemals umzubringen sein. Es baut sich 
ja die Erde selber, aus der es sich zu immerdar 
neuer Frische emporringt. 

Gärten. Was für ein Adel c; eh ort dazu,, sie an- 
zulegen, die der Schöpfer kaum mehr erlebt. Der 
große Fan ist tot. Der Adlige ist tot. Wer wird 
fernerhin adlig genug sein, dem großen Fan Gärten 
zu errichten? Wird die neue Generation weiter- 
bauen? — Daß es geschehe» dazu sollen diese 
Zeilen helfen. 

Kennt wer das Wunderbare, daß der Mensch 

verliebt sein kann j,in irgendetwas", und weiß sel- 

So 



ber nicht, in was} Im Frühling ist es am stärk- 
sten ; aber auch in der brennenden Abschiedszeit 
des Herbstes. Ohne Ziel, ohne Gegenstand stöhnt 
oder seufzt das unverbesserliche Herz in Gltick und 
Qual empor, und die Arme breiten sich — irgend- 
wohin! — Ergreifen sie dann, wie es bald ge- 
schieht, einen Gegenstand der Liebe, er bietet 
ihnen nicht ein Zehntel jenes unbeschreiblich se- 
ligen und vagen Schmerzlichkeitsgeföhls, jener 
reißenden Sehnsucht. 

Von solcher Art ist die Liebe zur freien Natur. 
So arg weit, so bis beinahe zum Zerspringen vor 
Glück kann der Jubel innerer Angefülltheit gehen, 
wenn jene Ströme des Mai oder des Hochsom- 
mers, oder des verschwendenden Herbstes in uns 
eingezogen sind. Darum verlange^ ich von euch, 
daß ihr das wollt, ja übt, vonkindher. Damit ihr 
Unsterbliche werdet mitten in diesem Leben. 
Wichtiger und beglückender als euer eigener ge- 
ringer Lebenszufaii soll euch die Welt der Fer- 
nen, der Farben, des Lichtes, ^des Duftes und 
besonders der Pflanzen werden, unserer beseligend- 
sten Vorbilder. In euch wird das Gefühl übermäch- 
tig: All dies, was ich mehr liebe als mich selber, 
was mir vor Inbrunst beinahe die Brust zerspreng^; 
es bleibt doch da, es ist ja unverwüstlich ! 

Immer verliebt sein. Immer die Erfüllung hin- 



51 



ausschieben, immer den Bäumen und Blumen von 
der vielen Liebe heimlich erzählen, die uns durch- 
drängt — und wir sind dem Tode für ewig ent- 
ronnen. 

Die Pflanzen sind bald, was die Kindergenies,' 
bald auch die grotesken Titanenkünstler unter den 

Menschen. Mozart ist ganz zärtliche Rose und 
Schubert völlig Veilchen. Schumann hat manch- 
mal was orchideenhaftes und Chopin erst recht; 
Rossinis allzufrüh abgerissene, beklagenswert 
schöne Kunst ist wie goldnes Birkenblattgeträufel 
im Herbst, Beethoven ist mir die Edelkastanie, 
Bach die Eiche. Beide letztern manchmal groß und 
drohend, aber im Tiefsten des Planeten wurzelnd, 
wie ein Nordlicht. Mir ist ja das Nordlicht auch 
nichts als eine Blüte; ein wie sie wunderbarer Aus- 
trieb jener dunklen Sehnsucht, die mir heiliger und 
wichtiger als jede klare Bestimmungsfähigkeit ist, 
so daß ich mich wundere, wie man es nicht als 
Blume ansehen kann. 
Seid unsterblich. 

Die Wolken allein schon: Haben sie nicht Cha- 
raktere wie die Menschen? Sind nicht rokokohaft 
zärtliche, kleinkunstliebende unter ihnen? Und un-* 
schlüssig dahingrämende Melanchohker ? Geballte 
Choleriker, die einen entsetzlichen Grimm in sich 
trs^en oder auch unbewußte Unglücksstifter, wie 



S2 



schöne Frauen oft sind; die in üppiger Formen- 

Schönheit tagelang, träge und krcolcnhafi schön, 
am Rande des Horizontes dahinlagern, bis es 
Streit und Aufruhr um sie gibt ; um die wunder- 
vollen fernen Sünirncrwolkcnfrauen. 

In meinem Leben habe ich, als Mann, niemals 
ohne Gegenliebe geliebt; aber mit noch viel grös- 
serer GcL{enlicbc vcrc^aJt mir die Natur, also denn 
yGotf , das sehnliche Ausbreiten meiner Arme 
nach ihm. 

Noch einmal: Kennt einer das, wenn man ver- 
liebt ist und weiß noch nichti 1a was? Über junge 
Leute kommt's oft im Fasching. Schon vor dem 

Balle sind sie grenzenlos dahinvcrloren, und wund 
und weich und liedhaft. So soll man durch Gärten 
gehen und Sonnenschein, Blumen, Gräser, Wind- 

gestreichel und ]-)lättersch\vanken, Vo^^elsang und 
. Baumträumen empfinden. Und kommt ja ein ebenso 
schönes Menschenkind euch in den Weg, wie jene 
stilleren, kinderi^enialen Geschöpfe des t^roßen, 
unbewußten Drängers sind, dann seht es mit den- 
selben Augen an, die ihr für Blumen und Bäume 

gehabt hattet, freut eueh au ihm ebenso, ^eid dank- 
bar imd begehrt es nicht. Wenn es nicht, unbe- 
zähmbar, sein muß. 

Was für hunderttausend Seligkeiten gibt es in 

dieser Welt, wenn man sozusagen verhalten liebt l 

S3 

^ j . by Google 



Wer nicht weiß, daß das frühlingsmahnende Klap- 
pen einer Gärtnerschere, das sommerhche Plan- 
schen eines I^ahnes, der im Seeschilf festgebunden 
ist, uns durch Mark und Bein gehen kann v or Selig- 
machung, der ist nicht auf dem Wege der Erlö- 
sung: und kasteite er sich noch so sehr um^des 
Himmels willen*. Mir sind beinahe alle Heili- 
gen verdächtig ; jene aber unbedingt, welche die 
Natur nicht hingerissen lieben konnten. Wie 
egoistisch das ! Sich selber herausheben und dril- 
len, zu geringer Freude der andern Menschen, 
um ihnen womöglich vorzuschreiben, ebenso zu 
tun wie sie. Damit zuletzt doch nur ihr verein- 
zeltes Exemplar selig würde. Mir gibt es keine 
büßende Seligkeit Mir gibt es nur eine Seligkeit: 
die Allversunkenheit, die Allgelöstheit, das zur 
Natur Zurückfluten. Ich habe mich nie sehr be- 

t 

müht, Klugheit und scharfes Durchschauen zu er- 
lernen, seit ich weiß, wie genial Kinder, Kunstler, 
Frauen und Blumen sein können : in ihrer wunder- 
vollen Bewußtlosigkeit. Von der bewundernswer- 
ten Ausgelerntheit eines Einstein berichtete mir 
das Wesentliche einst eine rosa Glaskugel im Gar- 
ten, welche zwar die Wolke .wunderlieblich und 
annähernd genau spiegelte, meinem eigenen all- 
zunahen Antlitz aber sofort aufs drolligste einen 
so plastischen Relativitätsvortrag hielt, daB zu 



54 



grauer Asche wurde, was jedes Genieder mensch* 

liehen Uberklarheit mir später zu sagen wußte. 

Es soll sein. Wissen muß sein. Mir aber laßt 
die rosa Glaskugel Dem Kinde laßt sie. 

Jungf bleiben! Wer möchte das nicht? Durch 
Gescheitheit wird man's nicht. Wohl aber durch 
beständige Verliebtheit und durch Nähe Ja Durch* 
gossensein mit unbewußter Natur. 

Du stehst auf dem Bahnhof und erwartest einen 
verspäteten Zug. Es gibt kaum etwas Leereres 
als jetzt dich. Sich dich um. Gut, Es ist vieles, 
es ist alles häßlich auf den meisten Bahnhöfen 
(außer im Haslachtal). Aber nein. Da vragt's ein 
freches Hälmchen, richtig, sogar hier mit dem 
Leben; das kleine, tappsige Geschöpteril Oder 
gar die Virtuosität der Spatzen, sich da immer 
noch was zu holen! Oder das ferngetönte Grau 
der Wolken» wenn schon gar nichts anderes da 
ist. Versinke. — Und der Zug kommt dir noch 
zu früh inmitten der wunderbar benutzten „leeren* 
Stunde. 

Wenn mir ein Lift zu langsam geht, denke ich 

mir: Er geht von Stock zu Stock in derselben 
Zeit, da dein eigenes Leben dem Grabe näher- 
kommt: Ahl Du hast es also so eilig zum Grabe 

hin? Dann stutze ich und freue mich doch gleich 
wieder. Denn für mich gibt es ja kein Grab; Ich 



55 



habe die Natur, sie hat mich und so ist alles ewig 
und gut. 

Wena ich zum Sterben komme, dann möchte 
ich meine verlästerte Heimatstadt Graz bitten (um 
der vielen Liebe zu ihr willen), meine Asche nur 
ja nicht unter die Erde zu tun! In eine Urne 
soll sie kommen. Und dort, wo links hinter dem 
großen Mandelbaum unter der Stallbastei auf dem 
Schloßberge ein Fliederbusch aus der großen alten 
Festungsmauer herausbricht, soll man eine kleine 
offene Nische einbauen und meine Urne dort ver- 
ankern. Über jenem Südwinkel, den die Sonnen- 
untergänge des Frühlings und des Herbstes ge- 
rade noch streifen, möchte ich bleiben. Ein wenig 
über der Stadt, ein wenig über den Lebenden, 
sozusagen im ewigen Sonnenschein. Aber mitten 
unter ihnen, denen ich still und scheu auswich, 
während ich sie heimlich sehr liebte und sie 
glücklich sein lehren wollte. Die Erfüllung dieses 
kleinen Wunsches allein schon würde in mir das 
Gefühl völliger Unsterblichkeit erzeugen: wenn 
ich heute wüßte, « das geschieht* . So wenig braucht 
es. Und wieviel mehr besitze ich von jenem Ge- 
fühl, das ich allen gebeii möchte, um im ewigen 
Fridillng zu wandeln. 

Die Hand um die Stunde schließen. Ja, um die 
Sekunde. Gerade dann, wenn man zwecklos steht, 



56 




oogle 



wenn man bcluvermutio; ist, wenn es neblig und 
kalt istl Was allein liegt nur für Gnade in einem 
kleinen Feuerchen. Sei im Winter so traurig, wie 

es der Teufel dir nur woHte — und dann setze 
dich zu Füßen eines kleinen Ofens« zu dem du 
dir, meinethalben, selber Reisig herzugetragen 
hast, oder eine alte Kiste zerschlagen, oder sieben 
Brocken Kohle auf der Straße geklaubt, die her- 
untergefallen waren vom Wagen irgend eines Rei- 
chen. Zünde zärtlich an. Höre zu, wie es sich be- 
lebti wie es plaudert, bullert, mit dem Winde 
über dem Dach redet und sich freut, emporzu* 
kommen. Ohne zu denken, daß jede Sekunde 
höchsten Lebens rascheren Tod bedeutet, als 
wenn es träge dahingloste. Du wirst erlöst sein. 
Du hast die Hand um eine Minute ^geschlossen, 
hast aber die Hand der Natur erfaßt und dich 
einem Element ergeben. Daß es Menschen geben 
kann, die nicht vor den Ofen hinknien und nicht 
schauen und lauschen, wie das rotgoldene Element, 
töricht und schön, auflebt und sich stürmisch, 
ja vorbildüch verzehrt! 

Es ist einmal ein wunderschöner Gruß auf Erden 
gewesen. Chau«! Freue dich. Er ist nicht mehr 
auf Erden. Warum? War das nötig? Sind wir dazu 
so sehr gescheit worden? 

Mein Leben ist so voU Freude, daß ich ein 



ähnliches nicht gesehen habe. Und daram möchte 

ich die Freude wieder auf die Erde bringen. 

In den Tagen, da ich dieses schreibe, bin ich 
ein recht armer Teufel, was Geld angeht, und tief 
sorgenvoll um die Leutchen, die ich zu erhalten 
habe, während ich doch nur soviel verdiene, wie 
ein Metalldreher verdient. Aber was mich selber 
und allein angeht, da bin ich gerade jetzt so glück- 
lich, wie ich es nie war damals, da ich mein Auto 
haben konnte, meine Jagd und mein Dutzend herr- 
licher Gewehre, Clodions und Canovas, altes Zinn, 
altes Silber und Teppiche, die jeUt alle schön 
langsam von mir fortgehen. Ich habe wenig, aber 
ich habe mich selber viel mehr. Und ich habe ein- 
sehen gelernt (ohne Überwindung, sondern ganz 
freudig und instinktiv), wie ungeheuer viel mehr 
Lebensinnigkeit der arme Kerl haben kann, als 
der Reiche ! Was war mir ehedem der Sekt ? Lang- 
weile. Was ist mir jetzt ein seltenes Glas Bier, ein 
Stück frisches Brot! Den Reichtum habe' ich hin- 
gegeben, aber Freude habeich dafür mehr zurück- 
gewonnen als je. Freude. Es muß doch gehen, 
das auch andern zu geben I 

Da ich voll von der Überzeugung bin, daß im- 
mense Natur* und Alliebe, daß baumhaftes Hin- 
gegebensein, stilles Blühen im Freien und pan- 
gleichc Versunkenheit unerhört verjüngen, begiuk- 

53 . 



ken, ja erlösen, so sage ich es immer wieder ; Die 
Menschen von ehedeoA hatten das. Aber sie hatten 
bei weitem nicht unsere Organe: Ein Sokrates 
und Perikles, ja sogar eine Aspasia konnten Wolke, 
zarte Horizonttönung, duftige Ferne noch gar nicht 
begreifen, während das heute jeder kleine Kunst- 
gewerbier kann : Da ist uns ein Organ worden, 
hallo, — das sich gehörig emporgebildet hatl In 
dem besitzen wir eine Kraft, wie sie noch vor 
sieben Jahrhunderten kaum einer kannte 1 Er, der 
erste unseres Seelenschlages, der heilige Franzi 
Dieses ihm zuerst verliehene sublimste und köst- 
lichste der Organe, — gewachsen in stillen Jahr- 
tausenden, wir müssen es nun hervorholen 
zu unserm Glück, zu unserer Erlösung: min- 
destens zu eurer Freude l Und so bin ich ge- 
wiß, daß ich mit dieser frohen Botschaft der 
erste bin, der jeden mürrischen Arbeiter, ja sogar 
emen Bankdirektor erlosen und beseligen kann! 
Es sollen aber alle Menschen liebevoll und glück* 
lieh werden. Und nur auf diesem Wege ist es 
möglich, weil es leicht, freudig und unmerklich 
geschieht 

Wahrlich, diese Last (das innige Training der 
Naturaliversunkenheit), sie ist leicht und diese 
Bürde süßl 

Wir haben doch unsre Sinne 1 Wozu? Sie zu ver- 



59 



kümmern? Laßt uns heidnische Freude an ihnen 

erleben I 

Heidnisc)i. Das heißt bei mir : Bewußt durchs 
All beseelt. Und beseelt durch jenes weit feiner 
gewordne Organ Seele, das wir heute haben, 
gegenüber jenen Alten, denen kaum dumpfes 
Behagen war, was uns raffinierten Genuß be- 
deutet. 

Denken wir an eine der gewöhnlichsten und 
gröbsten seelischen Sensationen: an das Gebor- 
gensein in der Hütte. Draußen rüttelt und wahn- 
witzt der für uns ohnmächtig gewordene Sturm. 
Solche Wonnenschauer, wie euch heute, überlie- 
fen nicht einmal den Homer zu ähnlicher Stunde. 
Weil er gar nicht das sozusagen hysterische Raf- 
finement des Hinhorchens gehabt hatte, welches 
heute euch eignet. Sonst hätte er 's gesagt. Ge- 
kannt hat's der gewaltigste Seher und feinste 
Horcher aller 'Jahrhunderte natürlich. Er schiU 
dert*s, wohl aber nur dort, wo es ganz große Kon- 
trasterscheinung wird: wie Odysseus sich, dem 
verhohlenen Feuerbrande in warmer Asche gleich, 
tief in die Blätter der schützenden Ölbäume ver- 
gräbt. Wie er sich von Eumäos den Mantel er- 
listet, nach jener ergreifend natumahen Stelle: 

Jetzo kam graulich die Nacht des verdunkelten 

Mondes und rastlos 

66 




^ j . -Li by Google 



Regnete Zeusj aulheulte der West mit ergos« 

senen Schauern.' 

Das ist bei ihm aber nur wie ein seltener, lichter 

Augenblick, wenn er sich so unserer Seele nä- 
' hert. Denn sogar die Farben nimmt er nur oben- 
hin und wie nuancieren wir siel So fein tönen 
wir sie, daß es dem Menschen unserer Tage bei- 
nahe schon lieber ist, aus einem morbidgrauen 
Gemisch kaum erklärliche Tonwerte herauszufüh- 
len, die ihn beglücken, als vom schönsten Gold 
und Waschblau der Salzburger Fürstenzimmer 
hochgestunmt zii werden. Was ehedem Farben- 
freu de war (sogar bei Arfstrokraten der Renais- 
sance von höchster Bildung), habe ich an den 
zwei sonst so unterschiedenen Sarkophage^ Karls 
des Kühnen und der Maria von Burgund im Dom 
von Brügge angestaunt; Da kann's nicht grell 
genug brennen. Auch in der Musik. Und wur» schon 
nach wenigen Jahrhunderten, lieben statt der 
Fracht Couperins eher die grauen, fernen Akkorde 
Debussys, die uns durchschauem. Eben wegen 
ihrer bloß ahnenden, förmlich anti-Einsteinschen 
Bewußtseinsablehnung. Und eine sterbensblasse, 
vollkommen gobeliniarbige Novemberwiese macht 
unsern Farbensinn aus einer Art Angst zärtlicher 
aufzucken, als das ailerbeaonnteste Maigrün, aus 



6i 



dem die Löwenzahnsonnen und die aufrichtig 

verliebten Veilchen drängen. 

Wir sehen, was vor kurzem noch niemand se- 
hen konnte. 

An diese endliche Sublimiertheit des Menschen, 
an diese von ihm kaum noch benützte Quelle zu 
bislang unerhörtem, völlig neuem Glück wende 
ich mich; auf sie vertraue ich, von ihr fordere 
ich eine Seelenübung der Allfreude, deren alle 
Menschenkinder teilhaftig werden können, ob .gut* 
CKier , schlecht*. 

Die bisherigen Forderungen, am allerwenigsten 
die disteldürre und gar sehr stachliche Königs- 
berger Moral Kants, wären ja in sündhaft blühen- 
den, in lästerlich schönen Gegenden unmöglich 1 
Was ich anrate, das geht aber überall; für einen 
Shakleton sogar in Nacht und Eis. Und es macht 
besser; ebenso, wie es schöner und jünger macht. 
Verliebt euch in die Natur bis zur Verranntheit 
und sie gibt's euch zurück, wie nie eine Geliebte 
aus noch so rosigem Fleisch und Blutl 

Ja: geliebt werdet ihr werden von „Gott*, so, 
daß ihr zittern werdet vor Gluck. Ebenso, wie 
ein blühender Strauch japanischer Quitten oder 
der Goldregen im Sonnenscheine vor Inbrunst, 
Schönheit und verzehrend seliger Eifulltheit zit- 
tert. Seilt ihn so nur an, einmal 1 Oder ein biühen- 

62 



^ j . -Li by Google 



des Pfirsichbäumchen in leisem, warmem Winde, 
der ihm, ein entzückender Kuppler, den Pollen 
seiner Blüten, zugleich mit den wühlenden Bienen 
zur nächsten Geliebten weiterträgt. Kern Mernes 
verhohlenes Mädel, das nachsinnt, warum seine 
Brüstchen sich seufzend und schmerzlich spannen, 
ist so ergreifend schön im völlig unbewußten 
Schon- Begehen, wie er. 

Es gibt einen Deutschen, der strich einmal vor 
allem andern das Wort «sü6* aus seinem Sprach- 
schatz. Eine echte Königsberger Frucht! Ich 
möchte es hunderttausendmal s^^en, selbst wenn 
man mir dazusetzte : ^Ein echtes Wiener Früchtel 1 * 

Ja . . . Wien ... 
. Ich habe mich gefreut wie ein Kind darüber, was 
der Deutsche draußen, namentlich in manchen See- 
offizieren, zu werden vermocht hat: Es schien 
mir das Höchsterreichbare, was bei einem durch- 
schnittlichen Menschenkinde heute zusammenkom- 
nien kann ; an Kraft, Tiefe, Wahrheit, Gescheitheit, 
Schönheit und Glück. Aber ich weiß auch ganz 
gut, was Österreich zu geben vermag. Seine Musik 
war lange genug da und redete. Nim sie langsam 
stirbt, singe halt ich weiter. Es werden aber Bessere 
kommen. Ich blase ihnen hoffentlich die Reveille. 

Aus dem Kindertum Mozarts, aus der bangen 
UnerfüUthelt Schuberts, aus dem essigscharfen 



63 



Leide Hugo Wolfe, aus dem Berge aushauenden 
Ingrimm Ambrosts, aus der Sinnenkraft Marxens 

und aus meiner Frische, Liebe und Lebensfreude 
heraus glaube ich an Ostreich und glaube, daß 
ich nur ein Anfang des Heils bin, das — früh* 
lingsquellend — aus seinem adonisch todwunden 
Leibe sprießen wird. Denn Ostreich ist das Veil- 
chenbeet dieser Erde, das in beseligten Herbsten ^ 
zum zweiten Male blüht. 

Ich liebe dieses Land. Ich liebe diese Art von 
Deutschen, weil sie so südlich sind. Ich weiß, daß 
sie andern, sowie oft auch mir, lästerlich verlu- 
dert vorkommen. Ich weiß darum doch, daß aus 
diesem Sumpfboden eine Blüte, eine Innigkeit, 
eine Keuschheit und marienhafte Seligkeit wach- 
sen kann, — zum Staunen . . . Wenn ich bloß an 
Rilkes Stundenbuch denke 1 

Weil das so sehr katholische Wort fiel: — 
Maria! Was bedeutet sie mir, als dem Histo- 
riker, der ich v6n Beruf war? Eine verhohlene, 
hübsche, mißbrauchte und dann ergreifend leidende 
Haarkräuslerin, wie der Talmud und der dolem 
jeschu sie kennt. Was bedeutet sie mir, der ich, 
bei all meiner deutschen Anlage zur Klarheit ganz 
selig nur in der Unklarheit bin? Das oberste, das 
verzückteste, das reinste und andächtigste Gedicht 
der Menschenseele. Und darum ist mir Maria und 

64 



^ j . -Li by Google 



lebt. Ich Heide bete gar oft, in ergriÄener Süd- 
abendstimmung, den ganzen englischen Gruß bei 
den Dämmerglocken; andächtiger als ein Kind. 

Geht mir mit eurer exakten Klarheit. Ich, ich 
bin glücklich . . . 

Glücklich, weil ich meine Seele geschult habe» 
unklar werden zu können zu ihrer Zeit, — wie 
die duftige Ferne. Und glücklich ist ja der Ge- 
scheiteste doch immer nur dann, wenn er ergriffen, 
also am dünunsten ist. Ich bin zwar froh, daß so 
viele andere Menschen soviel gescheiter sind als 
ich. Denn zu viele wie ich dürften noch nicht 
kommen. Es geht noch zu robust her. Aber sogar 
unsern erlauchtesten Professoren und Staatsmän- 
nern möchte ich Stunden wünschen, wie die mei* 
nen. Und ich weiß, sie würden mir verständnis- 
voll beide Hände drücken. 

Ihr ahnt also nicht, was ihr an Ostreich habt 
und welches Wunder geschah, daß der Deutsche 
zum Östreicher zu werden vermochte. Niemand 
sieht, daß hier in Wien ein Athen stirbt, klingen- 
der, als das wirkliche jemals war. Nie hat eine 
Stadt beglückt, wie Wien. Nicht Athen, nicht 
Eleusis, nicht einmal Florenz. Und Paris am we- 
nigsten von all den so seltsam werbenden, — so 
viel es auch gegeben hat. Man wird schon da- 
hinterkommen; — eben weil Wien stirbt und jetzt 

Bartscli, Botschaft. 5 



gerade noch Zeit ist, das allerletzte zu sehen, was 
etwa davon noch, geheim zuckend, lebt. 

Ich denke mich in das wunderliche Schlängeln 

der schneeweißen Eisenblüte hinein. Ich kann es. 
Ich war einmal im Berge ; irgendeinmal, ehe irgend- 
wer ^Ich* gesagt hat Oder gar das mich fort- 
während zum Lachen reizende Wort: ,Tch denke, 
— also bin ich.* Ich weiß es zutiefst, daß Denken 
eher Nichtsein ist. Daß es ein banger, häßlicher 
Angsttraum, fiir uns Arier beinahe ein Albdruck 
ist gegenüber dem, daß ich fühle, wie sogar der 
Kalksinter durch die magnetischen Ströme im rie- 
sigen Eisenerzer Erzberge ehedem gelenkt, abge- 
lenkt, geschlängelt und so hysterisch und wunder- 
lich wurde, wie Indische Ornamentik. Es gibt kaum 
ein nervöser entstandenes und schöneres Gestein, 
als diese sich aufbäumende, sich schlangenhaft in 
sich zusammenringelnde, unbewußte Dränge aus* 
sprechende und dann erstarrte Fadennudelmasse 
aus marmorweißem Kalk, der, in nächster Nähe 
des gelbfarbenden Eisens, jungfemwachsbieich er- 
stand. Und doch dankte es den dunklen Sehn- 
suchtsantworten des Eisens, wahrscheinlich nur 
ihnen und seinen kontrapunktischen Kurven sein 
Diktat. Wie der Kristall entsteht, das ist mir, als 
innerUchem Musiker, zu dem ich bestimmt schien, 



66 



bekannter, als wie das Urtier entstand, dem man 
nachsagt, daß es aus einem Magen besteht, der 
nach der einen Seite zu Fredmauli nach der an- 
dern Kloake heißt. Vielleicht sind die vernünf- 
tigen Menschen so entstanden. Ich nicht. Ich 
bin bloß auf die Erde gekommen, um so schön 
als möglich, so erfreulich als möglich, so unschäd- 
lich als möglich, und so bewußtlos als möglich zu 
sein, nachdem ich mit angesehen habe, was für 
verbildete, arme Irrende sonst prächtige Menschen 
mit Lesen und Lernen ebenso, wie mit dem Le- 
bensw^ zwischen Freßmaul und Kloake werden 
können. Wird einer vom vielen Papier doch nicht 
dürr, dann war der Gott wahrhaftig stark in ihm I 
Aber es genügt völlig, denen, weiche zuviel lesen, 
dann und wann zuzuhören, um reichlich zu ler- 
nen — und dabei jenen Gott zu behalten. 
Den Gott, der immerdar träumt. 

Es wäre tragisch, wenn es nicht drollig wäre. 
Ich, mit meiner angeerbten Todessehnsucht vom 
Vater her, der sich mit dreißig Jahren die Kehle 
durchschnitt — obwohl er schön, begehrt, liebens. 
würdig und leidenschaftlich begabt war — , ich 
lebe eigentlich länger, als ich mag. Ich ginge so 
gerne weg. Es fiele mir oft so leicht, wie einem^ 
der noch nicht einschlafen darf, das Schlafengehen» 



67 



aber ich muß um andere, liebe Leutchen leben. 
Wäre das nicht, ich wäre vielleicht, ja wahrschein- 

lieh, schon in Stille fortgegangen, ohne mich aus- 
führlich zu empfehlen. Nun aber : Eben das redet 
einer, der eingesteht, daß er noch keinen Glück- 
licheren auf Erden gefunden habe, als sich selber. 
Ein Mensch beinahe ohne Leid; ohne anderes 
Leid, als was man von außen ihm anzutun ver> 
mochte, als er noch jung und wehrlos war. 

Es müssen heute doch Menschen da sein, welche 
aus diesem offenherzigen Bekenntnis herauslesen 
können, daß es mit uns hochgradigen Intellekt- 
wesen also gar nicht viel auf sich haben müsse. 
Un4 daß wir immer, immer in Gottes Hand sind. 
Am ehesten vielleicht nach dem erlösenden. 
Schusse durch den vierten Gehirnventrikel. 

Vlir leben immer; wir leben ewig. 

Muß erst Einer kommen, der todessehnsüchtige 
Sohn eines Selbstmörders, der namenlos Glück- 
liche und Einsame, der zu allem Genuß Begabte 
und sparsam Entsagende, um zu zeigen, was langst 
alle Alten wußten, daß das Leben nur im hol- 
dissten Maße gleichfließend schön zu. erhalten 
ist? Und erst ich die große Selbstverslandliciikeit 
verkünden, daß wir Menschen des zwanzigsten 
Jahrhunderts endlich von unsem verfeinerten, ge- 
steigerten Nerven jenen Gebrauch machen mus- 



68 



sen, den sogar Homer und Jesus kaum, sicherlich 
aber weder Pythagoras noch Sokrates, noch Cäsar, 

noch auch, nachweisbar, Mark Aurel zu machen 
wu^te? Die Ailverinnigung: die Naturseligkeit? 
Wenn mir das nie widerfahren wäre, daß ich 

zu irgend einem moosbedecklen Dache hinaufsah, 
bis leider auch andere stehen blieben und mit 
hinaufsahen und ich an ihrem Kopfschütteln mer- 
ken konnte, sie sähen gar nichts, rein gar nichts, 
ich hätte kein Aufhebens gemacht. Wenn mir 
nicht begegnet wäre, wie die gescheitesten Men< 
sehen, welche ich ausfragte, keine Ahnung davon 
hatten, daß man pflichtgetreu und dennoc h glück* 
lieh sein könnte — pfltchtgetreu, soweit die eige- 
nen Kräfte nur wollen, glücklich, weil wir gelernt 
haben, unsere Pflicht zu tun und nicht die jener 
andern, welche zuletzt ja doch nur immer besagt, 
daß sie uns auffressen möchten. Wenn ich nicht 
wüßte, daß ich mein Leben reiner erlüilt habe, 
als alle mir t>ekannten Pflichtprediger, ich hätte 
für immer geschwiegen. Das Maulmachertum hätte 
mich wirklich zu Boden gedrückt, denn ich hätte 
ihm beinahe geglaubt. Immer aber erkannte ich, 
zuletzt, daß von allen, die ich wußte, bloß ich 
wirklich lebte. Und sie, sie wußten es aber auch, 
daß ich erfüllter lebte als sie. 

Darum wagte ich mich endlich an diese nur 



69 



vorläufige Zusammenfassung meines Ich. Durch 
meine ganzen Bücher geht verstreut sein großes 
Glück. 

Aber ich habe nie gewagt, es zu gestehen. Nun 
ich alt werde, darf ich ja wohl endlich. 

Es wird gut sein, für den, der dem Gluck auf 
meiner Fährte nachgeht, wenn ich nicht mehr bin, 
das viele, das ich hier unmöglich wiedersagen 
könnte, aus meinen Büchern zusammenzusuchen. 
Ich rede von der Sonne gleich in meinem ersten 
Buch nur als von der schönen Mutter, ein andermal 
vielleicht ist sie mu: dazu wieder zu jung, zu schön 
und zu nahe. Sie ist mir Geliebte, ja eigenes 
Kind. Und das sind die Tiefen meiner Bücher: 
Nicht, was ich dort erzähle! Meine Bücher wollten 
niemals dasein, um irgendwie zu einer Handlung . 
oder Lösung als Hauptsache hinzuführen! Ungern 
meist wollte ich „erzählen". Immer wollte ich 
bloß, wie die Blute tut, befruchtende Immen an- 
locken, um durch sie Frühling zu verbreiten auf Er- 
den. Meine Bücher sind keine Wege. Meine 
Bücher sind Gärten, die man ja ebenfalls, als 
Wege, raschen Schrittes durchschreiten kann. 
Aber dann wird sich, wer eilig ist, über gewun- 
dene Pfade und reizend gemeinte Hindernisse 
beschweren. Meine Bücher sind für Entrinnende, 
für selig in sich Zusammensinkende, sind zum 



70 



Ausruhen auf einer Bank da; solange, bis man 
inn^ieworden ist, daß der Wind die Blätter 
itir unsere Seele sehr bedeutsam bewegt und daß 
ein paar Wolken, wie ich zehnmal sagte, unend- 
lich wichtiger für uns und unsterblicher sind, als 
jeglicher Minister, ein Bismarck obenan. Diesen 
nieinen Büchern war sogar Jesus Christus immer 
noch viel zu sehr Politiker und nicht Gotteskind; 
wenigstens so, wie die Urkunden das wunderbare 
Kind Galiläas uns aufbewahren, hat er mir nicht 
genützt Hineinlegen mögt ihr in ihn, was ihr wollt 
Herausreden hört ihr beinahe nichts von dem, was 
ich sage: So wenig, daß ich die Keckheit hatte, 
ihn — gotteslästerlich — vom großen Pan abkan- 
zeln und aufrühren und ihn bekehren zu lassen; 
in meinem Christusbuche. Denn das ist es, was ihm 
fehlt. Und was wir, ohne es zu ahnen, alle längst 
haben: Das indoarische Blumentum, das heute 
sogar der feinnervigere Semit schon fühlt. 

Möge, in Jahrzehnten oder Jahrhunderten, einer, 
durch die Gnade der abermals feiner gewordenen 
Blumennerven der Menschheit, abermals mich so 
abkanzeln und ergänzen, wie ich es kühnlich an 
jenem Heiland wage, den ich so sehr liebe. Jenen 
in der Zukunft segne ich im voraus, für alle 
Menschen, aber noch mehr für alle Tiere und Pflan- 
zen, die er vielleicht endlich erretten und erlösen 



7* 



wird von der ungeheuersten Sünde wider 
den Geist: Der frechen Aufstellung, daß der 
■• Mensch das wichtige, das im Grunde ein* 
zigc Geschöpf dieser Erde sei. 

£s gibt für mich nichts Entsetzlicheres, als diese 
schamlose, eitle und Gott selber ins Gesicht schla« 
gende Gesetzesaufstellung. Was 1 Das maßloseste 
, und jgierigste Raubtier dieser Erde, dieses Ge- 
schöpf zwischen Affe und Hund, verdiente allein 
unbegrenzte Fortpflanzung, Andacht, Würdigung 
und Heiligung, da doch jeder Spatz heiliger ist, 
als « Der' , wie ,£r* zumeist herumzulaufen beliebt } 

Wiewohl nichts heiliger sein kann, als ein 
Mensch, — aber, merkwürdig; meist der dem 
man so zu sein, wie er ist, immerdar und regel- 
mäßig verbietet. 

Das einzige Geschöpf also, das nur gleich Zcr 
termordio wegen Erdroßlung schreien kann, wenn 
man es nicht schwelgen und prassen läßt, es ruft 
sich und sein Leben für heilig aus . • . und frißt 
alles andere Leben dabei auf. 

Nie hätte ich darüber so heftig geredet, wenn 
die Menschen das nicht so ausgeschämt bekräf* 
tigten, sagten und glaubten. Ich aber sage: Die 
Ba.ume, die Blumen, das bloße Gras sind viel hei- 
liger als ihr seid 1 Das deutlich zu sagen, bin ich 
gesendet . 

* 

73 



^ j . -Li by Google 



Aber da man meine fünfzehn Bücher ahnungs- 
los vorübergehen lassen konnte, ohne auch nur 
ein einzigmal zu sagen: Da ist eine Ursttmme 
drin wie nie, so muß ich es herausreden. So gerne 
ich wegmöchte und so gewiß ich weiß, daß die 
Bequemen sagen werden: Größenwahn« 

Sie werden es in wenigen Jahrzehnten nicht 
mehr sagen. Und mir ist das eine und das an- 
dere gleich. 

„Sieht man denn nicht, daß man mich nie sieht?* 
habe ich oft gesagt. Läge mir an meiner Eitel- 
keit,4ch wäre damals herausgetreten, als ich noch 
so erquickend, froh und schön war, daß mich liebte, 
wer mich sah, aber stets auch gleich so eigen- 
sinnig liebte, daß ich mich verschloß und mir mein 
eigenes Kapitel von der menschlichen Liebe no* 
tierte. 

Ich kam in den Ruf des unzuverlässig Liebens- 
würdigen und zuletzt egoistisch Unnahbaren. Jeder 
war von diesem Zuschließen meiner Seele belei- 
digt Daß er es war, der mich damals durch Über- 
gier zwang, mich zu versagen und mich jetzt, am 
Itande des Alters darum zwingt, mich weiter auf- 
zutun« als ich selber gern wollte, wer von allen 
denkt daran? 

Kurz und gut, ich fiihlte zuletzt : Ich muß, ich 
allein. Meine Pflicht wurde es, weil ich keinen 



73 



Bessern fand. Das weiß allein ich, daß ich mich 

um Jahrhundertc weitersehnc, bis der kommt, der 
mich an der einsam und hilfesuchend ausgestreck- 
ten Hand faßt, um weiterzuarbeiten; zum Heile 
einer entsetzlichen Rasse, die zu lieben ich trotz 
allem nicht aufhören kann. 

Suche sich halt jeder an mir, was er kann. Mein 
Leben ist vielleicht sogar arm zu nennen. Denn 
soviel man in mich hineinlehrte, ich habe nichts 
als diesen einen Ton, dies einzige Wort in meinem 
ganzen Leben. Vielleicht ist das eine Entschul- 
digung: ,Sein Leben ist ein einziges Werk, eine 
einzige Ideel' Ich lebte, wie ich mußte, urhaft 
mußte, gerade, weil mein ganzes Dasein mit empö- 
rendem Zwang und mit Dummheit umgeben war ; 
sogar solcher Dummheit, ^die immerzu las*. Wenn 
ich las, uberflog ich kaum. Tausendseitenlange 
Werke hatte ich in zwei Stunden soweit inne, als 
mir eben g^eben war. Aber meui lebelang ent* 
setzte ich mich im Zusehen, was aus Menschen 
wird, die zu viel lesen. 

Und ich wünschte nicht, daß zuviele meine 
Bücher läsen. 

Die also, welche triebvoll leben, wie aufwa- 
chende Felder und Wiesen zu Aprilbeginn, die 
wie Pflanzen, in ihrer Noblesse und Freigebigkeit 
und Schmerzfreiheit, halb unbewußt, also jung 



74 




. -Li by Google 



leben, in jubelnder Schönheit und Blütenerhöhung, 
sie meine ichl 

Bleibt vor einem Wacholderstrauche stehen und 
ermefit seine Wahrhaftigkeit, seinen Duft, sdne 
Winterhärte, Gastlichkeit, bläuliche Schönheit, 
sdne herben Beeren» myrrhenhaft, orientfem nach 
'Räucherwerk gestimmten Beeren. Ach. Wer, außer 
einem Dichter, weiß bloß, was im Februar Schwarz- 
wurzeln und Rapunzelsalat erzählen können, und 
wie erzählen, wenn sie sich uns schenken! 

Wir aber fressen sie wie das Pferd den Häk- 
kerling, ohne zu ahnen, daß sie unerhört beredte, 
sich leidlos opfernde Brüder sind. 

Ich blättere in meinen „Zwölf und finde das 
Bild eines kleinen Teiches: „Ahl Ist das Auge 
d^s Frühlings schon erlöst?" Wer trank das Blau 
eines Tümpels mitten in altgoldtressenfarbiger 
Wiesenleite jemals in sich ein, ein Blau, das schon 
ein wenig von aufjauchzendem Grün umrandet 
war: ganz schmal noch, aber schon osterlicii 
emporstrebend? Wer? Dann geselle er sich zu 
mir und gehe weiter mit Die andern mögen 
dies Buch vorderhand weglegen. Wie ich denn 
all meine Bücher immer nur auf halbe Stunden 
besucht wissen wollte und nicht verschlungen wie 
ersten Spargel, hinter dem keine Seele Sakramen- 
tarisches ahnt 



75 



Ich lese meine eigenen W orte vor fünfzehn Jah- 
ren weiter. Ich vensinke für heute In mein erstes 
Werk und wünsche mir Leser, die sind, wie ich 
selber. ,Frulüing^sohäfchen am Himmel ... die 
Engel unter dem fahrenden Volk der Wander> 
wölken; nicht viel größer, als der Mond, wenn 
er sich bei Tage, schüchtern, nebenbei und blafi 
über das Firmament drückt* 

«FrühUngsregen 1 — Nichts ftlr Beladenel Die 
Unerlösten, die mit dem Scheuleder des Zweckes 
karrenziehend durch die schöne Welt trotten. Die 
- Belasteten, die Verhüllten, die Untergesunkenen. 
Die Hoffnungslosen. Die Ertrunkenen ; im Gegen- 
satz zu den Losgebundenen, die sich in ihrem 
Himmelreich zu freuen vermögen.** 

Das sagte ein völlig Junger und so blieb er. 

yAn ihren Früchten soUt ihr sie erkennen*^; 
und ein Beispiel habe ich euch gegeben. 

Was Glück ist, wer kann es euch geben? Ich 
weiß niemand als mich. Aber dieser holdesten 
aller Lebensföhrten, dieser leichtesten zu folgen, 
es ist immer noch so schwer, wenn nicht un- 
möglich. 

Vielleicht gelingt^s jenen, die leidlich verarm- 
ten, so wie ich. Darum segne ich die werbende 
Armut Europas . . . Ein Gott, mein Gott sandte 
sie vielleicht. 



76 



Es bleibt ja uns bald nichts mehr als Sonne, 
Luft und ein paar Bäume. Ich aber kann nichts 
anderes sagen, als , freuet euch*. Die Freude ist 
überall so nahe und so leicht zu haben! Liebt, 
wenn ihr die Menschen nicht lieben könnt, umso 
inniger eure kleinen, unbewußten Brüder; geht zu 
ihnen, die geben euch dir euer trauliches Zusehen 
das köstliche Schauspiel der Unverwüstlichkeit, 
der Ununterdrückbarkeil; der Freude. 
. Was kann sich ein Vogel freuen! Was kann 
sich ein Hund freuen, und ihr könnt es nicht mehr. 
Ihr schämt euch ihrer wohl» wie ihr euch der 
Tränen zu schämen beginnt, jenem mildesten Se- 
gen des Gottes, den er, wie das Feuer, dem Men- 
schen allein von allen Geschöpfen gab ? 

Nicht mehr weinen könnt ihr und nicht mehr 
lächeln, wie die Befreiten und die wahren Heili- 
gen lächelten; tief und langsam atmend. Nur 
lachen könnt ihr, aber lachen, da6 euch die 
Krämpfe fassen. Ihr Enterbten des leisen, wehen- 
den Gottes, des heiligen Hauches, des hag^on 
pneuma. 

Und rundum ist dieselbe Erde, welche noch 
vor kurzem des großen Pan voll war und voll von 
hundert andern Göttern 1 Ich sage immer, sie ist 
ihrer noch voll und alle alten Götter leben ! Der 
wahre Christ braucht sie nicht, nein. Wer Reli- 

77 



gion hat, oder auch wer mit vollem Herzen und 
erschauernder Seele Wissenschaft betreibt, der 
braucht die Götter nicht Ich aber schrieibe weder 
für Gelehrte noch für Christen; sondern allein 
für die Millionen entgötterter, verlorener Menschen 
ohne Religion schreibe ich. 

Ein glücklicher, das heißt ein erlöster Mensch 
sein; also ein Unsterblicher schon hier auf Erden, 
dem in alle Emgkeit nichts mehr widerfahren 
kann. Das ist viel und scheint unmöglich. Aber 
ich sagte immer, daß der Fehler aller ethischen 
Prinzipe und kategorischen Imperative in der Über- 
spannung dessen lag, was man vom Menschen for- 
dern kann; fordern darf, muß ich sogar sagen! 
Preußen zerbrach nicht zuletzt, ebenso wie Sparta, 
an der Überspanntheit der Fordernden. Beson- 
ders der Fordernden. Die Forderungen mögen 
hoch genug reichen ; die Vorschrift aber muß mil- 
der sein; leicht die Bürde und süß. Auch nach 
meiner Lehre wird es, den Temperamenten nach, 
ungezählte Grade der möglichen Glückseligkeit 
und Erlösthcit geben. Von allen aber verlange 
ich nur dies: Liebe zu ^Gott" und seiner Natur, 
seinen Geschöpfen; womöglich bis in die letzte 
Physik und Chemie der Sterne hinein. 

Da steht nun der Adept; der Myste: »Wie fang' 
ich nach der Regel an?* 

78 



Digu. 



• t 

Worauf ich ihm antworten muß : Überall. Aber 
nur, wo es dir beliebt und dir leicht und hold 
scheint» zu beginnen. Beim Kleinen? Oder gleich 
gar bei der Gottesidee selber ? Wie du willst. Gott 
rundet sich zum Kreise, er ist überall. VieUeicht 
beliebt ihm zwar die Spirale» die ftir unsere man- 
gelhaften Augen ein Kreis scheint ; aber fasse nur 
hin, wo immer der Ring seiner Schöpfung dir zu 
schließen oder zu beginnen scheint, du hast ihn. 
Und hättest du bei der zirpenden Grille vor ihrer 
kleinen Höhle begonnen. 
• Ob Grille» ob Baum, ob Mensch, ob Wolke/ 
ob Stern . . , 

Daß ich die Bäume wie Menschen empfinde, 
ist nach aUedem bei mir nicht zu verwundem. 
Seltener empfinde ich aber einen Menschen wie 
enien Baum. Das gilt mir dann als Königszeichen. 
Als ich Gerhart Hauptmann sah, empfand ich 
ihn augenblicklich so — und ging vorüber an ihm 
wie an einem jeden — er hatte mir ja, ebenso wie 
ein Baum» längst alles gesagt. Sonst war nur noch 
Rosegger so. Waren es doch alle ! 

Und doch wäre der Baum den Vielen so symbo- 
lisch. Der eine ist fertig» sobald er auch nur ein biß- 
chen aufgeschossen ist. Freilich, solchen droht ein 
frühes und manchmal trauriges Alter; aber seiner 
Jugend freute er sich desto mehr. Was tut's? Geht 



79 



und seht eine junge Pappel an und dann den Hei- 
ster einer Nuß oder gar einer Edelkastanie. Wäh- 
rend diese beiden letztern» im Alter so eichen haft 
reichverästelten und starken Bäume im Jugendzu- 
stande nicht einmal Besen genannt zu werden ver- 
dienen, ist die junge Pappel, ich meine die italie« 
nische, hochschlanke, schon völlig ihrer selbstbe- 
wußt und ist ganz genau so altklug und wiegend 
schlank und von derselben Form und Schönheit» 
wie die herrliche alte Pappel. Sie hat ihre eigene 
Idee völlig fix und fertig in sich und zeigt sie auch 
gleich her. So wie man sich in einen vierzehn- 
jährigen Backfisch, der sich als fertige Dame zu 
biegen versteht, aus einer Art Rührung leichter 
verliebt, als in eine Zwanzigjährige von gleicher 
Geschicklichkeit, so ist es bei der jungen Pappel. 
Den jungen, frühgeschiechtUchen Menschen liebt 
man, weil man den allzufrühen Herbstwind ahnt 
und schnell geben oder nehmen möchte. Schade, 
daß solche Menschen nicht ihre eigene, bese- 
ligende Lebenswehmut kennen, wie sie später 
den Vierzig-, den Fünfzigjährigen durchnervt. Sie 
hätten gewaltige seelische Sensationen und würden 
vor lauter Angst wie Orchideen; groß, phanta- 
stisch, gierig, und in Form und Farbe alles nieder- 
konkurrierend, weil sie so flüchtig dasein müssen. . 
Aber das ist es: Schönheit bleibt Schönheit, 



80 



und schön soll jeder Mensch werden; — das aber 
kann er nur mit Durchseelung sdner selbst er- 
langen, und zwar durch heitere. 

Im Lukas Rabesam habe ich gesagt: ,,Nichts 
macht glücklicher, gesunder und schöner, als im- 
merzu an Gott denken.* «Gott* : Das ist der Gott 
in uns. Einen andern als den Alldurchströme r ha- 
ben wir nicht Wer jemals beklonmien so ein völlig 
ausgeronnenes Wdbsgesicht, leer und weiß vne 
einEmailnachtgeschirr, über speckweißen Schul- 
tern angestaunt hat, ein Gresicht, dem der Gott 
davongegangen ist, das sich in einer Wolke von 
Tüll, Seide, Chinchilla und Juwelen in eine Loge 
setzte (wahrhaftig ein Gespenst der Menschheit 
und mit einem Fluche beladen, dem gegenüber 
Tod und Bewußtlosigkeit seligstes Schlafengehen 
bedeutet), der weiß» was ich meine. 

Schön und heiter soll der Mensch sein. Die ma- 
gerste, ehrgeizigste, von der Natur vernachlässigte 
und darum unglückliche kleine Neurasthenikerin 
«ist tausendmal mehr durchgottet. Denn in ihr 
sprüht wildschmerzlich das herrliche Leben. Herr- 
lich, auch wenn es weh tut Ja: sie kennt die 
Sehnsucht Und wiel 

Sucht aber möglichst wenig den Menschen. Er 
fühlt die Sehnsucht fast nie. Sucht die gestillte 
Natur und behaltet die Sehnsucht. 

BarUch, Botschaft. 6 

8i 



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Jeder Garten steht voller Symbole. 

Wenn ihr auch so zwecklos, aber schön im Le- 
ben wäret, wie eine Pappel. Ihr wäret unersetzlich 
wie Adonis! Man muß wieder eine Pappel setzen, 
wo die ehemalige stand; der ganze Garten wäre 
zerstört ohne ihre schlanke, frühsterbende mozar* 
tische AuOerichtetheit. Es tut nichts, ob man 
Eiche, Marone oder Pappel istl Schön seid ihr , 
alle, wenn ihr wißt, daß es darauf ankommt, an 

Gnade und Vollendung zuzunehmen vor Gott und 
den Menschen. Gefallen wollen, ohne gefallsüch- 
tig zu sein, das ist schon sehr viel; ist eine 

große Weganlage zum Glück! Viel zu sehr kam 
dieses Wort auf: ,Ach was, wenn ich nur mir 
gefalle.* Dieses Wort, abgesehen davon, daß es 

alle Kultur verdirbt und Weltkriege entfesselt, 
in denen solche selbstgefällige und erziehungs- 
lose Junkerherrchen bestraft werden von der gan- 
zen andern, mit besserem Umgangstone geseg- 
neten Erde, dieses Wort macht diejenigen nur 
unglücklich, welche nicht wissen, daß sogar das 
Licht ohne Reflex ins Wesenlose geht, daß 
die himmelblaue Luft in den höchsten Höhen 
schwarz me Kohle ist, weil sie kein Medium hat, 
um sich ihrer selber in Schönheit bewußt zu 
werden. 

Nur wer gänzlich entruckt, ganz oben wäre, 

82 



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hätte das Recht, sich seiner eigenen, einsamen 
und dgenaiiinigeii Manieren zu bedienen. Wenn 
er dann noch viel davon hätte. 

Schön sollt ihr sein, gefallen sollt ihr. Lächeln 
sollt ihr» wenn ihr nicht schön seid; lächeln macht 
sdiön, solange es nicht ewig dauert und ostasia- 
tisch gefriert, vor lauter Vorschrift. Seid immer 
Frondeure gegen alle Vorschrift, aber bleibt Men* 
sehen, bleibt naturlich, gesund und schön. Scher- 
zend soll die Erlösung zu euch kommen. Die, 
welche dazu geweiht sind, was den Menschen, als 
Erfüllten höherer und geringerer Klasse anzeigt, 
zur Grazie, — die kommen schon dahin. 

Ich will ein völlig naturvergessenes Geschlecht 
auf die unsagbare Grazie der Natur, der Bäume, 
der Tiere sogar — und auf die verlorene Grazie 
früherer Jahrhunderte aufmerksam machen: eine 
Graüie, die jetzt, im politischen Wahnsinn sogar 
im Süden langsam verloren geht, sich aber beim 
Deutschen bisher bloß in Österreich geze^ hat. 

Kurz bevor diese Grazie stirbt, mödhte ich sie 
gerne retten, denn sie ist die erste Stufe 
zu menschlichem Glücksempfinden. Ge- 
fällig aussehen, darum gefoUen, damit sich selber 
gefalle, wer bisher noch nicht an sich und den 
Gott in sich glaubte, das ist der Ratschlag, den 
ich den billigen, den leichten, den äuBerlichkeits" 



83 



freudigen Seelen geben möchte ! Den schlanken, 
schmiegsamen Fappelseelen, um beim Bilde zu 
bleiben. Den frühe reifenden, bloß schmückenden, 
sogenannt unnütz schönen Menschen 1 

Damit berühre ich nicht das Oberflächlichste am 
Menschen; — jene Lust, sich zu vermummen. Als 
ob es nicht auch Gottes hebste Beschäftigung wäre, 
sich so oft und so vielfaltig als möglich zu ver* 
mummen. Ich weiß, daß der Gott sich in einer 
jungen Kinodarstellerin und einem oberflächlichen 
und eitlen jungen Handlungsbeflissenen ebenso 
manifestieren mußte, wie im Asketen, nur in der 
ihm gemäßen Form. Die Menschen selber sind 
schuld, daß die Erde entgottet wurde> weil sie 
solchen Kindern, solchen doch erquicklichen Kin- 
dern Göttlichkeit absprechen. Ich finde sehr viel 
mehr Göttlidikeit in unbewußt frohen und schö- 
nen Sünderinnen und Sündern, als in manchem bö* 
sem, bösem Schulmeister der Menschheit, der Gift- 
eier legt mit dem Inhalt: ^So mußt du sein; das 
verlange ich von dir." .Pflichti" Ich habe dieses 
Wort beinahe nie von anders wem gehört, als 
von wahren Henkersknechten der Göttlichkeit; 
von Peinigern, von Heuchlern — und in ganz sel- 
tenen Fällen bezogen solche Menschen das Wort 
auf sich selber. Zu diesen Wenigen aber habe ich, 
der Hasser des auf andere angewendeten Wortes, 

• ♦ 

* 



^ j . by Google 



mich, so gut es meine Schwäche zuließ, immer 
rechnen dürfen. 

Darum wage ich zu sagen: Such dir eine süfie 
Pflicht und lebe dann drauflos, wie ein Vogel. 

Der Mensch soll „in den Tag hineinleben!" 
Es ist ihm nichts Schöneres, nichts Gnadenrei- 
clieres und nichts Kürzeres gegeben, als der Tag! 
Lebt er am Tage zuviel dem lausigsten aller Ge- 
schäfte, dem Geldverdienen, dann sucht er den 

Tag des künstlichen Lichtes und wird gänz- 
lich ruiniert Jammerschade um die viele Sonne 1 
Im Sommer wenigstens sollte alle Arbeit um neun, 
ja um zehn Uhr beginnen und dafür lieber bis sieben 
Uhr dauern» damit alle Menschen die Morgen- 
stunden und das Abendaufatmen in Gärten für 
ihre einsame Seele übric^ hätten. 

Im Winter soll gearbeitet werden. Dazu hat uns 
Gott in dieses Niflheim verflucht, das aus Men- 
schen Nordamerikaner und Mitteleuropäer machte. 
Wir sollen ihn aber möglichst wenig bemerken 
und die Zähne zusammenbeiBen lernen, wie wir 
es bei einem Unglück oder einer überschweren 
Aufgabe zu tun haben. Durchbeißen. Dann wird 
uns der Frühling sehnlich finden, wie Amsehi 
oder wie Minnesänger. 

Das nun ist an die vielen Glücksehnsüchtigen 
der Arbeitsmenschheit gerichtet Ihnen sage ich: 



S5 



Lernt bei den Bäumen die euch Verwandten 
suchen : Spasses halber. Bummelt in Gärten und 
lernt sie lieben. Ihr werdet staunen, wie weit Wege 

durch Gärten fuhren. 

Nun zu denen, die unbedingt gleich zu Gott 
Wollen» während sie doch wissen sollten» daß mebt 
Sterbende erst auf den Gedanken kommen, zu 
singen: ^Näher, mein Gott» zu dir.* 

Immerhin. Auch heute gibt es noch Menschen, 
die es nicht eilig genug haben können, die mond- 
kalbigsten Astraltheorien samt dem Spiritismus 
zu durchlaufen, um nicht an Ihn natürlich, aber 
doch zur Einbildung eines erhöhten Ich zu ge- 
langen. Aber auch das ist schön und soll vergnüg- 
lich sein. Soll» Ich weiß. Gott hält sie viel 
ferner von sich, als sie meinen. Denn Gott ist der, 
der unbedingt immer jetzt leben will; leben und 
singen, wie der Überdrang der liebe im Fruh- 
lingsvogel singt! 

Zu Gott hin ^ Natürlich in dich hinein ; wo denn 
sonst hin? Und, wenn auch außen, immer nur auf 
dem Weg der Liebe. Das ist das einzige Rezept 
seit Jahrmillionen« Der anbetungswürdige» stille 
Forscher findet es hundertfach dadurch, daß er 
sich verliert. Jeder findet es nur, indem er sich 
verUert Das heißt, verhebt Ob er nun auf den 
Wegen der Spermen körperlich hmgerissen wird 

S6 



oder als Denker den Geflechten deänervusvagus in 

verzücktem Staunen nachspuren mag. Ich weiß von 
mir selber, daß meine gottseligsten Stunden 
nur im Augenblick völligsten Selbstver- 
lorens eins da waren. Verlor ich mich abcraneine 
widerwillig bewältigte Pflicht (ich habe z. £. mo- 
natelang vom Winter bis in die späten Frühlings- 
abende, voll jungen Blutes, Mobilisierungspläne 
abschreiben müssen), so geschah mir dasselbe un- 
beschreibliche Glück durch die Sehnsucht, die 
ja überhaupt des Gottes am vollsten ist von allem, 
was uns gegeben werden kannl 

Und das sagt emer, dem das Leben Erfüllung 
gab, mehr als er ertragen konnte. Hatte ich aber 
Zeit und Gelegenheit, mich aus eigenem Willen 
zu verlieren, dann war der leichteste und be- 
glückendste Weg dazu die Natur. Dort ging ich 
ja oft nur zu Besuch, wie eine gelangweilte Base 
zum KaiTeeklatsch, oder ein banges junges Madei 
allein ins Kino. Dort war dennoch alles. Dort 
war ER. 

Und dort wuchs ich so weit, daß ich heute mit 

ruhiger Seele und mit bescheidenen aber aufbiik- 
kenden Augen vor Jesus Christus hintreten könnte, 
und ihm sagen : ,Du hast nicht völlig erlöst. Wir 
sind zu schlecht für dich. Aber wir sind feinner- 
viger, sehnlicher geworden^ haben Wege ausspä- 



«7 



hen müssen außerhalb der deinen, in unserer See- 
lenangst, und sind auf die reinsten, lieblichsten 
und sonnigsten geraten, die sich nur denken las- 
sen. Weg vom Menschen. Zurück 2um Allvater. 
Und nur freundlich und bescheiden Gast, also Ur- 
ban und zubilligend, solange wir mit der entsetz- 
lichen Rasse verkehren müssen, welche, trotz dir, 
um uns her geworden ist, ja mit deshalb eben, 
weil du sagtest, sie wäre so wichtig 1 

Wir haben unsere Brüder gesucht und anderswo 
gefunden. Und nur wo wir sie fanden, kann sich 
die ganze Menscheit zuletzt, erlöst und beseligt, 
zusammenfinden. 

Im Kindestum. Im Gartendasein. 

Leben, wie Bäume und Gräser leben. In Gärten 
gepflanzt sein und sich besuchen kommen in Liebe, 
wie der Pollen von den Blüten stäubt. Viel Ge- 
banntheit in das, woraus wir wachsen, also Hei- 
matliebe. Aus dieser Gebanntheit erwüchse viel 
Sehnsucht, aber kein Haß. Liebe lehrtest du um- 
sonst uns Menschen. Wie sie möglich wäre, das 
sagen uns die Pflanze alle Tage. Darum wollen 
wir von den Priestern fort zu ihnen und deine 
Priester nur hören, wenn sie sind, wie jene.* 

Sollte die Kirche, irgendwelche Kirche nie mehr 
anders, als mit den Worten des Serapliiko, des hei- 
ligen Franz reden wollen, dann knie ich ihr willig 

88 



und demütig hin; aber Ich schweige solange nicht, 

als SIC willig und demütig vor allen Tagesgötzen 
hinkniet, und wäre es Wilhelms Kürassierhelm, 
nie aber vor der vorbildlich sanften und stillen 
Pflanzenwelt, in der mir Gott am reinsten erscheint, 
so unruhesam er auch darin ist Vielleicht et>en 
darum verstehe Ich ihn darin am meisten. In der 
Mathematik der Kristalle und der Sterne macht 
er mich, mich fehlerhaftes Geschöpf aus allzuviel 
Blut und Begierde, doch nur frösteln. 

Das wäre, um meine schlechtesten Stunden zu 
kennzeichnen, etwa ein Weg zu Gott Es. gibt 
viel erhabenere. Ich rede nur zum Mittelmaß; sel- 
ber mittelmäßig, aber doch so sehr erlöst, daß 
ich nicht leicht wen so £auid. 

Um nun von den erhabeneren Menschen zu reden, 
denen, vor welchen ich in Ehrfurcht stehen bleibe 
und nichts zu sagen weiß, als das unterdrückte 
Wort: Ich bete dich an. 

Denn wirklich, es gibt Menschen, welche gott- 
nahe sind, vielleicht Gott selber; wenn auch in 
irdisches Geföß verloren, untergeteilt, dividiert, 
was man nur gegen sie sagen mag i Und dennoch 
göttUch. 

Das sind die Menschen mit großer Ehrfurcht 

• Ja . . . 

* Das sind die ehrfürchtigen Menschen I 



89 



Ehrfurchtig niemals ge^^en die Menschen, son- 
dern ehrfürchtig, wie etwa ein junges Mädchen 
es ist Vor ii^endwas; vor allem. Verhalten» still, 
erschauernd. Also das Gegenteil von dem, was 
wir Europäer etwa als niggerhaft emp^den: 
Fröhlich affige Eitelkeit Oder gar jene schlimmste 
Schülereitelkeit, welche den untertänig kriechen- 
den Adepten aus dem ersten Teile des Faust im 
zweiten erwachsen ze^ 

Diese Schülereitelkeit, die bis in den spätem 
Lehrer reicht, diesen geistigen Hochmut, dieses 
freche Diktieren verfluche ich noch aus meinem 
Grabe heraus. Dieser unberechtigte Hochmut hat 
die Wissenschaft für die Massen verächtlich und 
elend gemacht! £r hat die Hödisten der Mensch* 
heit immer wieder abzusetzen vermocht. Er hat 
auch mich zurückgetrieben zu den Müttern. Zu 
den Urtrieben, nur um abzuwehren, was kalte Men- 
schenfrechheit aus dem Menschen gemacht hat. 

Aber wer ehrfürchtig ist von Herzen und inner- 
lich an alles betend herankommt, wie er es der 
Gottheit schuldet, den bete auch ich an. Aber 
jede Zeit erzieht ihren Beruf und ihre Kaste, bis 
die zum Himmel stinkt. Die eben veigangene Zeit 
mit ihrer ungeheuren Hochachtung vor dem Leibe 
(ich denke, sie ist vorerst überwunden, trotz allem) 
erzog den ausgeschämten kleinen Mediziner. ^ 

^ j . -Li by Google 



Aber wenn jemand den Gott anbeten will, dtt 
sich sonst nirgend zeigen mag, so soll er zum 
Wunder unserer Tage gehen; zu jenem Medi- 
ziner, der forscht ; der stiü bleibt vor dem Gott, 
obwohl er ihn nicht finden kann und in Ehrfurcht 
erschauert schon vor dem wenigen, was er findet. 

Das ist der größte aller Kontraste heutzutage ; 
das ist, was unsereinen immerzu andächtig und 
gläubig am Menschen macht; daß es soviel ;,un- 
gläubige* Gelehrte geben kann, die so ehrfürch- 
tig und andächtig zu sein vermögen! Die also so 
viel Religion haben. 

Ich glaube, jeder betet immer genau soviel an, 
als was er in sich selber — demütig anzubeten 
findet Am schwersten ist das bei verwöhnten 
Menschen, wie denn ein Reicher das Gottesland 
nicht erlangen kann. Ein Affe des Tages, wäre er 
ehedem in stillen Kinderstunden auch erschauert 
vor dem Ungeheuren, in das wir gestellt sind, um 
es anbetend zu umfitösen (dies Leben), er wird es 
dann fressen, wie eine alltägliche Banane. Nun 
denke man sich einen Lehrer, etwa einen Hoch- 
Schullehrer, der inunerhin ein wenig Vergöttenihg 
geniefit und dennoch still bleibt, beharrend, demü- 
tig und ehrfürchtig, weil ihm seine rastlosen Ver- 
suche, an Gott oder die Natur heranzudringen (mir 
ist es dasselbe), statt ganzen Breitengraden nur 



Myriadenteile von Millimetern eintragen und bedeu- 
tea müssen; was gibt es Göttlicheres, Heiligeres? 

Ich ziehe hier ja nur Schnitte durchs Menschen- 
dasein und will dies Buch kurz fassen- ein Im- 
promptu soll es sein, um Geweibtere anzurufen. 
Darum rede ich gar nicht erst von würdigen und 
unwürdigen Priestern, würdigen und unwürdigen 
Künstlern oder gar deren Kritikern. Ich rede hier 
vom Menschen, der geistig in unserer Zeit am 
weitesten gekommen ist, vom ärztlichen Forscher. 
Man sollte glauben, wenn man den Menschen bei- 
läufig kennt und seine Tagesabgötterei, dafi ge- 
rade der zum Haupt- und Allerweltsaffen werden 
müßte: Nein. Denn er liebt. Wie erschütternd, wie 
glaubenskräftig machend, daß er soviele ehrfürch- 
tige, ganz stillbleibende und ameisenhaft beschei- 
dene Weiterarbeiter zählt 

Das ist ja so wunderbar, so herrlich, daß sogar, 
ein Auflachender ob der Menschheit, ein Bösege- 
wordener, der sich von allen abgetan hat wie ein 
alterndes Wildschwein oder ein «rogue* (ein gran- 
tiger alter Elefant), daß sogar der vor solchen 
Menschen immer wieder innerlich knien muß 1 

Auch vor einem Priester, vor einem Juristen, vor 
einem Bauern, Arbeiter. (Besonders das ist wunder- 
bar, weil der letztere Stand der mißleitetste ist 
und dennoch niemals umzubringenl) 

92 



^ j . by Google 



Wer ewig sein möchte und hat nicht dieses Nie- 
derknien seiner ganzen Kinderseele, der ist ver. 
dämmt m sterben; stelle er sich, wie er auch 
wolle auf Erden. 

Denn Gott ist überall dort, wo man beten will. 
Beten aber heißt, wie ich in meinem .Heidentum* 
gesagt habe, niemals bitten, sondern immer nur an- 
beten. Wer Gott um etwas anderes bittet, als daß er 
rein, gütig, verstehend und alldurchfühlend werden 
möge, also ehrfürchtig, der betet zu einem Götzen. 

Ich für mein Teil habe, von emem Zelotenprie- 
ster soeben der Firmung fiir unwürdig befunden 
(in der Miiitärschule), als ganz junger Mensch ein- 
mal nachgedacht, worin die Sendung des heiligen 
Geistes Hegen könnte, und damals den mich er- 
schütternden Einfall gehabt, ^Gott" niemals im 
Leben um etwas zu bitten, als was er selber wolle, , 

Sdther habe ich schärfere Augen bekommen 
für menschliche Darstellungen. Um mich zu ver- 
stehen, bedarf es (iir Ermüdende einer Anekdote. 
Ich war in einem Hagenbeckülm, gestern. Es wa- 
ren y wilde Tiere' zugesagt und sehr, sehr ungern 
ging ich hinein. Denn ich weiß zu gut, wie man 
wilde Tiere macht: Im Tier und im Menschen! 
Ich habe selten etwas Rührenderes, Hilfloseres und 
Gutmütigeres gesehen, ab diese großen Kinder 
von Löwen, Elefanten, Flußpferden. Sogar der 



93 



für unzähmbar und boshaft verschriene Leopard 
war ia seiner Seeleaaogst» trotz aller Abwehrbe- 
feitscliaft, ergreifeiid schön. Idi empfimd Um in 
all diesem. Ihn, den ich in einem reinen Mäd- 
chen, in einer jungen Mutter, wiederünde, ebenso, 
wie ich ihn erschauenid und ehrfiifchtig in einem 
stillen Chemiker oder Mathematiker wiederfinde, 
dem dies Leben bloß deshalb zu kurz ist, weil 
er nicht naher an SEIN Geheimnis herankommen 
kann. Ohne Eitelkeit; sondern wie Kinder zu den, 
Knien des Vaters möchten. 
Ich schämte mich vor den Tieren. 

Ich bin unwürdiger! Mir ist dieses Leben zu 
lang. Ich bin mir zu klug geworden und möchte 
zurück zu ihm. Aber weil idi weiB, es ist alles 

ein und dasselbe, so wünschte ich mir, daß ich 
in der zweiten Hälfte meiner besinnUchen Jahre 
wieder Schüler werden dürfte; um etwa einem 

Gelehrten zuzuhören, der Kind geblieben ist, so- 
weit sein Geist auch in den Urwald Gottes kämp- 
fend eindrang. 

Das nun ist wieder einer der zahllosen, offenen 
Wege zum Glück und zur UnsterbÜchkeit mitten 
in diesem Leben. Ach; Burschen bietet man ihn, 

die sich nachtiings balgen, sich widerliche Krank- 
heiten holen, Ideale aufpflanzen, die vor einem 
Jahrhundert von einseitigen Parteiköpfen aufge- 



94 



stellt worden sind und jetzt von Menschen weiter 
beliebt werden^ die sich selber nicht zu erhalten 
und für niemand zu sorgen haben. Und alternde 
Arbeiter oder sehnliche Dichter wie ich ver- 
schmachten oft nach Lernen aus lebendem Worte. 

Ich lehre auch nur, weil ich nirgends Lehrer 
fand. Ich rede nur, weil die Menschen, welche 
ich immerzu suche, mhr schweigen. Kaum da und 
dort lese ich ein schwaches Aufzucken des, was 
ich empfinde. Ich begann mit diesem Buche nur, 
um aufeurufen. Was ich sage, wissen viele. Aber 
gefühlt, fühlend gelebt hat's keiner. 

Menschen müßten werden, welche leben wie 
' Bäume und Tiere; ohne Eitelkeit. Denen das bren- 
nende Wort gegeben wäret Denn das ist sonder- 
bar: Ohne die Gabe des so armsehgen Wortes ver- 
klingt der Gott, wie in einem schlecht akustischen 
Saale die Stimme. So abhängig sind wir. 

Oder so geheim notwendig ist es, daß, wer Gott 
hat, auch das hinreißende Wort finden muß ; selbst 
in der erbärmlichsten aller Sprachen. 

Lebt wie Pflanzen, aber durchfühlt. Benützt und 
erlebt es, daß wir Menschen das feinste Nerven* 
enddien Gottes, wenngleich das wehleid^iste sind. 

Wieviel größer ist der Mensch, der anbetet, als 
wer «ch anbeten lassen möchtet 



9S 



Ich habe einmal, zur Schmach der Menschen 
gelesen, wie ein deutscher Dichter einem Freunde 
genugftuungsvoU schrieb, daß „gestern* polnische 
Studenten vor ihm auf den Knien Toaste ausge- 
bracht hätten. Da waren Gott und Anbeter wohl 
gleich klein. 

Dafiir aber lud, im Jahr achtundvierzig, die Wie- 
ner Aula einen Grillparzer vor ihr Gericht! Stu- 
denten, die stets ein Deutschtum von vor fünfzig 
Jahren haben, den Dichter, welcher das Menschen- 
tum, dasnach Jahrhundertensein soll,als erster fiihlt 

Grillparzer mußte damals flüchten, um Leben 
und Menschenwürde zu retten. 

Gewähren lassen sollt ihr uns. Weitet* nichts. 

Was wird unser Volk noch aushalten müssen von 
seinen Kräftüngen; von den Unehrfurchtsvollen? 

Ich benutze eine Zeile, nebenher, um zu sagen, 
daß trotz meiner Ehrfurcht vor Kraft ich niemals 
erfinden konnte, daß das Auftrumpfen der Krait 
Adel bedeute. Sondern, daß zu diesem Leben An- 

• 

passung das beste ist; wie denn die Eiche ihre 
Wurzeln unendlich feinfühlig im Fels verwickelt, 
überall, wo ein Äderchen ihrer suchenden Demut 
Platz läßt. Das Couleurtum war mitschuldig am 
Haß, der diesen Weltkrieg gebracht hat. Die mei- 
sten Diplomaten waren ja in Bonn oder sonstwo 
ähnlich erzogen. Sie haben sich glanzvoll unbe- 

96 



^ j . -Li by Google 



liebt zu machen verstanden. Unbeliebt vor Gott 

und den Menschen, füge ich hinzu. Aus Mangel 
an Ehrfurcht vor dem scheinbar Schwachen. 

Gott behüte uns vor den vei^angenen Friedens- 
zeiten unter miUtärischer Rüstung und schenke 
uns Arbeit, daß wir unterzugehen meinen vor lau- 
ter Anstrengung! Das sage ich, der ich nach Kräf- 
ten zum Siegauftrumpfer erzogen wurde und durch 
Jahrzehnte stiller Gegenarbeit bewies, was mir 
allein als wichtig, das heißt also wesentlich im 
Menschenleben erschien. 

Spötter ertrug ich immer gern, wenn ich nicht 
Tag und Nacht mit ihnen zusammen sein mufite. 
Muskelauftrotzer jeglicher Unart nicht Sogar in 
Wildwest werden sie zuletzt still gemacht. Ich 
sehe in ihnen das, was auszurotten ist. 

Könnte man den Deutschen von dem Knall- 
deutschen erlösen, es würde das wirkhche Volk 
Gottes draus. So aber hat*s lange Wege mit ihm; 
bose Wege, die ich aber mitzumachen nicht 
gesonnen bin und denen auszuweichen ich alle 
Seelen dieses sonst so herrlichen Volkes auf- 

fordere. 

Könnte man alle geselischaftUchen und natio- 
nalen Gesinnungsrüpel in allen lündem zugleidh 

und für immer unmöglich machen, es wäre der 

Weltfriede von selber da. Freilich; Wiel Zu einer 
Bartsch, Botschaft. 7 

97 



Drohnenschlacht an all denen, die steh vom Hasse 

nähren, ist unser Geschlecht viel zu zahm ge- 
worden. 

Ich rede vom Gotte, während ich den Tod wün- 
sche; den Tod aller Unliebe und allen Un- 
verständnisses. Und vor allem den Tod aller Grau- 
samkeit Wie die in die Welt kam (die Katze, 
die mit der Maus spielt, wurde erst grausam da- 
durch, daß sie dem Menschen oder seinem Über- 
flusse nahekam), das kann ich kaum ahnen. Viel- 
leicht wie Angst und Schmerz : — um den HaB 
ad absurdum zu fuhren. Denn der Tod an sich 
ist was 80 Liebes, dafi man ihn gar nicht geni^ 
lieben kann. 

Ah! In eine Welt ohne Haß gelangen 1 Auch 
durch Todl 

Den Tod. Das Auflösen? Nichts als ein schönes, 
musikalisches Problem. 

Nur ein Orgelpunkt. Wie die Liebe auch. Ein 
Hinüberfuhren zu Ihm, dem Schlüsse. 

Und da fällt mir einer der wunderÜchsten Au- 
genblicke in der liebe ein. 

Wißt ihr, warum hier ältere Männer soviel Glück 
sogar vor den bestrickenden jungen haben? Weil 
sie nicht ihrer eigenen, schwachen Stunde folgen,, 
sondern jene der Frauen nützen lernten. Und so 
allein, naht man sich Gott. Wenn er seine schwache 



98 




oogle 



Stunde hat Wenn er da ist Das heifit mit dem 
schönen Wort mnerer Sprache; wenn wir er- 

griften sind. 
Ei^prifii^nM 

Wie vielfaltig, wie erniedrigend sogar, wenn 
man etwa ein Operettenpublikum betrachtet, klingt 
dies Wort Aber immer sage ich: Ergriffen wird 
nur soviel in uns, als Göttliches ergriffen werden 
kann. Und wo ein Mensch ergrifien ist, da soll 
man ihm über die Stime streichen, wie einem fie-- 
beraden Kinde : „Ich hab' dich lieb; du bist be- 
hütet.* Schützen soll man ihn vor dem Grinsen 
des Teufels. 

Denn, sowie ich Ehrfurcht, Andacht und wirk- 
liche Demut zu dem zahle, was aus dem Menschen 
einen Gottnahen madit, so sage ich» daß nichts den 
Menschen mehr erniedrigt, als breites .erkennen- 
des" Grinsen. 

Die Au^eschämtheit Das Unterlegen einer bloß 
kecken Intelligenz unter das Wunder. 

Nun wagt sie es aber und kriecht hinter Gott. 
Erklärt ihn weg. 

ErgrifTenheit Nichts macht den Menschen gött- 
licher. 

Wieviel Giücksstunden liat mir schon meine 
Ehrfurcht vor der katholischen Kirche berettet I 

Ich habe die Gebetsstätten anderer, Fremdgläubi- 



99 



gen, oft verinaigt mit einer Andacht ohnegleichen 
und mit einem Gefühl, wie ich es mir bei einem 
Könige des Altertums vorstellen kann, der nicht 
genug Kulte in sich aufnehmen und alle, erstaunt 
und begnadet in sich geeint und harmonisch fin- 
den konnte. 

Ich sage das, unbekümmert, wie immer. Ich 
kann katholiiBCih beten. Ich kann mit der indischen, 
mit der Griechenseele beten, mit jeder Zdt und 
ihrem Gefühl, nur nicht zu einem Nationalgott. 
ich weiß, daß jede Religion, wenn sie nur wirk- 
lich und fest ihren Gott will, ihn auch hat. 

Ich schreibe das alles im Bewußtsein, bloß ein 
Feuilleton hinzuwerfen, also für die Stunde, den 
T^besten£üls. Aber ich weiß, daß es aufgelesen, 
geschliffen und betrachtet werden wird. 

Also schreibe ich so, im festen Wissen, daß 
sogar diese Skizze ewig ist. Mag sie vergessen 
werden ; wenn andere nur weiterarbeiten an der 
längst gebomen, längst in allen Seelen wartenden 
neuen Religion. 

Denn es gibt heute eine ungeschrie- 
bene Religion aller sogenannten Reli- 
gions losen. Also der bloß Konfessionslosen. Ein 
wenig von ihrem Wesen möchte ich beleuchten. 
Annähernd sind wir heut im Besitze aller Gedan- 
ken, die jemals, rings um den Erdkreis herum, 

IOC 



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über «Gott* gingen, ^elleicht, daß uns noch von 
Negern und Polynesien! ein paar tiefe Ssrmbole 

zufliessen könnten. Aber das eine wird sich nicht 
mehr verschieben, daß die Gottheit» unserm Sinne 
nach, unintelligent ist, — und dennoch Staunens^ 
wert geordnet und weise. So daß wir von ihr Mu- 
sik und Mathenoatik lernten, die geradezu von ihr 
kommen. 

Ich weiß auch nicht, ob bei der ungeheuren Kon- 
trapunktik allen Seins der demütige Aberglaube 
der Astrologie nicht im tiefsten weise ist. Der ein* 
zige Philosoph, den ich lesen kann und liebe, sagt 
zwar, mir entgegen, es gäbe keinen großartigeren 
Beweis fiir die erbärmliche Subjektivität des Men- 
schengeschlechtes, als die Astrologie, weil diese 
die lächerlichen Geschehnisse unseres Madenge« 
wimmels in Verbindung mit dem ungeheuren Ge- 
schehen da draußen und oben bringen wolle und 
glaube, die Sterne wären da, um uns Karten auf- 
zuschlagen. Im Gegenteil: Ich kenne kein größeres 
Bewußtsein der eigenen Ifichtigkeit, als das, wel- 
ches jene Alten empfanden, da sie sich, ohne noch 
den Magneten und seine Eigenschalten recht zu 
kennen, ohne Wissen von der Elektrizität sich sei- 

I 

her als willenlos gelenkte und geordnete Ausstrah- 
lungen anderer Kräfte empfanden; etwa so, wie 
EisenfeibpSne an den Polen eines .magnetiaer« 



lOI 



ten Stabes die ihnen zugewiesene Stelle einneh- 
men. 

Was für ein ungeheurer Instinkt muß Jenen inne- 
gewohnt haben 1 Und nur weil ich weiß, daß eins 
mir bewahrt geblieben ist wie Jenen, oder wie 
einem Tier, — eben Instinkt, — darum wage ich, 
mein armes Ich zu betonen und auszurufen: Bei 
mir ist Lösung, zumindest Erleichterung des Le- 
bens, für alle ... 

Nochmais. £s gibt eine ungeschriebene» aber 
gefühlte Religion aller, die den , Bekenntnissen", 
die uns meisten heute ebenso wertvoll erscheinen, 
wie jene von politischen Parteien, gar nicht wider- 
spricht Die bloß mehr fühlt und schweigt. Es gibt 
aber so viele Schwache und Verzweifelnde, welche 
der Stärkung bedürfen. Da nun ich mich beinahe 
leidlos und wirklich erlöst fühle, so mußte ich 
reden, und da die Einkleidung dieser Gedanken in 
meine Bücher, trotz der Millionen, welche nach 
ihnen griffen, von einem Geschlechte mißverstaa* 
den wurde, das nur grelle Deutlichkeiten ftihlt, 
darum werde ich hier deutlicher, als ich jemals 
wollte. Ich hätte mich wirklich am liebsten ganz 
stille ttm diese Welt und dieses Leben herumge- 
drückt. Aber wer ist denn sonst da? 

Wäre es nur emer,. ich schwiege so gern! 

Nichts ist neu von dem, was ich sage, ab ich 

loa 



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selber. Wie denn jeder Mensch nichts Beglücken- 

dcres erhalten kann, als das Staunen, wie frisch und 
anders und neu die Natur und die Verhältnisse 
ihn gebildet haben. Da ich nun an mir selber, 
außer meiner großen Frische, nichts anderes finde, 
als dies mein Urnaturgefiihl, so muB ich doch 
reden: Nicht? 

Nun will ich weiter zu Dingen gehen, die eben- 
falls bekannt sind, aber hierher gehören. 

Es gibt euie, wie ich höre, uralte Tahnudsage, 
welche vielleicht das ganze Geheimnis des Juden- 
tums enthüllt, aber noch viel mehr als dieses : das 
Geheinmis allen Gottes, allen Glückes, aller Un- 
sterblichkeit, aller Wahrheit. 

In einer vielleicht religiös recht schwankenden 
Zeit, wie denn gerade die Juden oft die reizvoll* 
sten Heiden abgeben — tritt ins Allerheiligste des « 
Tempels von Jerusalem der Hohepriester vor die 
Lade des Allzuhohen, Unnennbaren. Da sieht er 
IHN. Mit den Indgnien des Höchsten aller Prie- 
ster geschmückt wie Aaron, thront er zwischen 
den Flügeln der Cherubim und spricht zu seinem 
Verwalter auf Erden: 

^SEGNE MICH/ 

Ich bitte jeden Ungläubigen sehr, mir nur das 
zu glauben, daß ich, was in dieser Sage liegt, 
immer gewußt, wenigstens gefühlt habe. 

i03 



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Für die Ungeschälteren gebe ich eine armseltge 

Auslegung; denn was mich bei dieser gewaltig- 
sten aller Mythen durchwühlt» dafür werde ich 
niemals Worte finden. Ich versuche also, auf meine 
Aufstellungen in meinem Ruche ^ Lukas Rabesam" 
hinzuweisen, weiches niedergeschrieben wurde, ehe 
ich diese unerhörte Weisheit in so gewaltiger Vi- 
sion vernahm. Da sagte ich (ich zitiere immerfort 
aus dem Gedächtnis) ungefähr folgendes : ,Die alr 
ten Götter? Sie waren nichts als Gemeinsamkeits- 
ströme. Zusammengeballte Elektrizitäten der all- 
gemeinen Sehnsucht, also des aligemeinen Willens. 
Sie waren also wirklich da« waren greifbar, leben- 
dig; lebendiger, als die manchmal behaupteten In- 
karnationen und Emanationen, welche aus Medien 
heraus spiritiert werden. Wo hier bloß eine em- 
zelne „Pythia* einen Ausstrahlungskörper gebiert, 
den meist schwache und launenhafter Geister von 
ihr wollten, dort bäumte sich die zusammengeballte 
Willens* und Sehnsuditskraft eines ganzen Volkes 
zum Gotte empor. 

Der Gott liegt in uns selber. Wollen wir ihn, 
so ist er da. Und er ist da, so, wie wir ihn wol- 
len. Heute sogar, abgefangen und gefaßt, wie Pro- 
teus vmn Odysseus unserer Tage, dem Ingenieur, 
tut er uns als Elektrizität unbewußt höhnisch un- 
sern Willen. So ist unser Gott. Dem meinen 

104 



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aber möchte ich seinen zerstörten Altar ganz ab- 
seits doch wieder aufrichten helfen^ denn er bleibt 
der einzige GoU» der auch den Menschen gött- 
lich macht 

.SEGNE MICH/ 
Sogar Christus muß wiederkommen. Er muß. 

Aber nur wenn wir ihn wollen. 

Ehe ich dazu weiteres rede, will ich eine er- 
greifende Kindergeschichte mitten aus der bitter- 

sten Not des Weltkrieges erzählen. 

Ein paar hysterische und geängstete kleine Mä- 
del in Baden bei Wien hatten, ganz geheim für 
sich und alle erschreckend geistergläubig, irgend 
einen Apparat aufgestellt, dessen Wesen leicht- 
beweglich war. Ich habe ihn mir aus den frischen 
und entsetzten Schilderungen der etwa dreizehn- 
jährigen Kinder beiläufig so gemerkt, daß auf einem 
mit Wasser gelullten Becken, das von den Buch- 
staben des Alphabetes umgeben war, ein SchUssel- 
chen mit einem Zeiger schwamm, und um die 
Schüssel spannten sich die bebenden Händchen 
der Halbbacküsche in entsetzlicher Aufregung. 
Und so schloß ihre Lebens- oder Todesangst bald 
den magnetischen Ring. 

Okkultisten bitte ich um Verzeihung, wenn ich 
hier ihnen hilflos erscheinende Worte gebrauche. 
Ich habe (als gar sehr yhierhergehöriger'^ Mensch, 

105 



als Irdischer dieser entzückenden Sinnenwelt) all 

solches Zeug stets mit einem geheimen Abscheu 
von mir gewiesen, aber — irgendwanim — - auch 
immer verstanden. Ich habe, em einziges Mal, einem 

Versuche zu einer spiritistischen Sitzung beige- 
wohnt l Aber die Geister sind nicht gekommen, 
weil ich losschmetterte vor hellem Lachen. Und 
alle sagten, ich Weltkind wäre schuld; sie genier- 
ten sich so sehr vor mir, die Geister. Das ver- 
stand ich und wiel Ich genierte mich ja ebenso 
vor ihnen. — Ich weiß, es klingt als Witz. Es 
ist keiner.* 

Ich bitte also, mich für kein Mondkalb zu hal* 
ten, wenn ich emsthaft und ehrfurditsvoll berichte, 
was die aufgeregten Fratzen mir blühfrisch vor- 
stammelten. 

Erstens: Die Weine Oberstentochter friigt den 
.Geist": Wer wird Sieger sein? 

.Dummheit, Hunger und Elend.*' 

.Warum antwortest du so boshaft?* 

,Ich nicht. Ihr wißt es selber.'' 

.Bist du nicht immer da, wenn du sagst: Ich 
nicht?« 

.Ich bin immer bei dir.* 

.Auch bei Nacht?* 

Ja.* 

Nun war die mir längst bekannte, köhlerhafte 

4 

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Angst des kleinen Mädchens so hoch gesteigert» 
daB sie den ^Geist' geradezu fragte: «Wer bist 
du denn dann?' Sie war aufs höchste subjektiv 
gesttmmt und gespannt und es erfolgte dne bd 
Kindern, die an nichts als ein Gespenst denken, 
unglaubliche und mir selber unwahrscheinlich weise 
Antwort: 

yEure eigene Willenskraft.* 

Um der Wahrheit die volle P2hre zu geben, muß 
ich allerdings dazuberichten, daß derselbe Geist 
so wilUährig war, einem der kleinen, aber schon 
liebebedürftigen Mädel gerade jenen jungen Men- 
schen zum künftigen Mann zu versprechen, der 
ihr damals von ihrer Kinderfrau suggeriert worden 
war und der ihr wahrscheinlich heute längst nicht 
mehr in den Sinn kommt — .eure eigene Wülens- 
kraft*. Esstiflomte also überall. . 

Und wenn stupide Medien stupide Materialisa- 
tionserscheinungen aus sich herauslassen, wer will 
sie deshalb mehr anklagen» als Blumen» die hä^ 
lieh sind und stinken? Sie vermögen nicht mehr. 
Schönheit ist ein höherer Seelengrad. 

Schönheit hat sogar ein Bewußtsein. Das zeigt 
sich in der Schmucksucht. Diese bewdst sogar 
das oft abgestumpfteste aller Haustiere, das Pferd, 
das sich kindisch über em schönes Kununet oder 
bunten Fähnchenputz freut, das aber neidisch den 

107 



Genossen beißt» der sowas umkriegt, und es sei* 
ber nicht! 

So sehr durchdringt das Lust- und Giucksge- 
iubl alles: Ich bin überzeugt, daB in den ausbre- 
dienden Gewittern genau dasselbe liegt, was let* 
denschaflliche Liebespaare so diabolisch antreibt, 
sich in den bösesten Worten zu zanken, sich in 
alle Seele hinein zu beleidigen, um sich dann zu 
umschließen und zu durchströmen. 

IHN, ihn fühle ich so in allem. — '«Segne 
mich.* 

Ich habe nichts Rührenderes, nichts Tieferes, 
nichts Weiseres und nichts Aufrichtigeres jemals 
von Gott vernommen als diese wunderbare, hilf- 
lose Kinderbitte des Elohim, man möge ihn ehren, 
lieben und an ihn glauben, den Negativpol. 

Solch ein Kind ist Gott So sehr unserer Pflege 
bedürftig Und göttlich kommen uns Kinder vor. 
Vielleicht auch ahnt das ergreifendere, reinere Teil, 
das die Menschheit seit der Spaltung der Ge- 
schlechter hervorgebracht hat, d i e F r a u , die ge- 
benedeite Frau, deshalb Gott mehr als wir Män- 
ner, die voll Übermut und positiver Elektrizität 
sind. 

Aber ich verzweifle auch nicht an den Männern, 
obwohl wir, wie Massaikrieger des Geistes, uns be- 
leidigt fühlen, emen andern Gott nötig zu haben, 

108 



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als unsere wundervolle Muskelherrlichkeit, die 
schon bis ins Hirn hinein trainiert ist. 

Aber ich weißi daß dereinst die pure FuBball- 
menschheit sich verlegen ändern und veredeln, 
weil belacht sein wird von einer neuen Jugend, 
und ich sehe, wie die Kinomenschheit auch immer 
höher steigt. Hier möchte ich in dem großen Feuil- 
leton, das dieses Buch ist, ganz nebenher bemer- 
ken, daß man zum Worte Christi» ^an ihren Früch- 
ten werdet ihr sie erkennen", an den Deutschen 
dereinst was Absonderliches bemerken wird; sie 
haben aus den — sagen wir umstrittensten — > zwei 
Dingen des heutigen Tages etwas gemacht, was 
uns die andere Erde erst einmal nachmachen soll: 
Aus ihrem Kino und iliren Juden. 

Wer einen rheinischen oder einen hanseatischen 
Juden kennt und als Dichter wie ich einem deut- 
. sehen Film unterlegen ist» der wciiß schon, was 
ein Volk wert ist, bei dem Jude und Film vor- 
bildlich wurden. 

Unser Licht b^innt erst jetzt zu strahlen. Gott 
sandte uns unsere Niederlage; die ergreifendste 
und ehrenvollste, die jemals da war. 

£s bereitet sich Großes vor. Man sehe nach Nord- 
amerika. Der Amerikaner sprang in diesen Krieg, 

hergerufen wie ein großer Jung'e, der sich in eine 
Balgerei einmischen soll und noch nicht recht weiß. 



109 



gegen wen; jungenhaft, also ritterlich, warf er sich 
zu dem, der am jämmerlichsten schrie. Es gibt 
nichts Rührenderes in aller Weltgeschichte, ab die 
Art, wie nch hente der Amerikaner dieses Sieges 
schämt So wie es nichts Göttlicheres gibt, als 
sich emes Sieges za schämen. 

Das Wort «Siegesfreude* ist das entehrendste, 
was den Menschen als Brandmal aufgedrückt wer- 
den könnte«. Das Tier kennt sie nicht Vielleicht 
der — Hund. Ich bin tiberzeugt, dafi sogar bei den 
Negern die tapfersten, also schweigsamsten Män- 
ner sich beschämt zurückziehen, wenn das Pack 
jubelt Und wegen dieser ihrer heutigen großen 

Verlegenheit beginne ich die angelsächsische Rasse 
ZU Uelsen. Denn es ist mehr, als die vernünftige 
Erwägung dabei, dn schlechtes Geschäft mit dem 
Hasse gemacht zu haben. Es ist eine tiefe, gött- 
liche Beschämung, wie sie ja auch, in seinen 
Besten, der Italiener zcdgt. Der echte Si^r 
schämt sich. 

Sucht Gottl Ihr findet ihn überall. Aber vor • 
allem , wollt ihn, ^^Du mußt, du muBt, und kostet 
es mein Leben 1* So muB man ihn anfassen. 

Ich hätte die Menschen (ich habe mich nie als 
Mensch empfunden; aber immer als hilflos zu* 
sehendes ^ Wesen"), ich hätte die Mensdien nie för 
so dumm gehalten, daß sie anderes suchen könn- 

IIO 



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teil als aus allen Kräften den Gott, der in ihnen 

ja, so geliebt und voller Wunder liegt I 

,Segne mich/ Und ,du mußt, und kostet es 
mein Lebenl" 

# 

Was das für übermenschliche und doch so le- 
bendige Worte sind! 

Muß denn die w^ifie Rasse immer erst zxm Un- 
tergang und zum Sterben kommen, bis sie zu sin- 
gen anfängt: , Näher, mein Gott, zu dir?' 

Wie erquickend, wie jung es ist» mitten im Le- 
ben immer bei Gott zu sein, das weiß ich und 
darum sage ich solche verrückte Dinge aus meiner 
Leliensiireude heraus» die mich stammeln heißt, 
ebenso neu imd ebenso gesdiult durch Hörensa- 
gen, wie Ende Februar die Amsel beginnt, die 
im Vorjahr noch gar nicht wußte, daß man selber 
singen kann, weil sie damals Nestvogel war. 

Warum bin ich fünfzig Jahre alt und gelte allen 
Menschen und zuletzt mir selber so unerhört jung? 
Ich weiß es nicht. Ich weiß nnr, daß ich fünfzehn 
Jahre lang berühmt bin, daß ich aber zu meinem 
Staunen dermaßen unverstanden blieb, daß ich 
mich entschloß, mich aus meinem bisherigen 
Werke zusamt dem Verlagsrahmen herauszureißen, 
um deutlicher zu werden. Sonst hätten mich nach 
meinem Tode am Ende noch Deutobolde und 
Kunsthistoriker zernagt. 

III 



Ich denke dabei keine Eitelkeit mehr. Das 
Liebste, was ich denke, ist noch das: Meine Grrab* 
nische, ohne den Schmuck zudringlicher Künstler, 
dorten unterm Fliederbusch über dem Mandel- . 
bäum in der sonneschimmemden Bastei des alten 
Festungsberges in meiner Heimat. Entrückt und 
dennoch nahe. Nahe an stillen Menschen, die sich 
gerne sonnen und gerne In die Weite und nach 
Süden schauen. 

Mehr brauche ich nicht. Viel Geld und Gut wür- 
den mich nur zum Unnütz machen« Ich möchte 
damit abermals sagen, wie heiter und gerne ich 
an .den Tod denke und ihn wie ein Schmuckstück 
meines Lebens ansehe. 

Dabei sollt ihr lebensfroh sein, wie ich. Ge- 
liebt» schon weil ihr so heiter seid, vor allem 
aber naturliebend und also wiedergeliebt von der 
Natur. . 

,,Die Götter waren Willensströme: Negativpol- 
spannungen menschlichen Bec^^ehrens. Physikali- 
sche Ausströmungen eines gemeinsamen, gewal- 
tigen Volksverlangens; nicht mehr und nicht we- 
niger tatsächlich als das Nordlicht, das eine gewal- 
tige Ausstrahlung an den beiden Enden unserer 
Erde ist, welche ^mbolisch ihre Art von Zwei- 
geschlechtigkeit dartut. EineSehttlicbkeitsblüteun^ 

112 



4t 



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seres Planeten, mit denen et zu andetn Sternen 

emporseufzt. 

Zu den Sternen. — Freilich, weil ich leicht friere 
und darunter leide, habe ich Angst vor der Nacht, 
die zwischen den Sternen ist. Aber ich juble, daß 
diese Nacht die myriadenhaften Lichtpfeile nicht 
verhindern kann, welche selig tröstend, ja ver* 

fuhrerisch, aufreizxnd und wenn ich frecli sein darf, 
sozusagen als Spermen Gottes von einer jener win- 
zig scheinenden KugeUi zur andern hin springen 
und sie ermutigen: , Sause zu, lebe zu: Stirb so- 
gar und werde dunkel. Er hilft auch dir wieder 
emmal, erloschene Sonne i Du kommst schon wie- 
der dran." 

Das alles und noch mehr möchte ich weiter- 
geben. Damit man's fühlen lerne. Leben lerne. 
Gedacht wurde es längst. Werde ich noch mehr 
sagen können in diesem kleinen Büchelchen, das 
zuletzt ja doch nur eine Fuge um das eine Grund- 
thema herum ist; vergiß dich in die Natur, ver- 
liebe dich bis zum Irrsinn in sie, damit sich Gott 
ebenso in dich verliebet 

Ja. Ich muß es dreimal sagen: Wolle den Gott. 
Schon auf daß du deine eigene Göttlichkeit wol- 
lest Aber das wäre Nebensache, ist eitel, ist eigent- 
lich gar nicht der Rede wert und sollte nicht ge- 
sagt worden sein. 
BarUch, BoUchaft. 8 

113 



Denn, so wie im arabischen Sprichworte die 
höchste Moral liegt: JTu das Gute und wirf es 
ins Meer", das heißt ohne Lohn und Dank, ja 
nicht einmal zu eigener Erbauung, sondern aus 
reinem Gebenmüssen, so läge das Menschengot- 
testum darin, daß man, sobald man es hat, es we- 
nig fühle, achte oder sich drum anstrenge. Ein Blatt 
am Baume, welches im Herbste zerstiebt, weiß 
es ja ebensowenig, daß es in seiner Art auch 
bis zu einem vollkommen durchleuchteten Leben 
gebracht hat 

Aber ich habe mir vorgenommen, nur zum 
Durchschnitt zu reden und im Durchschnitt zu 
bleiben. Die Träger der Ideale waren immer 
jene elenden Schützen, die den Bogen zerbra- 
chen, ehe sie damit schießen konnten. Darum 
sage ich: Sündigt drauf los; aber mit solcher 
Freude, mit solcher Beseeltheit, Dankbarkeit und 
Innigkeit, daß eure Sünde hochaufleuchtet vor 
Schönheit Das Tiefere, Größere widerfahrt euch 
dann von selber. 

Liebt, vcf^:^cßt euch selber dabei und freuet euch ; 
freut euch, was ihr nur könnt, und der Weg zum 
Gott steht euch offen. - 

Gott ist ein Induktionsstrom der menschlichen 
Sehnsucht, habe ich im „Rabesam" gesagt. Kr 
ist, was und wie ihr ihn wollt, er ist euer Wille 

114 



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und euer fügsamstes Kind. Freut euch, und ihr 
werdet von ihm überschwenglich belohnt werden, 
weil ihr IHM so viel Freude machtet! 

Freut euch, als wäret ihr von Sinnen und den- 
noch in so zitternder Verborgenheit und Stille, 
als könnte man diesen euren Wahnsinn bemerken 
und euch verhöhnen oder ^unschädlich machen*. 
Bebt vor Liebe wie ein Blatt am blühenden Baume, 
aber seid so unmitteilsam dabei wie es. 

Die Pflanzen sind das Tiefste; dann kommen 
die Tiere, welche das Rührendste sind. Erst ganz 
zuletzt die Menschen, welche geheiligt und gött* 
■ lieh nur sind, wenn sie bleiben wie unbewußte 
Tiere und Pflanzen. 

Mir tut es leid, mir selber auf die Sprünge ge- 
kommen zu sein und nun zu tun, was mir beinahe 
wie eine Schamlosigkeit erscheint; Mein Tiefstes 
eröffiien. Wäre ein anderer gekommen, das zu 
sagen, ich hatte eine reifiende Freude gehabt: 
Reißend vor Neid, Zujauchzen und Leid, wie man 
sowas überhaupt sagen kann^ Al>er ich bin im 
Fünfzigsten und niemand kam. Ja sogar meine 
Bücher haben nur drei oder vier Menschen völlig 
verstanden, soweit ich's übersehen kann. Vergebt 
mir; äbermabt Verzeihtl 

Daß ich eine Gemeinde habe, weiß ich. Daß 
sie sehr groß ist, weiß ich auch 1 Sie geht in Mil- 



lionen Menschen umher* Aber daß sie oft recht 

dumpf ist und sehr viel mehr Auslegung braucht, 
noch viel mehr eigentlich, als dieses kleine 
Zeugnis meiner selber geben kann» das erprefit 
mir Deutlichkeiten, wie etwa diese: 

Ich glaube an den ewig wiederkehrenden Chri- 
stus oder den ^uddha« Ihm zuliebe, der bestimmt 
in der Nähe ist, das fühle ich, habe ich den Mut 
das zu sagen, was ihn aufreizen muß, zu kommen 
und zu zeugen für das, was ich sage und was 
immer. wieder gesagt werden muß, in jeglicher 
Sprache, wie sie einer Zeitperiode eben beliebt. 
Ich bin seUg, Instrument zu sein. 

Er kommt. Ich sage ihn an, wenn er vielleicht 
auch bloß als Idee und nicht als Inkarnierter 
kommt. Eine Idee, getragen, (wie Gott von den 
Engeln in alten Bildern) von vielen begeisterten 
Menschen. Es kann ja wohl sein, denn ich bin 
Ironiker, daß er in den Wirbel einer Konferenz 
hineinfährt, töricht heiß, wie das Wort ^dios lo 

vult", das der heilige Benedikt von Clairvaux hin- 
warf, und aus dem die uns unfaßiichen Kreuzzüge 
entstanden. Denn er ist ebenfalls Ironiker, und 
wenn die Menschen ihm nicht genehm sind, dann 
schmeißt er sein Heiligtum verächtlich als Eris- 
apfel unter sie und zündet ihnen ordentlich was 
an. Aber — genug — daß Menschen ihn unerhört 

1 iö 



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tief empfmdeii. Und richte und veraeine er sie 

auch. Wir verdienen nichts Besseres. Welcher 
wahre Mensch hätte das nicht .empfunden* : Eu- 
ropa, zum mindesten Europa gehört weggetilgt, 
wenigstens dezimiert 1 

Wenn nicht in ihm die Liebe aufflammt. Die 
Liebe . . . 

Das erleben zu dürfen, ein Fieber von Einan- 
derheifen, das nur denken zu dürfen« daß solch 
ein Ruf über dieses winzige Tröpfchen aus Dreck 
und Feuer, das Erdchen, hinwegbrausen könnte, 
bis sich alle Menschen im Ringe die Hände reichen 1 

Aber ich will gar nicht von der Menschenliebe 
reden. Ich möchte bloß aus Wilden vorerst ein- 
mal Zahme machen» indem ich ihnen sage, was 
die Wolken mnd, die Tiere, die Blumen und das 
Heidegras, das gobelinfarbcne Waldgras im No- 
vember, wenn sich die Natur selber versagt und 
dem Menschen das Rätsel au%ibt: Finde mich 
auch jetzt immer noch lieb und schön! 

Schon das ist schwer \ auch ich weiß es. In Stun- 
den voll bitterlichem Verzagen und namenloser 
Schwermut hat sich auch mir der Gott verweigert, 
so daß ich ins Kino ging, wenn ich zum Sterben 
traurig war oder hundertmal öfter mein Kreuz 
auf mich nahm, in meinem Zimmer auf und ab 
wanderte und mein Leid sich selber auffressen ließ, 



bis ich leise zu singen begann: — vor Liebe zu 
diesem Leben. 

In meinem „Lukas Rabesam* habe ich erzählt, 
daß auf der alten Bastei am Grazer Festungsberge 

* hingeschrieben stand: ^en amour tropn*est pas^ 
assez*. Und ich habe gesagt : Wie ich Graz kenne, 
werden immer wieder anonyme aber zärtliche 
Hände dieses Wort, das ich mit Bleistift hinge 
kratzt fand, auflHschen. 

Das habe ich im Jahre fünfzehn g-eschricben. 
Ein einziges Mai habe ich selber nötig geiiabt, ein- 
zugreifen und die verblaBten Bleistriche nachzu- 
ziehen. Sonst haben es, pünktlich und immerzu, 
andere Hände besorgt, und heute noch steht es 
dort. Wenn unsereinem in seiner ttefeten Schwer- 
mut so was einfällt, dann beißt man die Zähne 

• zusammen und versuciit es um anderer Namen- 
loser willen, weiter noch ein Weilchen Mensch 
zu sein und damit zu warten, sich in die geliebten 
Hände Gottes zurückzugeben. 

Ich glaube stets, es gibt ebensowenig beseelte, 
also selige oder auch nur brennende, also leuch- 
tende Menschen, als es Sterne gibt im Verhält- 
nis zur Finsternis. Und es ist sonderbar, daß wk 
nach dem Lichte und in den Tod taumelnden paar ^ 
Motten Gottes, trotzdem wir wissen, wie entsetz- 
lich in der Minderheit wir sind, so fröhlich sind. 



IIS 




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Wenn einer wie ich einmal im November ver- 
zagen sollte, der verdammt ist wie ich, in den 
Nebeln des Nordens zu leben und verdammt, die 
Sonne und die erweckte Natur so sträflich zu 
lieben wie ich, dann soll er wie ich an Men- 
schen denken, vor denen man ganz still nieder- 
knien möchte. Aus wieviel Gemeinheit sind wir 
entstanden und wieviel Schufte haben wir jeg- 
licher zu Vorfahren ; und doch ringt sich's immer 
wieder los, das unfaßbar selige Menschentum! 

Es ist so, daß Liebe, also Lebensseligfkeit fUr 
alle eine unsterbliche Kraft ist, deren Medien wir 
bloß sind. Eine Kraft, die, wichtiger als wir und 
unzerstörbar (das Luz, wie alte Weise es nannten), 
durch uns hindurchgeht. Und daß jedes Wort des 
Entzückens und der Liebe, das hier auf Erden 
gestammelt wird, unsterblich ist. Und unsterblich 
in ihm und mit ihm bleibt, wer es sprach ; ob er 
gehört wurde oder nicht. 

Was du an Liebe tatest, und war es noch so 
wenig, das ist dein Anteil an der Unsterblichkeit, 
das bist und bleibst du. Aber nichts belohnt schon 
in diesem Leben mehr und bt erquickender, als 
Liebe zum All, oder auch nur zu den , geringsten 
unserer Brüder", die oft soviel reiner sind als wir. 
Zur Ferne, zu den Sternen, zur Wolke, zum Tier 
und zur anbetungswürdig vorbildlichen PÜanze. 

119 



Wer hat das nicht schon gefühlt, daß der Herr 
ihn aus Baum und Strauch ges^^et hat? Wer ist, 
, ehedem grimmig oder verzagend, nicht in einem 
Garten schon ganz wunderbar still geworden und 
wurde weit über sich hinausgehoben? Jeder Schie- 
ber muß das einmal, in einer Elendstunde, schon 
unbewußt erlebt haben. Denn die Blumen und die 
Bäume lassen keinen von uns &ilen; mit ihrem 
christushaften Vorbild und ihrem Tröste. Sie allein 
hassen nicht und wenn sie kämpfen, ist es ein 
sanftes Sichwinden, wie sich ein Mädchen der 
Umklammerung des Geliebten gerne entziehen 
möchte, weil sie anders will, weil sie reiner ist 
als er und sich selber behalten möchte, sowie die 
Pflanzen sich selber behalten. Dieser Egoismus 

ist ihre ganze, ihre rührende Sunde. 

Dazu hat Liebe zu den Füaazen das Gute, daß 
man seine Götter immer wechseln kann. Jeder 
junge Mensch weiß das ; mit fünfundzwanzig Jah- 
ren hat er mindestens fünf Religionen oder Phi- 
losophien und dreimal so viel Dichter, Tonsetzer 
und bildende Künstler angebetet, dann verachtet 
und überwunden. Das brauchen die allermeisten, 
und ich sehe, wie unser Monotheismus schuld ist» 
daB sich soviele von dem immerselben Gotte ab- 
wenden. Hätte man ihm die leuchtende Vielseitig- 
keit der Gestaltung, die entzückende Laune der 



120 




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Verwandlungs^igkeit gelassen, mit welcher der 

antike Mensch seinen Gott immer an einem neuen 
Rockzipfel ergriff, und wenn er ihn in einer frischen 
und sensationellen Verkürzung ertappt hatte, sich 
in ihn mit einem neuen Namen und Titel ver- 
liebte — Adonai, Adonis, Attis, Dionysos» Mi- 
thras undAntinousi oder dann wieder Satumus^ 
Pan, Faunus und Pomona oder Dryas; groß- und 
klein gedachtes durcheinander, — hatte man dem 
Gotte Freiheit gelassen im^ ach, so abwechslungs- 
bedürftigen Menschenherzen, Freiheit, wie die fran- 
zösische iVIode sie genießt, man begehrte ihn viel- 
leicht heute noch. 

Denn blofi das ist es, daB Gott nicht mehr be- 
gehrt wird. Er, der doch allein hinwiederum den 
Menschen, der ihn will, nicht nur vergrößert und 
verklärt, sondern auch bodenlos glüdldich und 
schön macht. Der Gott, der nicht glühend be- 
gehrt wird, lebt nicht. Nun ist er nirgends leichter 
und ewig abwechslungsvoller zu erreichen, als in 
der Vielfalt der Unschuldigen unserer Natur. Der 
geliebten, unerhört weisen Pflanzen. Ein Moos- 
pölsterchen, wie pulst und bebt es vor Schönheit, 
Mannigfaltigkeit, Geschehen und dürstendem Le- 
ben. £ine feuergelbe Weide im Februar, oder dann 
die schwefelgelbe, zuletzt goldrote und grüne im 
März, ja ein bloßes pelziges Painikätzchen. Man 



121 



sieht es an, bringt es, selten und so sparsam als 
möglich, auch wohl nach Hause ins Zimmer, denn 
es ist schade, daß es in seiner Inbrunst gestört 
wurde — und freut sich, freut sich! 

LÄrchenknospen, Primeln, Rapunzelchen und 
sprossender Löwenzahn amKarfreitag I Wen durch- 
dringt das nicht ? ! Und es sind doch nur ein paar 
kleine Begriffe! 

Überhaupt die Karwoche, wo dem ältesten Men- 
schen ein frischeres Blut erschauernd cinschießtl 
Man muß ja Götter haben, um sie einmal wieder 
zu verleugnen, ich sehe das ganz gut einl Immer 
aber muß man die Frische haben, sie wieder ans 
Herz zu nehmen. Und besonders soll man immer 
wieder zur alten Liebe zurückkehren. Und die ist 
uns halt doch einmal die ergreifend süße Fabel 
Christi 1 Das Kindlein aus dem Stalle zu Bethle- 
hem, das geflüchtete Knäblein unter den Palmen 
der Wüste, der kleine Zimmermannssohn, der sich 
abtut und in die Wüste geht, aber (nach den Schmäh- 
schriften Jeschu") sein Haupt nicht verhüllen 
will, wenn ein gar zu gerechter Rabbi vorüber, 
geht, der milde Anrufer und Tröster, dem die Ar_ 
mut hundertweise nachgeht und ihn hören will, 
der Unheimliche, weil Kindgebliebene und Immer 

mächtiger Werdende für alle Regierenden, der im 
Paimenwirbel begrüßte Erlöser, der ahnungsreich 

122 



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Geängstigte des ölbergs, der Verhöhnte und Ge- 
quälte ; der elendiglich Verlassene um Hahnen- 
krabt Gründonnerstags frühe (eines der wunder- 
barsten Wahrbilder 1), der inTodesmartem dahinge- 
gangene Mensch, dessen verzagendem Munde sich 
nicht die geringste Klage über Korperpein ent- 
ringt, wohl aber der erschütterndste Ausruf, den 
eine Menschenseele jemals tat: ^Mein Gott, mein 
Gott, warum hast du mich verlassen 1* 

An ihn zu denken, das wird niemals aufhören. 
Und wenn er, sowie die reine und namenlos lei- 
dende Maria, historisch wegrasiert würde, werden 
könnte, beide blieben unsl Die Sehnsuchtswurzeln 
nach ihnen blieben in unserm Herzen. Und aus 
unserm Herzen würde der ergreifendste aller 
Götter neu wachsen und aus ihnen auferstehen am 
Tage, da die Natur aufersteht: Wir können nicht 
mehr leben ohne ihn! 

Gründonnerstag. Karfreitag. Wer könnte jenen 
Doppelschauer mehr entbehren? Der sterbende 
Mensch, — die lebende Natur. 

Und wenn der Weidenbusch goldige Folien 
stäubt, so geh hinaus und sag' tiefeten Herzens 
(ob du iHäubig oder ungUiubi^^ wärest), dein »Ho- 
sianna, wer da einzieht im Namen des Herrn' • 
Und wenn die ersten, dicken, guten Hummeln brum- 
men und Blüten besuchen, diese massiven Kupp- 



lerionen verschwiegenster Liebe und Sehnsucht, 
die den andern, den wartenden, Befruchtung zu- 
tragen, da segne alle Sünde, welche Leben heißt: 

— Dul 

Und denke an den, welcher starb und dem du 
eine Auferstehung schuldig bist, in deinem eige* 
nen Herzen. 

Betrachte die Natur: Sei schwermütig, chtho- 
nisch (das heißt unterirdisch und eingegraben wie 

ein Tütcr), manchmal! Besonders, wenn sie sich 

versagt und leidet. Und verzage ; oft, oft — im 
Winter. Aber im Frühling tu es dem Weiden- 
busch, der Hasel, der Prieniel nach und entfalte 
dich goldig, gedrängt und lästerlich verliebt! 

Blick' den ewig wandelbaren Wolken nach : so 
ist ja auch dein Herzl Du hast geUebt. Nun, — 
warst du schön, so hast du betrogen. Warst du 
ungeliebt, so hast du gehalten und gehangen und 
gehtten: all das war wahnsinnig schön I Geh mit 
den Wolken ; das heißt ebenfalls, geh mit Gott. 
Du selber bist nichts anderes als sie und bist zu- 
gleich er. 

Ich habe einmal den Menschen und Gott ver- 
glichen mit seinen Atemzügen. Atmet Gott uns 
zu sich ein, dann sterben wir. Atmet er uns aus 
und gibt uns daher seine Abfallstoffe, sinnbildlich 
wie Kohlensaure mit, also die Materie, dann sind 

134 



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wir und leben. Auch habe ich gesagt, wir Men- 
schen wären Pestbazillen Gottes; leben wir, wie 
wir meistens in den Tag hineinleben, so vergißt er 
sich und stirbt an uns. Sterben wir, dann lebt er. 

Ich für mein Teil habe ihn fröhUch bald leben 
und bald sterben lassen. Ging's mir gut, — hallo, 
tot war er. Litt und rang ich, wie wundervoll lebte 
er aufl Darum denke ich mir, dai^ niemand sich 
so eignen könnte, ihn zu verkünden, wie ich durch 
und durch zu Fehlem bereites, aber sehnliches 
und sonnenbeglücktes Weltkmd. 

Vielleicht finde ich den Ton, den jene verste* 
hen, die ihn weder kennen, noch hören "^wollen 
und damit selber verkümmern. Man kann prachtig 
wachsen mit Czott als gutem Gesellen. Er, der ja 
so gern mit jedem von uns mithält, so wie der 
Herr Christ sich auch im Wirtsiiause kinderfroh 
wohl fühlen konnte. 

Kennt ihr denn eure Kräfte? Ja : Wenn ihr liebt. 
Da verzagt ihr, es vernichtet euch und zugleich 
seid ihr erhoben, als könntet ihr nur gleich da- 
vonfliegen. So seid ihr, wenn ihr euch durchgottet. 
Jeder Galgenstrick kann es. Warum liebte denn 
Christus die Zöllner, die Sünder und Magdalenen 
und begann eine gar zu klappernde und geschäf- 
tige Hausfrau mit leiser Handbewegung abzuwei- 
sen? „ Martha 1 Martha!' 

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Das Leben soll aufbrausen in euch! Nehmt in 
euer fades Alkali nur den Weinstein aus dem 

alten Fasse Gottes und ihr werdet was erleben! 
Sucht und wollt «Gotf aus allen Kräften; aber 
nehmt ihn wie ich, lachend und verliebt und über- 
mütig, wie den liebsten Kameraden der Jugend 1 
Er hat's gerne so. Gebückte Kriecher kann er ein- 
mal, um sein Leben, nicht leiden 1 Schon weil sie 
alle glücklichen und gesunden Menschen von ihm 
weggeschickt haben, ähnlich jenen buckligen Bet- 
schwestern, die einem hübschen Kaplan lieber zehn 
Pestkranke zur Pflege aufdrängen würden, als ihm 
ein frisches, verliebtes Bauernmadel zum Beichtkind 
zu gönnen. 

Wenn ich ihm nur alle frischen, beseelten und 

gesunden Sünder in jauchzender Lebensfreude zu- 
führen könnte, ich hätte die Menschen wieder gott- 
lich gemacht. 

In diesem Augenblicke fällt mir ein, daß das 
gottdurchdrungendste und weiseste Volk der Erde, 
das der Inder — (und das sind Menschen, welche 
ernsthaft glauben, Gottmenschen durchwandelten 
heute noch ihre Reihen), daß die Inder, wie ich 
nicht den geringsten Unterschied zwischen Gott 
und dem Menschen kennen, sondern bloß Voll- 
konunenheitsgrade der Verinnigung, und daß diese 
Inder einen Zuruf haben, den sie .die Maha* 

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vakhya' nennen ; wenn ich das aus dem Gedächtnis - 

richtig schreibe. Also das große Wort, das Wort 
der Wörter: 

» 

Im Anblick nämlich der belebten und unbeleb- 
ten Natur, also der Schmeißfliege, der Made, der 
Wolke, des Kristalls, des Tigers, des Bambus, der 
umklammernden und aussaugenden Schlingrebe 
(was ihr nur an Schönem und Häßlichem wollt) ver- 
langen sie, immer das zu sagen: ,DAS BIST DU.' 

Nun ist es natürlich der Ton, der die Musik 
macht. Ich kannte dieses Wort von instinkther, 
als Kind. Ich sagte es kaum anders, als freude- 
bebend. Oder, seltener, angstgeschüttelt; wenn ich 
Häßliches, Bedrohliches, Niedriges und Schmutzi- 
ges sah und erlebte. Aber selbst wenn der Blitz 
wo einschlug — und ich erlebte einmal in Ober- 
fahrenbach als Siebzehnjähriger drei Blitzschläge, 
die ich von unsrer Weingartenhöhe alle einschla- 
gen und zünden sah, während ein vierter, der In 
unsre Wetterstange fuhr, mich wildbegeistert da* 
neben Singenden wegschmiß wie einen Fetzen, — 
also selbst dann, im schädlichsten Aufruhr aller 
Elemente und zu einer Zeit, wo ich von dem Be- 
stehen des Begriffs „IMaluivakliya" noch keine Ah- 
nung hatte, schon damals fühlte ich dieses zu- 
jauchzende, dabeiseiende, tief hineingehörige, ele- 
mentare; Das bist dul 



12/ 



Hätte es mich damals, statt bloß weggeschleu- 
dert, zerschmissen, ich hätte mich wahrscheinlich 
unbeschreiblich durchseiigt hingfelegt. Nicht mit 
dem Gedanken: Mein Gott, warum hast du mich 
verlassen, sondern mit dem Gefühl : Es ist voll- 
bracht. 

Das ist heidnisch und lästerlich. Aber so lebe 
ich. Und so möchte ich sterben« Wenn's anders 
kommt, bt's ein Irrtum. Nur daß ich mich för einen 
herzlosen Gauner hielte, wenn ich von alledem, 
was ich hier sage, auch nur einen Augenblick 
einer wirklich gläubigen Seele etwas abgeben 
mochte, außer etwa meinen Frohsinn und mein 
Glücksgefiihl. Wer glaubt, hat das Allerbeste. 
Ich gehöre zu denen, welche, wie die Wilden, die 
Einfalt nicht nur nicht geringschätzen, sondern 
beneiden und verehren. 

Ich glaube sogar, daß die tiefsten und besten 
erkenntniskritischen Forscher, gegen die ich ja 
nur ein armer Grashüpfer bin, im Grunde ihrer 
ahnungsreichen Seele auch heute noch ebenso föh- 
len, so oft sie sonst ihre allzugescheiten Kopfe 
schütteln mögen. 

Ja, ich wollte Wege aufzählen, welche zur Ver- 
gottung fuhren und ich komme ins Grenzenlose. 
Was soll ich sagen? Wo beginnen? Bete an, 
was dir Ergreifendes in den Weg kommt und 

128 



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was du, nach Laune und Neigung des Augen* 
blickes, gerade lieben mußt; — und er hat dich 
sdion, der Drängende, der Unverwüstliche! 

Jedes Fcoerchen erzählt dir von ehemals; von 
völlig anderer Auferstehung und anderer Kraft und 
spielt dir die große Tragödie von Leben und Tod 
vor. Schließe die Luftzugänge, und es wird zum 
Philisterdtiseiii. Offne alles, was Sauerstoff zu- und 
Verzehrtheit wegführti und es wird zum Genie; 
stünniadier und unbesonnener als der zwanzigjäh« 
rige Schiller. Du bist bei ihm angelangt: beim 
Gotte. Du kannst hingehen, wohin du willst, über- 
all ist er. Und aus dem Müllhaufen, wo in der 
Dämmerung die Ratten spielen — erzählt er dir 
Geschichten aus dem Ghetto der Menschheit. 

Auch das habe ich gesagt (im «Heidentum* 
denke ich, das ich gerade nicht zur Hand habe, 
weil ich hier alles nur geschwind herausstürme), 
daß diese Erde so ist, wie ein etwas verwahrlostes 
und augenblicklich wenig lukratives Gütchen, das 
für den unermeßlich reichen und adligen Besitzer 
vorübergehend gerade wenig Wert hat £r ist, zu 
unserer Zeit, der ewig verreiste Grandseigneur, der 
aber immer ein Gefühl hat für den, der sein ge- 
denkt. Dient ihm einer in. Liebe und Treue, er 
merkt*s, kehrt bei ihm ein und lohnt ihm*s. 

Wenn nur wir ihn durchdringend fühlen, so fühlt 
Bartsch, Botschaft. 9 

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^£r' (dies £r ist immer Symbol), uns in seiner 
magnetisch todsichern AUdurchdrungenheit sofort. 
Gleich ist er in uns, bei uns, ißt und trinkt mit 
uns und macht alle unsere Angelegenheiten mit, 
solange wir dieses nicht verlieren, was in den paar 
Kindesworten ausgedrückt ist: .Segne mich*. 
Oder: .Chaire«. Oder: ,Abba, Vater*. Und in 
dem: j,Das bist Du*. 

Ich bin sehr verlegen, daß ich nicht das min- 
deste Neue zu sagen weiß. Ich bin aber sehr froh, 
da6 ich, was ich da sage, fühlte, ehe ich's lernte. 
Und noch froher, daß ich*s lebe. Das wäre ilbri- 
gens eine saubere Weisheit, die von gestern und 
vorgestern gekommen wäre. Aber zur Gegen- 
probe: Modelt dieses Gestammel von sechs Jahr- 
tausenden nur um ein Weniges zur Lieblosigkeit 
hin, zur Abwesenheit der Freude, versciiändet das 
Himmlischeste, was es gibt, das -Bilitieid. Was 
dann? — Ein zweibeiniges Schwein wäre c^eboren, 
an dem sich die Erde erbricht und lieber unter- 
gehen würde, als es ertragen. 

Halb als Scherzfrage ; Gehen wir wirklich zum 
Raubaffengeschiechte hin } 

Ich kann es nicht glauben. Schon deshalb nicht, 
weil es ein kaum zu ertragendes Glück der Seele ist, 
naturdurchblüht zusein, also päanzenstill aufneh- 
mend, wolkenhaft wandernd. Schmetterlingsilügel- 

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zuckend, schön und verschwebt vor Sonnen- 
seligkeit. 

Wir alle sind ja heute daran krank, weil der 

Mensch, namentlich der Mensch, den dieser sau-, 
bere , Friede" hervorgebracht hat, die Schande 
derErdie geworden istr 

Grell beleuchtet in seiner Häßlichkeit, wie eine 
sich sicher fühlende und stinkende Ratte am Tagl 
Und daneben gehe ich, und im stillen Hundert- 
tausende wie ich und sagen: Es könnte beseli- 
gend anders sein. Und niemand übersetzt uns in 
eine Sprache, in der wir veistanden würden. Ach, 
jeder Franzos findet seinen deutschen Juden, der 
ihn übersetzt! Ist diese Zeit noch nicht reif? Ich 
wundere mich bloß, ärgere mich nur ganz wen^ 
und selten, denke .recht geschieht euch", tue 
mich abseits und lache. 

Wenn ihr nicht erlöst sein wollt? — Wirklich, 
ich lache und gehe, der Menschheit zum Spott, 
zu den Pflanzen. 

Was habe ich, über dies alles hinaus, gesagt 
und gewarnt und geschrieben. Man hat meine Bü- 
cher zu Millionen gekauft; zwar nur in Deutsch- 
land, Finnland und Holland, aber man hat mich 
auch dort für einen Schriftsteller gehalten wie hun- 
dert andere, nur vielleicht verwunderlicher, weil 
unvorsichtiger und zugleich abseitiger als andere. 



131 



Und irian ist, ohne viel hinzusehen, weitergegan- 
gen. Nun; mir, der so leicht lebt, so unehrgeizig 
lebt und so einsam und kostensparend, kann's 
recht sein, wenn man mich nicht sieht Ich bin 
nicht im kleinsten drauf bedacht, daß mein häß- 
licher Name klangvoll würde. Ich wünschte nur, 
es käme einer, der mich überträfe und siegreich 
erfüllte; ich wünschte, es kämen Millionen, die 
lebten, wie ich lebe. Glücklich. 

Es tut mir bloß leid, daß ich, statt Millionen 
vielleicht nur wenige, möglicherweise sogar bloß 
mich selber erlöst habe. 

Manchmal bin wohl auch ich, rein physikalisch 
und chemisch, trocken gestimmt. 
Ich weiß dann, daß der heilige Thomas a Kern- 

pis Gott schon cm v. cni^ verloren hatte, als er dick 
geworden war. Und daß der heilige Franz es 
nötig hatte, mager zu sein, um der- .Seraßco' zu 
bleiben. 

Hätte ich ein Ritual aufzustellen, so würde es 
teils vom Fasten, teils von Training und Sport 
reden; aber womöglich ohne die stets erniedri- 
gende Geselligkeit mit andern. Alt werden heißt ja 
auch: ^Soviel ich an Bauch zunehme, verliere ich 
von Gott.* Ich habe mich dann um Gott wieder- 
zubemühen und den Körperansatz vergnüglich ab- 

132 

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zutreiben. Das sind sehr irdische Tatsachen, aber 
sie geben zu denken. 

Es gilt wirklich) jung zu bleiben. Das heißt, lei- 
denschaftlich zu reagieren. Ich beziehe diese lei- 
denschaftliche Liebe zu allem, was wir mit jungen 
Sinnen begehren, in den Begriff Erotik ein. Wie 
ehedem Eros sehr viel größer war als später Arnos. 
An jenen denke ich bei diesem Worte. 

yErotik'^. Sogar im heutigen Sinne bleibt sie 
unerhört schöpferisch ! 

Was eine so schwüle Sache, eine so verpönte 
schaffen kann, das beweisen die zwei letzten Pole 
aller Kunst in Stein: Soweit mir heute bekannt, 
sind es die beiden äußersten. 

Antinous, der sogenannte Freudenknabe des 
Hadrian, war es, der aus Schwermut und Opfer- 
mut zugleich in den Tod ging und vergottet und 
in die Sterne versetzt wurde, weil nicht nur Ha* 
drian, sondern das ganze klassische Altertum fühlte, 
daß ihm eine Kraft der Liebe von solcher Größe 
innewohnte, daß sogar jede Frauenliebe tierisch 
und egoistisch neben der seinen erschien. (Mich 
ekelt vor der ^griechischen Liebe*; ich verstehe 
hier reiner und höher hinaus I) Das ist also einer 
der Pole schöpferischer Erotik. 

Ein Gott blühte auf aus dem Laster. 

Der andere PoU Der Tadj mahal in Agra. Er 



133 



wurde von einem Gatten gebaut. Ich weiß nicht 
genau, ob er Schah Dschihan hieß, denn ich schreibe 
nieder, wie es meinem Gedächtnis zuspringt. In 
metner Knabenzett erzählte mir ein Weltenbumm- 
Icr (Prof. Deisenhammer, Graz, Kinkgasse), daß 
dieser Schah oder Mogul das unerhörteste Bauwerk 
der Erde über dem dahingeschiedenen, wahnwitzig 
zurückersehnten Körperchen der kleinen Mumtadj 
Bibi gebaut hätte; und der Name Tadj wäre 
also jene Ideine Mädchenstlbe aus Mumtadj.- Daß 
ich mir das gemerkt habe ? Es hat mich damals 
unerotischen, auf nichts als Indianer- und Jagd- 
abenteuer sinnenden Knaben so sehr erschüttert, 
wie kaum Ähnliches in jener Zeit. Der Mann, der 
es mir erzählte, war ein dicker Piiiiister oime irgend 
was Aufwühlendes. 

Ich, ich weiß es, was es heißt, eine kleine Ge- 
liebte zu früh durchs Schicksal entrissen fühlen. 
Und daß der Gram um entrissene Schönheit nicht 

■ 

durch das größte Kunstwerk zu stillen ist I Daß 
man sich aber dennoch nicht genug tun könnte, 
Schönheit zu bluten, um ihren Grabhügel bis in 
den Himmel wachsen zu lassen mit nur irgend« 
was, ihr Ähnlichem I Ich verbrenne mit an der Be» 
gierde des so göttlich betrc^nen Moguls. Und 
ich kann die wunderbare Tat Hadrians wenigstens 
erschüttert begreifen, von den Menschen zu ver- 

134 



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langen, daß sie den wunderschönen, ablehnend 

nachsinnlichen Knaben aus Bj^hinien zum Gott 
erhöben. Zum Schwermutsgotte allzu großer 
Schönheit, die lieber im Nil endete, als weiter- 
hin das Leben und die Freuden einer elenden 
Menschheit an der Seite eines Erdengottes zu 
ertragen. . 
Sterben } 

Wie leicht man stirbt, das wissen heute die Le- 
benden ja oft noch gut. Obgleich es entsetz* 
lieh ist, mit den Nerven früher zu sterben, ehe 
man dran istl Ehe mir der Tod nahe und sicht- 
bar war, habe ich inmier eine zerreißende Angst 
gehabt. Als ich aber, im Flugzeug, ein paar hun- 
dert Meter, und anscheinend hoffnungslos, stürzte, 
da biß ich die Zähne aufeinander und dachte mir 
in östreichischem Dialekt: , Wenigstens geht*s 
g'schwind*. Was anderes geschah nicht in mir. 
Und Angst war gar keine da. Und so ist's allen 
ergangen. Im Augenblick des Sterbens ist der Tod 
der unerhörte, blitzartige Ausleger seiner eigenen 
Unwichtigkeit 

Aber der, welcher nachtrauern und überdenken 
muß, was ihm nun blieb! 

Aber der, welcher liebte und die leere Frucht 
dieses Lebens allein weiterkäuen mußl 
. Aber der, welcher das Unerhörteste verloren 



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hat, was diese reiche Erde zu geben weiß: Schön- 
heit? 

Nie wieder kommt sie. Oder sie kommt so bil- 
lig, daß man an ihrer Kattunhaftigkeit Terblotet 

Und SO entstanden diese beiden größten Kunst- 
werke: Der schwermütige, weiblich hinneigende 
und männlich verzweifelnde Halbgott Antinous 
und der andere Verzweiflungsschrei nach entris- 
sener Schönheit, der Tadj mahal. Das laßt ahnen, 
was ich Erotik nenne. 

Jedes Menschenwesen von feinen Nerven wird 
wissen, daß Erotik in uns niemals begann oder 
aufhörte. Ich selber war bis in mein zwanzigstes 
Jahr ein Kind; aber ich war mit vier Jahren des- 
parat verliebt. Sündhaft — was ihr nur wollt l 
Zwar, daß mich in den Flegeljahren meine Jagd- 
und Ittdianerpassionen vor den „genußlich* üppi- 
gen Sünden meiner Militärschulkameraden gnä- 
digst bewahrten, was das für ein Wunder war? 
Ich kann es nur anstaunen. - Jedenßdls erhielt es 
mich so frisch, wie ich heute bin. 

Aber dennoch. Immer war sie bei nur, die Ero> 
tikl Wer sie nicht mehr fühlen kann, ist gealtert, 
und wäre er Zwanzig! Wer neben sich im Gefühl 
der Erfüllung ein leeres Weibergesicht daher- 
schleppt, ist tot mitten im Leben 1 Die Erotik hier, 
die ich meine, kann mit dem Worte Einbildungs- 

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kraft ausgedrückt werden. Denn alles Gewaltige 
geht auf Einbildung hinaus» wie alles, was Leben 
zeugt. Gott ist der unerhört Einbildungsreiche. 
Wir sind Launen, Einbildungen, Einfälle Gottes. 
Und göttlich sind wir, wenn wir uns Dinge , ein- 
bilden*: nicht „was auf uns"; natürlich! Sondern 
irgendwas zur Liebe hin. 

Ich möchte beinahe behaupten, daß die ganze 
Kunst Erotik ist und daß die verhaltenste und 
gewaltigste Kunst verhinderte Erotik ist. Wie jene 
des Michelangelo und des Beethoven, auch wohl 
des kleinen, göttlichen Franzel Schubert aus dem 
Lichtental. Und wer auf Erden schön und geUebt 
war und dennoch was übrig hatte für die Sehnlich- 
keit, und aus eigenem Willen ganz gehörig ge- 
fastet hat, dem ward viel gegeben. Dennoch, er 
kommt nie so weit, wie die Verhinderten! 

Ich wäre körperlich und seelisch zugrunde ge- 
gangen an eriuiiter Liebe, wenn ich hätte aus- 
nützen wollen, was mir die Menschen davon an- 
boten. Ich aber bin mit dem Gedränge, mit dem 
Gewühl meines Herzens zu den Gärten gegangen 
und habe mich des Weibes enthalten so lange 
es möglich war. 

Und die Gärten haben mich gesegnet, haben 
mich jung erhalten, haben mir gegeben« was sie 
kaum einem Lebenden außer mir gaben: Tausend- 



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jahrigkeitsgefühl ; für uns Menschen also Ewig- 
keit^efühl. 

Deim was heißt Ewigkeit? 

UnverwListlichkeit. 

Nun, die haben sie mir gegeben. 

Es werden sich diese meine Worte wenig 
Menschen ad nolam nehmen, so daß ich nicht 
furchte, Städte mit großen Gärten wie Graz, Mün- 
chen, Baden*Baden, Wien, Paris werden Fremden- 
überfiillung erleiden und mich darum verfluchen. 
Es kommt auch nicht unbedingt auf die Gärten 
der Vorfahren an: Stets bei den Pflanzen bleibend, 
immer selber säend, pflanzend, zusehend, liebevoll 
betreuend kann der Mensch nie entarten 1 Das 
ist es, was ich mit meiner Hoffnung auf eine der- 
einstige Gartenbrüderschaft, auf eine einzige, groBe 
Siediungsgenossenschaft der Menschheit ausdruk- 
ken wollte. Ehedem wurde adlig und kam zu alter 
Familie nur, wer nahe an der Erde blieb. Sehr 
dumpf adlig in diesem Sinn, das heißt allein un- 
sterblich (in seiner Familie nicht aussterbend, 
aber seelisch hilflos) blieb bei uns der Bauer. 
Es gab bisher für die Massen nur zwei Möglich- 
keiten der leiblichen Unsterblichkeit: Verachtet 
und gedrückt, aber geistig sein wie der Jude, oder 

erdennahe, aber dumpf wie der Bauer. Beides muß 
sich fortab einen. Wir wollen die jüdische Unzu- 

13& 



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friedenheit, Unruhe, Geistigkeit. Wir wollen dazu 
die arische Erdnähe, Ahnung, Verehrung, Todea- 
freude. 

Das muß zusammenkommen. 

Dies also, was ich ich allen geben möchte, die 
mir nachleben können, ist: Unerhört durchnervt 
leben, aber unbekümmert bleiben, wie ein Baum. 
Sich selber leben. Ich glaube alles mir selber « . . 
Jeder Lehrer ist mir verdächtig, der anderes rät, 

als naturlich sein. 

Was alles man mir in der bittern und gewalt- 
samen Schule dieses Lebens ankommandiert hat, 
wenn ich meine vergewaltigte und so gutgläubige 
Jugend besehe ! Ich habe ja getan, was ichm uß te. 
Aber ich habe nicht einmal der Religion, zu der 
ich sehr hinneigte, gefolgt: Ich habe als Kind 
sogar bei Gewissenserforschung vor der Beichte 
sozusagen nur sportlich an mir gezweifelt und 
seelisch niemals mit mir gekämpft. Und ich fühlte 
mich von jeher das unbewußte und unbewußt be- 
hütete Kind der Ewigkeit 

Erlebt euren Gott oder verleugnet euren Gott, so 
oft ihr müßt. Wer ihm gehört, zu dem kommt er 
schon. Nur werdet mir nicht gänzlich hart gegen ihn* 

Freilich, man wird oft hart, abgesondert und 
sparsam mit Liebe. Die Kameraden meiner Jugend 
haben's erreicht, daß meine Seele für alle Menschen 



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kaum meiir und andere Fenster hat, als ein mo- 
hammedanisches Haus. Aber was litt ich dann 
aueh, wenn mir ein Mensch starb, den ich geliebt 
und von dem ich mich trotzdem, meiner Natur 
nach, ferngehalten hatte! 

Verhert niemand gänzlich l 

Denkt an Antinous und an den Tadj mahal. Zwei 
Kaiser, zwei Herren der ganzen ihnen erreichbaren 
Erde, wurden des Liebsten beraubt, was sie hatten. 
Und nie mehr kehrte, das zurück. Niemals gab 
es ihnen auch nur Ähnliches mehr. Da bauten sie, 
jeder nach seinem Können, das Mausoleum ihrer 
Liebe: Der eine schuf in der en^öttertsten 2^it 
völligen Nervenzerfalles das abendstille Götter- 
bild des Antinous. Der andere setzte ergreifende 
GröBe; höchste Lieblichkeit, weißesten Glanz und 
fernste blaue Luft in ein Kunstwerk zusammen 
über dem kleinen Körperchen, dem Niemehrwieder 
der Mumtadj Bibi. 

Maciit das Grüßte aus dem Schmerz, wenn ihr 
ihn schon verschuldet habt Macht aus Niemehr- 
wieder Schönheit. 

Müßte der d od nicht rasend werden, \\'emi die 
Sehnsucht ihm auf solche Art mehr und besser 
res abzugewinnen versteht, als er zu nehmen 
meinte? Ist uns allen der Tadj, ja das Andenken 
des uns sonst vielleicht widerlichen Knaben nicht 

140 



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unerhört mehr in solcher Hinter lassenheit? Man 
denke bloß an zehn Kerle, welchen Mumtadj Bibi 
sonst anheimgefallen wäre oder Antinous. ,Was 
wäre sie, was wäre jener arme, mißbrauchte und 
schwermütige Junge ihnen geworden? 

Wie man liebt» das macht die ganze Göttlich- 
keit und Schönheit der Welt. 

Da steht also das Götterbild der Unmöglich- 
keiti höher und weiter zu lieben, in zwei Gegen- 
Sätzen der unerfüllten, abgerissenen Erotik. Und 
es wird beinahe zu zwei Endpunkten aller Kunst. 
Der Tod kann uns antun, was er kann: Wir wer- 
den ihn bis ins letzte Nichts treiben, wenn wir 
lieben, also um anderer willen das Leben verlan- 
gen. Das Leben der Schönheit und das Leben 
der Natur, das ewige also. 

Die vollste Unverwüstlichkeit erreichen wir nur 
in ihr. 

Wir haben jetzt endlich die verfeinerten Nerven 

für sie: wohlauf, Wenden wir sie an! 

Und das Geheimnis heißt: Verliebt sein. Nur 
wer verliebt sein kann, nur der ist mir geeignet, 
auch diese höchste Erotik zu empfinden, die alles 
in sich schließt, Heimat bietet und Rückkehr und 
Einkehr ist: Die wahnsinnigste Liebe zur Natur 
und zwar nicht zu den großen Courtisanen der 
Natur, zu ihren ,grandes dames', den Alpen, Hi- 

141 



malajas oder andern Bluffs für Grobnervige. Mit 
dem Vergnügen an einem Niagara» mit einem 
Grand Canon oder einem recht ansicbtskarten* 
blauen Meer oder einer Löwenjagd bist du ver- 
loren. Sogar die heroischen Entdecker der Pole 
sind nicht weit ab von jenen Schundromanlesem 
des Lebens. Die Entdecker mit den Nerven be- 
dürfen keiner Sensationen. Ein Heideplatz vor 
Berlin genügt ihnen. Dort haben sie Grott vor sich. 

Die Natur ist alles. Sie immer. Aber nur der 
ist alles, der sie nicht im Sturm aliein findet, son- 
dern leichter und lieber noch im sanften Wehen. 
Der de etwa, am Rande der entsetsHchsten aller 
Städte, sich selber aus dem märkischen Sande er- 
schafft Der sie aus den Wolken hinter den Schlo- 
ten der Großstadt 2u sich herabzwingen kann. 

Nicht ein Eroberer der Fernen kommt zu letz- 
tem Glück, — stets aber der Eroberer seiner selbst. 

Gesegnet, wer die Arme ausbreiten, ja schluch- 
zen kann, wenn er den ersten zänkischen Spatzen-* 
schrei zu Ende Februar hört, wenn's den kleinen 
Mistfinken im Blute juckt. Dieses Ausbreiten 
der Arme, welches einem feiner empfindenden 
Menschengeschlechte ehedem Gebet war, es be- 
deutet das, was jedes liebende Weib heute noch 
unbewußt tut. Umarmend sich darbieten. 

Der Natur gegenüber dürfen wir's. So männlich 

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und stolz wir sonst uns fuhfen mögen. Ihr gegen* 
über sind wir ja alles zusammen : Kind und Vater, 
Geliebtes, Genährtes und Aufgefressenes. 

Ich alter Kerl erschaure wunschlos, wenn ich 
ein ahnungsvoll verhohlenes Mädel sehe, heute 
noch. Aber ich bin in meinem ganzen Leben stets 
viel innerlicher und angerufener zusammengezuckt, 
wenn, unerwartet, um Winters Ende der West- 
wind an mein Fenster stieß. Dieses Erleben war 
mir stets die größte Erotik und sogar in den Ar* 
men der Geliebtesten bin ich zusammengezuckt, 
war wie von ihr weggerufen und ihr innerlich bei* 
nahe ungetreu, wenn derselbe warme, feuchte Atem 
an den Fenstern rüttelte, der die Amseln unsinnig 
machte und die Gräser aufrührerisch emporwie* 
gelte. Und das ist wirklich wahr. 

Dazu möchte ich die Menschen bringen, um 
ihnen den Tod zu nehmen. 

Ich sitze fiissungslos, weil ich hundertmal nie> 
derschreiben muß, und in vielen Varianten, dafi 
ich unsterblich mitten in diesem Leben geworden 
bin und erlöst Fassungslos, weil alles mir nicht 
dazu hilft, das, das weiterzugeben! 

Wenn ich nur wußte: Endlich haben sie's, die 
Menschen. Endlich haben sie das ewige Leben 1 
Dieses Leben, dessen Formel so einfach ist: Ver* 
her dich 1 Verlier dich nicht in die Frau, in die 



143 



Tat oder Arbeit gäiftlich. Verlier dicli dortliin, 

wohin du zurückkehren mußt. Verlier dich meinet- 
wegen nur für Minuten, aber dann völlig ans 
Ewige. Dann vielleicht sogar hysterisch. 

Ich habe mich natürlich niemals hysterisch an 
meine Geliebte, die Natur, verloren, weil ich sie 
zu oft und zuviel besaß. Aber was so ein rechter 
Berufs- und Arbeitsatnerikaner Ist, der muß sie 
dann in ausgerMhten Augenblicken genießen wie 
Abi^nth. 

Ich schreibe weiter, obgleich ich dieses Buch 

am liebsten entsagend und achselzuckend weg- 
legen möchte. Deren fünfzehn habe ich beinahe 
umsonst geschrieben. Ich habe gelebt, ohne daß 
man draufkam, zu was ich hiehergestellt wäre. 

Aber ich weiß, daß man durch beharrliche Harn- 
merschläge die vorgesetzte Form erreicht. Darum 
allein bin ich so wortreich, der am liebsten schwei- 
gen möchte, um auf einen andern Erwecker zu 
warten. Aber käme er? Inzwischen zwingt mich 
die unerhörte Verstandnislosigkeit der Stadtmen- 
scheoi die rund um die Journale wachsen, die 
Oberflächlichkeit derer, die mich wie zum Hohn 
gehätschelt und berühmt L^^emncht, aber mich nie 
erlebt und befolgt haben, auf der Folter dieses 
Nichtbegreifens aufzuschreien« 

Nun ; ich will weiterreden von dem, was not tut, 

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Heute sprach ich in der Markthalle des ^ritten 
Bezirkes mit einem Ideinen dicken Schankwirt ber 
etwa zehn Grad Kälte. Er schilderte mirmit leuch- 
tenden Augen, wie er einen kleinen Ofen vor den 
Küchenherd gestellt hätte und die ganze Familie 
überhaupt nur mehr um diesen Ofen lebte, der 
für sie alle kochte, plauderte und als kleiner Son- 
nenkönig sorgte. Mittendurch sagte er zweimal zu 
Gästen : ,Leck mich*. Und war auch sonst das 
derbste Menschenkind, das man sich denken kann. 
Aber wenn er von seiner Küche und vom Ofen 
sprach, war er das Kind Mensch. Ist es nicht son- 
derbar, daß alles, was ich nur zufallig und be- 
liebig in die Hand nehme, diese meine Erfahrung 
vom göttlichen Heidentum der Freude an den 
Elementen bestätigt? Das Feuer ist eine Geliebte. 
KsMXß habe ich je einen so rotnasigen, pustel- 
vollen, grroben, stinkenden Knollen so weich und 
zärtlich gesehen, wie jenen Wirt. Nie soviel Seele 
in eines scheinbar seelenlosen Kerls Augen. 

yja, unser Feuerl!** 

Was hab' ich Herzenskraft und Lebenssonne 
verschwendet, um das zu sagen 1 In all meinen 
Büchern steht es besser. Aber klarmacheü, ,ein- 
trommeln* muß ich*s einmal. Sonst hält man's 
noch .am Ende für Zufall, daß ich oft davon 
spreche. 

Bartsch, Botschaft. lo 



Ich bin nicht so gesinnt, daß ich sagte : ,Der 

Weise fühlt sich wohl auch im Stier des Pha- 
laris.* Ich habe einen Heidenrespekt vor Angst 
und Schmerz. Und daß es Krokodile, Schlangen 
und Tiger gibt, das gibt auch mir zu denken. 
Mehr noch gibt mir aber zu denken, daß der Hai< 
fisch und der Tiger mit seinem Opfer nicht spielt, 
wie die Katze mit der Maus. Sondern, daß solche 
Wesen (Hund, Katze) erst in der Nähe des Men- 
schen entstehen konnten. Mein Gott, alle drei 
waren oft zu satt und machten dann aus der 
Notwendigkeit Sport. 

Nun komme ich, drehe das Entsetzliche um und 
sage: «Du grausamstes, weil sattestes und gelang- 
weiltestes aller Geschöpfe, mach einmal das zum 
Sport, zurückzusuchen durch deinen Weg der Jahr- 
millionen 1 

Trainiere deine Seele (ich muß die Sprache mei- 
ner Zeit und meiner Erziehung reden), trainiere 
deine Seele zum Verstehen von alledem, was mit 

dir entstanden und dein unmündiger, besiegter 
Bruder ist Kaini Du, Kain, hast bisher alles zu 
erschlagen vermocht Verbringe deine freie Zeit 
nunmehr damit, dich in Abel hineinzudenken." 

Du einer ^lieber Leser' 1 — . 

Längst Verstehender dul Verzeih mk: Ich muß 
das für die andern variieren. Denn ich weiß zu 

146 



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gut, wie sie sind : Der eine versteht nur diese und 
der andere nur jene Bildlichmachung. Hätte ich 
das Glück, at^lsächsisch oder auch nur schwe- 
disch zu schreiben, man hätte mich längst erfaßt 
und wäre dem süßesten, leichtesten und einfach- 
sten aller Rezepte, an Gott heranzukommen, nach 
meiner fünfzehnjährigen Arbeit wohl schon ge- 
folgt. Aber ich schreibe die unbeliebteste aller 
Sprachen : deutsch, und habe dabei noch das Un- 
glück, daß obendrein Itir Jahre hinaus deutsch auf 
dieser Erdoberfläche flir preußisch gehalten wird. 
Immerhin: Es ist noch ein Glück, daß ich nicht 
französisch, spanisch oder italienisch schreibe, denn 
was dort, wo soviel Sonne wäre, an Tiersclünderei 
getrieben wird, läßt mich an eine Naturverzückt- 
heit dort kaum glauben. Ich bin nicht Snob ge- 
nug, zu wünschen, ich schriebe Sanskrit. Aber 
ich schriebe gern etwa in Nordamerika, dem Lande 
der gern balgenden, aber respektbereiten und lern- 
begierigen großen Schuljungen. 

Solchen sage ich etwa: ^Es gibt ergriffenes 
Wetter/ Nicht, weil wir an solchen Tagen er- 
griffen sind, wie wchleidig-e Rekonvaleszenten, son- 
dern weil das Wetter ergriffen ist. Die uns um- 
gebende Natur hat unglaubliche Stimmungen ganz 
unter sich selber. Und wir werden bloß hinein- 
gerissen. Majoritätsbeschluß. Der Schwache erlebt's 



147 



oft anderswo; daß er sich z. B. nicht erklareh 

kann, wie er unter einer Masse von unsympathi- * 
sehen, bierdunstigen Chauvins In höchster Er- 
habenheit die ,Wacht am Rheiif* hatte singen 
können und dabei Halbgottsgefühle hatte. Man 
soll sich eben nie in die Majorität der Kleineren, 
sondern der Größeren begeben. 

Dies e Halb^ottsgefühle bleiben ! Diese, welche 
die große, ewige Mutter und Geliebte uns gibt, 
an ihrem Familientag. 

Denen, also jenen mich langsam ijegreifenden 
und nach mir Lebenden, sage ich weiter: Nicht 
die Natur soll euch gehören, sondern ihr sollt 
ihr gehören! 

Das erstere kann jeder Ingenieur, der sich's ein- 
bildet und es darum auch erreicht, daß die Natur 
ihm gehöre. 

Denn: »Wie einer ist, so ist sein Gott." Ich 
zitiere hier lieber nicht weiter, denn ich habe nichts 
gegen Ingenieure. Im G^enteil, ich liebe sie um 
ihrer Kühnheit nnd Aufrichtigkeit willen. Aber 
wer, von allen Ingenieuren, hätte nicht einmal 
dortwo im Malarialand, wenn alles schief ging und 
er sich selber sandkorngroß wußte, was drum ge- 
gebeoi sich gans im geheimsten, -* einmal wieder 
an Mutters Halse ausweinen zu dürfen? Oder (ich 
erinnere mich kaum, daß ich mich je bei Muttern 



oder sonstwo ausweinte) wenigstens mit den letzten 

Kräften die erschlaffenden Arme um etwa^ zu 
schließen, das man lieb hat. 

Nun, Sie: Herr Bankdirektor, Herr Milliardär, 
Herr Schluchtenüberbrücker , Bergdurchbohrer 
oder Atomzerschleuderer: Etwas Liebzuhabendes 
ist immer da i Die Natur wartet, wie nur ein lieben- 
des Weib warten kann ; wartet wie Solveig oder 
Maria, als phantasieerfuUte Geliebte oder als Zer- 
brechende, weil Sie ihr gar zu groß und stark 
geworden sind 1 Sie haben Sie ja unterjocht Da 
ging sie nicht naehr als Geliebte mit. 

Nehmen Sie sie nur einmal um den Hals und 
sagen Sie: ,Dul Dul' 

So wie der Engländer zu Gott allein Du sagt, 
was ich für die feinste Sache der Welt halte. 

Und kommt oft, oft und sehr demütig zu ihr. 
Denn sie ist sehr beleidigt und sehr böse auf euchl 

Aber dannl Wenn sie ihren ergrififenen Tag 
hat, um euch und sich zu einigen: Dann seid ihr 
wieder Buben ! 

Dann seid ihr wieder daheim, wie am ersten 
Urlaubstage und dann denkt euch geschwind: Ster< 
• ben ist Urlaub nach langer Abgewöhnung-, 

Es ist oft ebenso schwer, zu ihr zurückzukommen, 
wie es mir sdiwer fiel, in Wien meinem Mütter- 
chen, nach jahrelanger Einsamkeit und Schweig- 



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samkeit, irgendwas mit Worten auszudrücken. Mit 
irgendwem überhaupt zu reden. Ich glaube, das 
18t nur nur widerfahren, damit ich's zu seiner Zeit 
den großen, harten Geldmenschen vorhalten sollte. 

Der Sterblichste der Sterblichen, also der Reiche 
sogar, kann selig werden, weil das nicht wahr 
ist, daß Eins nottäte — den Menschen zu 
heben. 

Das ist ein unterschobener Satz, unterschoben 
von einem Sozialdemokraten vergangener Jahr* 
tausende. 

Eins tut not: Zu lieben. So ist es wahr. 

Und sogar Gott hat nach jenen, symbo- 
lisch zu nehmenden Urkunden sein auserwähltes 
Volk verworfen. Verwerfe der Mensch, dem die 
Menschen das Herz zerbrochen haben, jene nur 
ruhig um der Liebe willen. Aber dann umfasse er 
jene, die ihm nie was getan hatten und immer 
gaben. Die ohne Grausamkeit töten und ohne 
austernschlürferische Gustos zeugen! Jene Urkräfte 
und ihre unbewußten Äußerungen und Kinder. 
Er liebe sie mit verhaltener Liebe, aber mit umso 
raffinierterer, das heißt gereinigterer und süßerer 
Liebe. 

Es ist auch ein sonderbares Geföhl, zu wissen, 

daß dieses mein Wort zur Erlösung gerade den 



150 




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mächtigsten und den ohnmächtigsten aller Men- 
schen gefallen wird. Aber wer weiß, wo sich hier 
der Kreis rundet? Größte Roheit und höchstes 
Ideal Icann nur der Knabe vereinen. Kindmenschen 
rufe ich an. 

Darum tut es mir ja so leid, vorderhand für 
ein Volk schreiben zu müssen, das so viele Brillen 
von jenem SchUüe tragt, der am Rande dick und 
innen dünn ist 

Weitsichtig oder natursichtig möchte ich euch 
machen, ihr Deutschen, die ihr alle Schrift viel 
zu nahe an die Augen haltet! 

Weil ich ein ganzes Leben voll Übung fordere, 

weiß ich, daß ich für Manner schreibe, und meine 
Lehre keine weiche und weibliche ist. 
Sei und werde dein eigener Gott. 

Sei wie er, bald stahlhart, bald gutig und er- 
griffen, wie der Tag oder das Wetter es dich sein 
heißt, aber niemals die Laune der Menschen! 
Dein Tag und dein Wetter möchten gar zu gern 
jene bestimmen, die etwas von dir wollen. Und 
immer nur wollen die Menschen was von dir! 

Richte dich, daß du immer nur von der Natur 
was willst, und möglichst wenig von den Men- 
schen. Dann kannst du ihnen entgegentreten, wie 
die Natur es tut. Durchschatte dich bei den Bau- 
men, aber sei gnädig wie sie und laß immer 



noch Sonnenkringel durch; — Bilder der Sonne 

selber. 

Bist du wie ein Garten voll großer Bäume und 
nimmst viel Rau^n für dich, so gib auch viel Scfaat- 
V ten. Aber zeig, daß du nicht der bist, der andern 

bloß das Licht abhält. Sondern zeige jedem, der 
Sonne sucht, den Weg dahin. Wege mußt du haben 

' wie ein Park, welche in einem herrlichen Mittel- 
bassin enden, wo der Springbrunnen steht und ^ 
die Sonnenuhr und die Göttergestalten und die 

Ruhebänke. 

Sei gnädig» still und unreagierend wie die 
Bäume. Geh zu ihnen, so oft du kannst. Soviel 

ich in meinem armen Dasein gelernt habe, steckt 
Gott bei ihnen am meisten ; er muß sie sehr lieb- 

♦ 

haben. Schon weil er ihnen keinen Schmerz gab, 
weil ihnen mändunal sogar gestattet, zu blühen 
wie Blumen. Und weil er sie tausend Jahre alt 
werden läßt. Ich spge euch, geht zu den Bäumen. 
Es strönien unerhört viel geheime Lebenskräfte 
. von ihnen aus. Aber ich furchte, wer sich das 
nicht als Junge -einübte, lernt es später so .schwer, 
wie den Bauchaufzug oder das Boxen. 

Was hat unterdes die Natur aus mir gemacht. 
— Beinahe inmierzu jauchzt es vor Lebens- 
überdrang in mir, und selbst meine seltene, aber 
tiefe Schmermut umgibt micli, wie etwa der Duft 

152 




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> 



sterbender Reseden an grauem Herbsttag: voll 

Gestimmthcit, 

Ach, weit um mich weiß ich niemand, der 
dies mein Glück mitzuleben vermöchte! 

Und so schreibe ich eigentlich Briefe an die 
Zukunft. Ich vergaß, weil es hundertjährige fiäume 
gibt, mit denen ich wuchs, wirklich völlig, daß 
es eine Zukunft gäbe, ja auch nur eine Jugend. 
Denn jene, die Bäume, gaben mir den Trank des 
Cidh^; des ewigen Juden der Persersage, der aber 

gar nicht ewig unglücklich ist, sondern ewig frisch. 
Ewigjung. Sie bewirkten, daß ich, einer der hei- 
tersten und lebenUebendsten Menschen, den Tod 
Hebe. Und jetzt wieder fällt mir ein, daß es 
eines der heiligsten Gesetze der Perser war, 
Überali, wo sie herrschten, sogenannte Paradiese 
anzulegen. Gärten voll fremder, aber schenkender 
Gewächse und Bäume. Und vielleicht ist der Pfir- 
sich durch solch eine anbefohlene Zwangsmaß- . 
regel in der Welt weitergekommen, weil er nodi 
den Persemamen trägt. Vielleicht war der Thrakier • 
Dionysos vom persischen Gedanken erfaßt, als er 
die Rebe weitertrug und lehrte, sich an ihr zu 
freuen, ohne tierisch zu werden. Denn der Pan- 
ther war sein Wamungszeichen. 

Und irgendwie Aihle ich, daß mich ein Funke 
jenes iranischen Ariertums durchglüht, der mich 



153 




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so reden heißt, — und soviel drüber reden, 
meiner sonst nicht schwatzhaften Natur zum 
Trotze. 

Ich möchte gerne nicht geboren sein. Und 
wenn schon, so als Edelkastanie, die tausend Jahre 
alt wird, immer gibt und immer schweigt, außer 
der Wind haust in ihr oder der Blitz erkürt sie 
in flammendem Verlangen. So möchte ich leben, 
so möchte ich sterben. 

Es ist gar nicht wahr, daß es der Mensch 
istl 

Das haben euch die Politiker und die Zei* 

tungen eingebrockt, deren wirkliches und wahres 
Geschäft von jeher das Lügen war, und die nur 
ausnahmsweise, und aus besonderer göttlicher 
Gnade, einmal eine Wahrheit sagen. 

Es ist nicht wahr, daß es der Mensch ist! Es 
sind in unsres Vaters Hause soviele Wohnungen, 
als er Kinder weiß. Nur: In den meisten Woh- 
nungen geht es beglückender und säuberlicher zu, 
als bei uns, die wir ebenfalls Bestien sind, aber 
dazu noch lügen. 

Ich bete den unbewußten Menschen an. Ich bete 
den Menschen an, der sich schämt und kränkt. 
Aber ein frecher Mensch, ein Gierling oder ein 
Neidhart ist mir viel, viel weniger wert als eine 

154 



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Abendwolke, als das Meer, oder bloB eine Strafien- 

lache im Februar. 

Greht zu solchen Dingen und verliebt euch in 
sie. Ihr werdet statinen über die unangreifbare 
Heiterkeit eurer Seele, nachdem das in euch ein- 
gezogen ist: Diese Erotik der Natur 1 

Sinnenfroh seid, aber innerlich und andächtig. 
Und, wenn ich euch noch was dazu geben dürfte: 
Verachtet mir keine Religionl Habt ihr 
niemals den Ausdruck unsagbarer Gestilltfaeit und 
nvesenhaftester Zufriedenheit auf dem schon hier 
verklärten Antlitz eines wirklich Gläubigen gev 
sehen? Das ist es ja, was ich Heide euch Heiden 
geben möchte I 

Wirkliche Religion i Diese weiseste Dummheit 
der Erde, dieser genialste aller Irrtümer, dieser 
einzige Weg, um aus einem Tier zum Gott zu 
werden ! Ich bin, was man so nennt, ein Heide. 
Wer mir aber in meinem Leben über iigend- 
ein Bekenntnis gespottet hat, oder gar eine 
Religion beschimpfte, den hab* ich fortab nach 
Möglichkeit gemieden. Er war kein voller Mensch 
för mich; Kritisch darf mir jeder seht, höhnisch 
nicht.' Im Gegenteil rate ich euch: Geht oft zur 
Religion. Als fremder aber taktvoller Gast: Schließt 
euch ein Momentlein einer Marienandacht im Mai 
an. Oder nehmt vor einer Prozession, die durch 

155 



die prallenden, noch silbecgrauen Felder zieht, bis 

ins Innerste ehrfürchtig" den Hut ab, wie vor der 
schönsten und größten Königin. Erlebt's, daß ihr 
gesegnet seid da für 1 Der Gegenstrom kommt 
in euch. 

Ich habe mich niemals gerühmt das Heil zu 
sein, außer für manche Heillose. Ich habe in mei- 
nem .Heidentum* über mich selber gespottet, daß 
meine Lehre sich zum tiefsten Christentum ver- 
halte, wie eine Maß Bier zum Gralsbecher. Aber 
eine Maß Bier im August, möchte ich hinzufügen» 
Und ich schreibe, Gott bewahre, nicht für mora- 
lische Genies (die brauchen mich nicht), sondern 
. für Durchschnittsleute. 

Denen aber bringe ich wirklich die erste frohe 
Botschaft, von der ich weiß, daß sie brauchbar ist. 
Der Gralsbecher, habe ich gesagt, ist kaum für 

einen unter Millionen. Ich ahne ihn, ich verstehe 
. ihn, ich sehne mich nach ihm. Aber ich bin 

9 

sdner nicht wert. Und so suid wir seiner alle 

nicht wert, wir Bakterien Gottes, die eine kurze 
Weile, wie Sonnenstäubchen im sonst dunklen 
Zimmer, uns selber durch das Licht dieses Le- 
bens bemerkbar werden — um an der andern 
Seite des Lichtbalkens, nach possierlichem oder 
auch schönem Kreiseln wieder zu verschwin- 
den. ' 

» 

156 



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Ich sage euch also ; Genießt, aber genießt see- 
lenvoll. 

Liebt, was ihr könnt, aber liebt alles eher als 

den Menschen, den man in Ruhe lassen und dem 
man ausweichen muß. Es ist schon viel Lebens- 
kunst, wenn man gelernt hat, ohne sich sehr ge- 
hässig zu machen, an einem lieben Nächsten vor- 
überzukommen, nach bestem Wissen und Gewissen, 
wie es jeder Wolf im Walde, jede Krähe am 
Felde, jeder Eisenbahnzug auf der Strecke zuwege 
bringt. 

Zur Zeit der Epikuräer, sagte ich einmal, gab 

4 

es kein Landschaftsempfinden, das dem" unserii 
auch nur nahekam, an Auge, Innigkeit und Raffi- 
nement Ich nenne dieses unser Raflfinement eine 
religiöse Kraft. Sie liebt ... 

Man hatte damals keine Ahnung von gebro- 
dienen oder gar morbiden Farbtönen; und wie 
armselig und roh die musokalische Ahnung etwa 
gegen das Nervenbündel Debussy war, laßt euch 
von einem gescheiten Musiker oder gar von 
einem frommen Organisten erzählen. In allem sind 
wir unermeßhch fein geworden. — Wären wir 
jetzt nicht endlich mit der Nase drauf hinzu- 
stoßen, daß wir unsere unsterbliche Mutter bis 

nahe an Perversion heran heben könnten? Weil 
sie so tolimachend jung und schön ist? Verliebt^ 



»57 



sich der Enkel der Ninon Lenclos in seine ge- 
fährlich süde Großmutter (einer der absurdesten, 
aber tiefsten Triumphe dessen, was man am Men- 
schen .Wesen" nennt), so wird's wohi sehr viel 
leichter sein, zur GeUebten zu n»chen die, welche 
man bisher nur als ewig junge Göttin ansah, aber 
aus etwas gar zu respektvoller Feme. 

Öfter habe ich gesagt: Alle Götter alter Tage 
leben noch, öfter habe ich gesagt, daß der große 
Pan, der ja um die Zeiten Mark Aurels herum 
gestorben sein soll, wie die wunderbare antike 
Fabel es dem Christentum in seinen Sieges- 
weg schleuderte, für mich nicht tot ist! Und 
vielleicht, — da die andern Menschen ja seit an- 
nähernd zweitausend Jahren nur Götter anerken- 
nen und lieben mögen, welche sie umgebracht 
haben — : sind sie endlich bereit, den von ihnen 
ermordeten Pan anzubeten? 

Sollte man mir hier einwenden, ich schriebe 
meine eigenen Bücher ab, ja ich hätte das vor 
ein paar Jahren schöner gesagt, so muß ich ant- 
worten : Ich kann es nicht zu Ende sagen ! Es 
durchwühlt und erfüllt mich bis in meine letzten 
Äderchen und es muß doch einmal in dieser arm- 
seligen Welt, wo alles vor Schmerz aufschreit, 
einer vor Glück aufschreien dürfen! 

Ich verlange also von den Menschen nichts, als 

15« 



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daß sie steh nach Belieben ihre eigenen Grötter 

machen. Der Eine, Ung-eheure, läßt sieht's gerne 
gefallen« Viel lieber, als gedankenlos angeplärrt 
oder gar durch zudringtiche Ichbitten gedrängt 
zu werden. Jedes Menschen Seele ist eine Art von 
elektrischem Relais. Ein Verteiler, wie es der Va- 
gus, der Sjonpathikus zu sein scheint. Wir sind 
Kinder aber des Wechsels. Verwandeln wir also 
unsern Gott ruhig in viele Götter ; er wird nicht 
kleiner dadurch, sondern nur für mehrere aufnehm- 
bar. Und die nächste, gnädigste, augenblicklich 
bereite und helfendste aller Gottheiten, ist sie euch 
nicht die der Natur, der Weite, des Waldes, der 
Gärten, der Jahresseiten, — was ihr von ihr nur 
anfassen wollt? 

Anbeten muß man können. Dasistunbe* 
dingt zum Ghicke nötig! 

Wir sind entsetzlich enterbt und verloren, seit 
wir keine Ehrfurcht, keine Tränen und keine An- 
betung mehr zuwege bringen. Was für ein Heim- 
weh habe ich nach dem Segen der Träne, die 
ich mir als Soldat pünktlich abgewöhnt habe und 
wohl nie mehr finden werde, wenigstens nicht so 
ergreifend ^ütig, wie ich sie als Kind hatte. Auch 
mit der Ehrfurcht vor den Menschen ergeht es 
mir schlimm; wie uns allen, von denen jeder 
sein eigener Gott zu sein begehrt, aber ich bimge 

159 



sie — selten — noch zuwege. Einzig die Begierde 
zur Natur blieb mir. Es blieb etwas, was ich an- 
beten kann. Dieser dritte Teil allein (auch wir 
haben die ersten beiden sibylltnischen Bücher ver- 
brennen lassen) feit mich schon gegen Tod und 
Verdammung ! 

Es gibt keine Erlösung und es gibt keine Un- 
sterblichkeit ohne dies Zurückfinden des heiligen 
Franz zu unserer geliebten Braut, der Natur. Ja, 
Geliebte. Das Wort gehört besser zu unsereinem 
als Mutter, ist viel tiefer als Gattin» als Frau. Der 
Bauer hat die Erde geheiratet, ja. Und hat sie 
zum müden, alten, reizlosen Alltagsweibe gemacht. 
Immer nur zu Besuch bei ihr, immer sehnlich nach 
ihr, ja immer um sie im geheimen zitternd, daß 
wir sie vielleicht dennoch nicht völlig besitzen, 
so muß sie genommen werden, die Natur. 

Insoferne ist meine Naturerotik vielleicht per- 
vers. Aber welche Erotik eines Nervenmenschen 
wäre völlig schön ohne ein klein wenig Perver- 
sion? Wir müssen uns ein wenig vor uns selber 
entsetzen, um zu fühlen, wie abgründig weit wir 
reichen. Ich finde das goldenste Menschenmaß im 
y Gärtner", im Siedler. Ich bin, wenn er nur die 
Seele dazu hat, voll tiefster ErgrilTcnlieit für ihn. 
Selber aber bleibe ich ein Kind der Stadt des- 
halb, weil wir vor jenen Beschenkten etwas vor* 

i6o 



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aus haben: die wenigeren Liebesstunden mit der 
Natur. Sie sind eben dann von einer so unbesdireib- 

liehen Erfulltheit, daß unsereins in den andern 
Stunden die Geliebte leichter dem Gatten über- 
läßt. 

•Ich habe früher anders über diese Sache ge- 
dacht. Aber seitdem ich selber gegen dreihundert 
Obstbäume gepflanzt und drei Gärten angelegt 
habe, seit ich sehr viel gebückt Unkraut jätete 
und schweren Lettenboden umstach, öfter, als be- 
seligt sitzend und schauend den Duft meiner eige- 
nen Reseden oder Vanilleblumen im Abschieds- 
monat einzuatmen, seit mir Haustiere starben 
oder gestohlen wurden, seit ich Bäume krän- 
keln oder gar verderben sehen mußte, Zäune um- 
geworfen und angebetete Hände neben mir von 
harter Arbeit breit und rauh werden, seit jener 
Zeit beneide ich, sowenig ich mein bißchen Scholle 
und meine Arbeit daran aufgeben möchte, doch 
manchmal ein wenig den Stadtmenschen, der zur 
Natur 'ebenso kommt, wie ich*s oben sagte: Als 
Flirtender 1 Als Liebhaber, als galanter Gelegen- 
heitshascher. 

Ein kleines Gärtchen freilich sollte jeder 
Mensch besitzen. Aber, so wie das Haus: je klei- 
ner, desto besser 1 Um glücklich zu machen, sind 
fünfzig Quadratmeter besonnter Erde pro Kopf 

Bvttcli, Botschaft, ii 



geeigneter ab dreihundert, und dreihundert weit, 
weit beseligender als dreitausend. Wer voll- 
kommen glücklich mit der Natur werden will, der 
muß das jubilierende Mittel wählen zwischen dem 
allerldeinsten, sich behaglich streckenden Besitzer 
und dem Landstreicher, der sein Sach' immer 
wieder auf Nichts zu stellen bereit ist. Wenigstens 
wurde ich mit diesem Rezept am glücklichsten, 
weil zwar leise Belastung unsereinem nottut, aber 
doch auch wieder Ungebundenheit und Frei- 
heit. 

Jeder findet sich schon die ihm zusagende 
Mischung von Kreuz und Kranz. Aber ehe nicht 
jeder Arbeiter sein eigen Stück Erde hat, leben 
wir auf einem Flibustierplaneten. 

Ich will keinen Menschen gegen seine Art er- 
höhen, oder mahnen, oder verpflichten. Ich weiß 
ganz gut, daß der heilige Franz, seine wahren 
Nachfolger numerisch betrachtet, umsonst gelebt 
hat. Ich weiß, daß Angelus Silesius ebenso um- 
sonst die beiden groljen westchristlichen Bekennt- 
nisse zu vertiefen gesucht hat und selber als Zän- 
ker starb wie ein Boccacio auch. . Ich will nur die 

Menschen (glücklicher und schöner machen. 

Denn glücklicher und schöner werden sie gerne; 
tiefer und besser nicht.- 

Und darum — bloß weil mein Leben schön und 



162 




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ich glücklich war und ich es weitergeben wollte — 
hab' ich (abgesehen von wenigen, als Talent- 
probe gedachten Werken), mein lebelang nichts 
anderes erfunden und niedergeschrieben, als niich 

selber. 

Ich weiß, daß jeder Mensch, der mit meinen 
Augen sieht und mit meiner Seele teilhat an Ge- 
löstheit in der großen Unsterblichen, der Natur, 
sogar äußerlich vom Alter wenig berührt wird. 
Daß er im Grunde ewig jung bleibt, ja daß er, 
je älter, seelisch desto schöner wird. £s ist etwas 
aufreizend Erquickendes um das, was ich weiß und 
erlebe! Vielleicht eben, .weil für unsereins das 
sanfte Nähergleiten an den Tod nicht die ge- 
ringsten Schrecken hat. 

Der Waldkauz wird zu Ende Februar an lau- 
nenhaft gewordenen Abenden wieder heulen und 
die Ringeltaube im März. Und die Amsel wird 
Dinge rufen, die uns unsäglich sind. 

Alles das bleibt Und wenn ich überdies noch 
weiß, daß ein lieber Junge in der Entrücktheit 
solcher Abende seine stülgeworcicne Kleine an 
ihren bebenden Händen faßt und sie mit meinen, 
aber nun seinen Augen sehen lehrt, sie mit 

meiner, jetzt 'dhcv seiny;cwordener Seele zum Er- 
schauern bringt, dann bin ich bei ihnen, bin da 1 
Und «noch aus meiner eisernen Urne in der Grab- 



163 



ftische der alten Schloßbergbastei heraus Ugät 
, ich sie. 

Ich bin goldgrüne Wiese über und über. Ich 
bin das gelbe Waldgras im Herbst» unter dem 
sich die Eidechse zum Winterschlafe bereitet. Ich 
bin leuciitend wie der Üsterbach zwischen stäu- 
benden Weidenkätzchen, den der verrückt grüne 
Grassaum begleitet und der voll Spiegelung zie- 
hender Wolken und blauen Himmels ist, und ich 
bin moi^bid, wie die gobelinforbene Tönung der 
Novemberwiese, auf der die Maulwur&haufen 
schwermütig erstarrt sind im ersten Grade unter 
Null. Ich bin und bleibe bei alledem. Und es 
hat mir eine so enorme Wichtigkeit, daß alles 
übrige« etwa der Sieg in dieser Weit, oder Geld- 
verdienen, das Glück sogar, g^iebt zu sein, da- 
gcgen nur ein guter Sport ist, den ich mitmachte, 
der mir aber stets nur als ein schönes, gesundes 
Nebenher galt 

Vor kurzem, also schon ein alter Kerl, stieg 
ich an den immer noch völlig durchgilbten Hängen 
eines kleinen Hügelwaldes hinauf, sah da und dort 
die pappendeckelüu'bigen Edelkastanienblätter des 
Vorjahres liefen, aber aus dem Fallaub brach ro- 
senviolfarbig der Seidelbast, brannte das Blau der 
Leberblümchen. Und da und dort, immer wieder, 
wie eia Korb voll Ostereier, ein Priemelnest. 



164 




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Links die Bergwiese, rechts der sausende, warme 

Wind. Sonne. Viel Sonne. 

In einem fernen Wald heulte die Ringeltaube, 
über mir übten zwei Bussarde das graziöseste und 
leichteste aller Liebesmenuette in wanderblauer 
Luft ; droben, beim Höhenhäuschen, wohin mich 
eine herrliche Thuya oder Wellingtonia gezogen 
hatte, die ich aus der Ebene entdeckt, stammelte 
die verzückte Drossel. 

Und um mich ging's immerzu von Hasen, welche 
sich besinnungslos jagten. Kaum waren sie mir 
von Imksher beinahe zwischen die Beine gestäubt, 
schloß sich der eilig verliebte Rii^^ rechts im Walde 
schon Wickler. Leise lachend und seelisch über und 
über blühend und stäubend wie die gelben Wei- 
denkätzchen, stieg ich bergan. Im^alde half ich 
eineir Bauem&miUe dann, einen sehr widerspen- 
stigen Eichenklotz mit dem , Waldteufel", einer 
Hebwinde, zu Wege zu bringen. Die eine der Bauers- 
töchter, ein fünfzehnjähriges Mädchen, war schön. 
Sie allein hielt sich still; und sie hatte auch das 
kleine Brüderchen zu tragen. Eigentünüich schlank 
und Walddurchseelt war sie und sah mir immerzu 

beim Schaffen und Raten auf Hände und Antlitz. 

Dann ging ich hinauf zum schönen^ dunklen, 
kegelförmigen Baume und freute mich des Blickes 

auf die glasblitzenden Schneefelder der fernen 

i6s 



Berg'e, freute mich der beiden kreisenden Bussarde 
und aller mir so vertrauten Laute des Waldes. 
Als ich wieder hinunter und an der schaffenden 
Bauersfamilie vorbeimußte, kam mir, wie magisch 
angezogen, das schöne blonde Mädel durch den 
Wald nach. Sie hielt den kleinen Kopf gebeugt, 
wie eine Bekennende, unter den Gretchenzöpfen. 
Sie müßte ihren Bruder hinunter nach dem Hofe 
tragen, erklärte sie den Eltern, die ein wenig ver- 
wundert aufblickten. So ging sie bald neben mir. 
Drunten umjagten jetzt die tollgewordenen Wald- 
hasen sogar den Bauernhof, der ohnehin halb im 
Busche stand. Der Hofhund an seiner Kette be- 
handelte mich völlig wie einen Zugehörigen, das 
heißt, er ließ mich nahe heran, und als nun das 
Bauemkind mit ihrem Brüderchen dazutrat, sprang 
er freudig winselnd an ihr empor^ um ihre Handc 
und Wangen zu lecken. 

.Geh, du,* sagte sie lachend. .1 mag kein Bus- 
sel von dir." Das letzte Wort unterstrich 

sie mit bebender Stinuue. Und sah mich dabei 
halb schalkhaft und einladend, halb in einer Art 
von Angst an. 

Ich stand wie gelähmt. Wir waren völlig allein. 
Ringsum deckten uns die Hofgebäude« Das Mädel 
schwieg und wartete. Rundum war alles verliebt 
und mir selber brauste der Frühling im Blute. 



i66 




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Es war sundhaft poetisch und unerträglich suß 
in seiner Spannung» damals, in einer der letzten 
Märzminuten. 

Als ich mit dem leichten Tone des Stadters 
aber sagte: „Schön wär's da. Schad'. Nun muß 
ich aber gehen/ da war meine Stitnine belegt 
und ich bebte an allen Gliedern. 

Seltene Augenblicke des Übermutes abgerech- 
net, habe ich niemals die Hand ausgestreckt nach 
einem Weibe, das ich nicht fürs ganze Leben lieb- 
zuhaben vermocht hätte, und sowas fühlt man 
gleich. So blieb dies damals ein kleines Wunder; 
eines von vielen! Schöner, als wenn ich dann viel- 
leicht noch ein paar Tage oder Wochen gekom- 
men wäre und zuletzt Tränen hinterlassen hätte. 
Und selber einen üblen Nachgeschmack in Mund 
und Seele. 

Von solcher Art sind meine tiefsten Erlebnisse 
immer gewesen. Ich erzähle da absichtlich eines 

der allergeringsten. Das ist es, was ich Erotik und 
Genuß nenne. Und das ist es, was glücklich macht 
Ich habe alles vollkommen gefühlt damals und 
alles durchdringend stark gefühlt. Die Priemein, 
den Duft des Seidelbastes, die kleine Waldquelle, 
das sän(Uiche, dunkle Aufbrausen der Waldkro- 

nen, die Sonne, die Ferne, den blauesten Mädel- 
bück und ihre Hingezogenheit, die Frühlingsvor- 



167 



mittagsonne auf den Buschwindröschen und der 
goldtressenfiurbigen Wiese, die Alldurchdrungen- 
heit dieser Minuten, die Nähen und Femen und 
das purpurschwere Aufrauschen meines eigenen 
Blutes» das mir Stimme und Knie versagen machte. 

Mehr wäre weniger gewesen. 

Menschenkinder, was habt ihr doch für eine 
Quelle ewigen Glückes an euren feiner gewor- 
denen Nerven» an euren künstlerisch gewordenen 
Augen I 

Jeder von euch sollte Künstler sein; ein Künst- 
ler seines Lebens I Statt Bilder zu patzen, emp- 
findet sie! Ist denn nicht der Begeisterte auf 
der Galerie viel glücklicher, als drunten der be- 
rühmte Schauspieler? 

Werdet mehr zum Zuseher und weniger zum 
Mitagierenden dieses Lebens. Wenigstens bewahrt 
euch immer ein paar Stunden außerhalb vom Da- 
seinskampf, den ja auch ich tüchtig mitmachen 
muß. Stunden, um sie geradezu raffiniert zu be- 
nützen für eure Glückseligkeit. 

In solchen Stunden seid verliebt; in irgendwas! 
In eine Frau, die ihr nie mehr seht; in das Dahin- 
jagen eines edlen Hundes, in ziehende Wolken, 
in ein Glas seltenen und sparsam genossenen Wei- 
nes, in ein Stück Brot, das nach blühenden Korn- 
ähren duftet, in was ihr wollt I 



i68 




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Das ist CS, was ich Erotik nenne. Empfindet 
auch ihr den Begriff Sinnlichkeit und Eros durch- 
aus im Begriffe der Alten, welche den heutigen, 
ausschließlich gewordenen Ausdruck dafür nur als 
unterste Stufe ansahen. Das war auch Erotik. 
.Es war auch Sinnlichkeit. Aber nicht allein. 

Sinnlich sein, heißt in höchstem Begriffe: Seine 
Sinne unerhört fein ausbilden und ausnützen, das 
heifit auskosten lernen. Das sollt ihr tun. 

Da komme ich aber, sage das und es ist wahr- 
haftig, als ergriffe eme dumpfe und scheue Angst 
die Menschen! Wenn- ich Blumen ebenso emp- 
finde, wie ich ein verUebtes Mädel ansehe, so ist 
ihnen das unheimlich. 

Die Zeitungen' schweigen verlegen über mich: 
die Menschen legen gar oft, ich weiß es, meine 
Bücher aus der Hand, ja werden böse. Weil, diese 
Bücher» statt zweideutig» vielsagend geworden 
sind. 

Nun gut Mit diesem Buche lege auch ich die 
Feder aus der Hand und rede über diese Dinge 
nicht mehr weiter. 

Ich muß leben« Und auf dem Wege, den ich 
verkündend gegangen bin, wäre ich langsam, aber 
sicher zum Hungertode gekommen: Ich habe das 
Einkommen eines Metalidrehers erreicht; aber ich 
wäre lieber verhungert, wenn ich nicht bis zu 

169 



dem Gefühl hingelangt wäre : Nun hast du alles, 
wozu allein du gesendet bist. Nun brauchen sie 
ihre Zeit, um dich zu kapieren. Nun lebe wieder 
mit ihnen, erzähle ihnen Tagesgeschichten oder 
schreibe ihnen Kinostücke. Dann lassen auch ae 
dich wieder leben. 

Dies ist also vielleicht mein letztes Bekenntnis- 
buch. Weiterhin ist keines mehr vonnöten. . Ich 
schreibe es auch nur, um noch einmal vollkom- 
men deutlich zu werden. 

Es wird zwar eine große, ironiedurchdningene 
Trilogie erscheinen, von den drei Menschen, die 
es auf Erden am weitesten gebracht haben: Der 
eine in der Karriere. (Der Bauernsohn des Kis, 
der König wird und den „Konigsgedanken" allzu 
drastisch emphndet.) Dann Faust, der sich dem 
Teufel verschrieb, also die Schöpfung bis zur Ver- 
nichtunf^ haßt. Und - der voIül^ erlöste Christus. 
Das liegt aber schon seit einem, teilweise auch 
mehreren Jahren bereit und — ich werde es nicht 
wieder tun. Fortan bekommen meine Leser, was 
sie verdienen. 

Nur dieses Mal noch möchte ich meine Pflicht 
erfüllen und sagen, wozu ich auf diese Erde 
gerufen wurde. Denn ich glaube fest an meine 
Sendung, aber daß sie nun vollbracht ist, weifi 
ich auch. 



170 




r 



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Ob mir, bei meiner gesunden und elastischen 
Veranlagung feraerhmein fröhliches Penstonisten- 
dasein, oder, was mir lieber wäre, ein schneller 
gnädiger Herzschlag in den Sternen steht, ich bin 
gefaßt auf alles. 

' Lebe ich, so wird es schon was zu tun geben, 
und wär*s als Bauer. 

Aber Schüler will ich mir persönlich keine zie- 
hcn. Solche Schüler sind immer Halbnaturen. Rüh- 
rende, aber nicht schöpferische. ^Meine Schüler* 
denke ich mir so, daß sie fem von mir, aus Ei- 
genem nach mir leben, aber eher schweigen, als 
predigen. Sie sollen dem überlasteten Gatten, oder 
der Geliebten etwas von dem Erquickungshauche 
weitergeben, den sie von mir erhielten, den sie 
geheim bei sich tragen und mit dem sie so unbän- 
dig glücklich werden mögen, wie ich selber es 

wurde. 

Denn das Wunder einer gestillten Menschen- 
seele muß man verstecken, ja manchmal unter- 
drücken. Tracht euer stilles, feines Gesicht an den 
einsamen Rand einer Großstadt und seid froh, wenn 
ihr deshalb dort nicht einen Stein an den Schädel 
geschmissen oder ein Messer zwischen die Rippen 
knegt : Bloß wegen dieses eures Antlitzes voll von 
einem Glück, das namenloses Knirschen erregt. 

Ein Vollmensch legt sich übrigens kein gar zu 

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durchseeltes Gesicht zu. Ich habe solch einen Stein 

des Instinktha:>ses nur einmal, als Kind, an die Stirne 
bekommen — und dann nicht wieder. Denn ich 
habe mich von da ab darauf zubereitet» auch ge* 
fahrlich sein zu können. 

Ich bin noch lange kern robuster Schiffskapitän 
geworden, und meme größte Schwäche ist das Mit- 
leid. Aber so wie ihr Seele haben müßt, so müßt 
ihr auch eure Muskeln behalten und feste und ge- 
sunde Zähne und Fäuste haben. Eure Augen sollen 
zärtlich den blauen Himmel aufzunehmen wissen, 
so zärtUch, wie nur jemals Liebe aufnahm. Aber 
wenn dieselben, eure Augen, nicht auch drohen 
und wetterleuchten können, wie jene einer Katze 
im Verteidigungszustand, dann möchte ich diese 
meine Ratschläge zum Glück beinahe nicht ge- . 
geben haben. Mit wehrlosem Nazarenertum ist es 
nun einmal nichts im heutigen Europa. Und ich 
weiß gar nicht zu sagen, ob es schön wäre? Dazu 
bin ich zu sehr Weltkind und zu mangelhaft. Mich 
hat nur ein rätselhafter Gott bis heute davor be- 
wahrt, daß ich etwa einen Menschen niederge- 
knallt hätte, dann, wenn ich erkennen mußte, daß 
er eben kein Mensch war, sondern eine Bestie. ' 
Und weil ich aus meiner entsetzlichen Jugender* 
kenntnis weiß, daß diese Bestie nicht aus Mangel 
an Belehrung und Erziehung, oder aus Hunger. 

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Not, Neid und Zurücksetzung so wurde, sondern 
von Geburt da war, so bin ich harter geworden, als 

ich sein sollte : Was? Den Löwen ausrotten und 
den Börsenschuft oder den boshaft feigen Mes* 
serlude päppeln? Schämt euch, Halbpölzer der Ge- 
rechtigkeit ! 

Mir, wie ich gehe und stehe, ist auch eine Kröte 
höherstehend als ein Schieber. Und wäre bestimmt 
höherstehend vor Gott, wenn es einen Gutt gäbe, 
der so ungeschickt wäre, Vorbild des Menschen 
sein zu wollen, da er ja den Menschen nach seinem 
Bilde formte. Nein, der Mensch, wie er 'das Leben 
zumeist durchtorkelt, verdient dies Leben gar 
nicht, während die Tiere es sich zumeist verdienen. 
Nur der Mensch verdient das volle Leben, der 
sich durchgottet, so gut er kann. 

Daß das auf eine sehr schöne und beglückende 
Art geschehen kann, ohne daß man daran nur 
gleich zum ätherischen Schwächling wird, das zu 
zeigen habe ich versucht, das zu leben ist mir 
bis heute gelungen. 

Es gäbe nur eins, wozu ich Schüler ziehen 
möchte: Eine Organisation der Jugend gründen, 
die jeden durch öffentliche und geschickte Ver- 
achtung brandmarkt (bis er sich elender empfin- 
det, als ein Paria), der sich als empörender Ge- 

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waltmensch erwies, oder der reich geworden und 
des Reichtums nicht würdig ist! 

Wie hoch stehen da diese Kinder, die Ameri- 
kaner, über uns, wenn sie, tief hinein ins Geld 
geraten, mit einer beinahe tastenden Demut ver- 
suchen, es würdig zu verwenden. 

Eine Jugend als Kontrolle für Unwürdige. Nie 
wird die Jugend zur Aufsicht geistiger Würde 
oder Unwürde fähig sein, und darum verböte ich 
ihr, Ideale aufzustellen. Aber zum herrlichsten Re- 
gulierungsmittel der sozialen Würde und An- 
ständigkeit wäre sie mit ihren frischen und mu- 
tigen Sinnen gemacht. 

Den Flußpferden unseres Schlammes, die aus 
den Kabaretten neben iliren ausgeleerten Dimen- 
visagen herauskommen, sollte jeder Du sagen. Mit 
demselben adligen Gefiihl, aber mit millionenfach 
mehr Recht, als ehedem der nissbche Edelmann 
dem armen Juden Du sagte, — ihm, der oft see- 
lisch hoch über dem ,knjas" stand. 

Dieses verachtungsvolle Dusagen wäre bisher 
vor ddn Gesetz, Gott sei Dank, noch nicht sträflich. 
Es führte, wenn's samt den Arbeitern, die Jugend 
aller Klassen mit ihrem unfehlbaren Instinkt ent- 
schlossen und geschlossen gebrauchte, vielleicht 
dazu, jenen Halbticren so was wie Nachdenklich- 
keit zu erpressen. 

174 



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Ich weiB, das sind iinrcalisierbare Träume. Aber 
was hat die Jugend schon Unerhörtes wahrgemacht, 
wenn ein Einsamer sie anrief. Ich will der Jugend 
damit auch nur, außer dem, wozu dies Buch ge- 
schrieben ist (erzieh dich iti die Allseele hinein), 
nur das ihrer Natur Zuzubilligende mitgeben: 
Erzieh dich zur Notwehr; erzieh dich sogar zum 
aufsprühenden, aber kurzwährenden, noblen, und 
durch einen sportlichen Handschlag sofort und 
innerlichst gebändigten Kampf. Aber mach', dein 
Lebelang, nur in äußerster Not Gebrauch von ihml 

Halte aber deine Muskeln schon deshalb bereit, 
weil andere aggressiv sind! Ich kenne keinen 
größeren Fluch des Menschen« als den einen 
Schwächeren, Furchtsamen oder Versöhnlichen 
anzugreifen. Ich kenne nichts Schöneres, als einen 
Si^er, der sich bis in die Seele hinein schämt l 

Das ungefähr, und mit wenigen Worten, ist die 
ganze Moral meines Erdendaseins. Liebt, wo ihr 
könnt; weicht dem Hasse aus. Vielleicht aber be- 
währt euch davor am meisten die wunderbare lo- 
nenwirkung, die jenes Naturgefühl und jene Aus- 
gewogenheit euch geben wird. Ich wenigstens bin 
meinem Schicksal kaum für etwas dankbarer, als 
daß es mich bisher (und nun werde ich ja ein 
alter Mann) bewahrt hat, wen andern nieder- 
zuschlagen: — außer den paar Balgereien der 



175 



fiubenjahre, wo ich mich jedes Sieges, den mir 
immer nur mein wildes Temperament verschaifte, 

bitterlich schämte. Niederzuschlagen mit den 
Fäusten oder mit Worten. Was habe ich für ver- 
nichtende Witze» manchmal enthüllende Pam- 
phlete, die den Selbstmord meines Angreifers zur 
Folge hatten liaben können, niedergesciirieben. 
Ich habe ^e mit halb noch im Zorn zuckenden 

Herzen gelesen — und verbrannt. Niederschlagen? 
Es geht anders besser und schöner. Nur das muß 
man im Geföhl haben : Daß man sehr, aber schon 
sehr gefährlich sein könnte. 

Es genügt für ein Lebelang völlig, hoffe ich. 

Weltkind sei man insoweit, daß man robust 
bleibe, weil das schon gar nicht anders geht auf 
dieser angriffslustigen Welt. Aber sonst immer und 
immer Gotteskind. Das heißt mir auch : Das an- 
dächtige Kind der sinnlichen Minute. Ich bin kein 
Raucher. Aber ich sehe zum Beispiel oft einem 
Raucher mit teilnehmender Freude zu, wenn er 
sich nach harten Dingen seine erste Zigarre oder 
sein Pfeifchen zubilligt. Solche Dinge, um das 
allerplatteste Beispiel zu nehmen, zu vertiefen, 
zu durchsinnlichen mit grenzenloser Feinnervig- 
keit, immer j,den schönsten Augenblick im Tag* 
erleben, das verlange ich Weltkind von den nun 
einmal ja doch unverwüstlichen Kindern dieser 

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Welt. Es stehen aber sehr viel bessere Beispiele 
als die erste Zigarre in meinen Buchern, in jenen 
.Gärten meines Daseins*, die ich nur da und dort 
als Romanef zu lesen bitte. 

Ich hatte das alles viel ausschließender und lei- 
denschaftlicher vorgetragen. Aber ich bin sehr 
g^en das ^Idealemachen". Der Jugend verwehre 

ich es sogar, kleale zu erfinden. Denn ich sage; 
£s hat kein Mensch das Recht, andern Ideale zu 
predigen, solange er von andern erhalten wirdl 
Es hat sogar kein Mensch, der für sich allein sorgt, 
das Recht, Ideale zu predigen denen, die auch 
für andere zu sorgen haben. Das aufzustellen ist 
nichts als Gerechtigkeit. Sonst würden bald unter-, 
bald überernährte Buben den sorgenvollen Fa- 
milienvätern vorzutragen suchen, was sie zu fühlen 
und wie sie zu leben haben. Ein fürchterliches 
Beispiel gaben wirklich, zur sehr geringen Ehre 
der deutschen Jugend, da einmal die Studenten 
der Wiener Aula. Ihre Namen gehören einem heute 
wesenlosen, ausgestorbenen Froschgeschlechte an. 
Aber dies vefgängliche Großquakertum hat einen 
Grillparzer vor sein Gericht zitiert! So, daß 
der Dichter sein Leben flüchten mußte; — er, der 
über Jahrhunderte bückte. Soviel an die selbst- 
herrliche Jugend. Es ist entsetzlich für sie, daß 

die Einsamen ihres Volkes ihr meiir und mehr 
Bartsch, Botschaft. 12 

177 



I 



feraebldbcn. Das war in der Zeit, wo man alle 
Naturkräfte als Gottes und die Menschen also auch 
göttlich fühlte, nicht sol 

Niemand darf sein Gott sein, er hätte sich sel- 
ber denn völlig verloren. 

Ich habe hier nur versucht, zu geben, was dem 
Menschen angemessen und möglich ist. Das äus- 

serste ist in meinen Büchern noch zu erforschen ; 
fiir den, der kann und mag. Dies Buch ergeht an 
alle, ad usum delphini sozusagen. Und danüt Schluß 
über das, was ich bin und wollte. 

Jetzt aber zu dem, was der Staat, die Gesell- 
schaft, die Menschheit an uns für Rechte haben 

und was für Ansprüche sie stellen dürfen. 

Vor allem: Du hast das heiligste Recht zu 
dem, wovon du fühlst, daß du es mußt. 

Ich war in eigener Praxis immer Anarchist. 
Ich gestand, wahrschemlich nur wegen Mangels an 
Beispiel, ja geradezu wegen der Niedr^keit und 
Verlogenheit der bösartigen Pflichtenheischer, die 
mein halbes Leben umgaben, dem Staate nicht 
das geringste Recht zu, sich in mein einsames 
Wesen dnzumischen. So stark ist dieses, ich nenne 
es kühn Sittiichkeitsgefühl gegen den Staat, in mir 
Instinktmenschen, daß ich es zum Beispiel offen 
ausrief, daß nicht das verzweifelnde, von Schande 

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bedrohte Mädchen, oder ihr verzahnender armer 
Teufel von Liebhaber gegen das keimende Leben 
ein Verbrechen begehe» sondern daß der unver- 
schämte, weil gesichert dastehende Ankläger und 
Richter der Verbrecher sei. Wie viel mehr Verbre- 
cher gegen das keimende Leben unserer armen 
einsamen Seele, die wohl dann und wann das 
Recht haben muß, allein bleiben zu wollen, ist 
jeder, der in ein unschädliches Ich dringt. Unsern 
Trieb haben wir von urher. Unsere bittere Not 
von heute. 
Allein bleiben . • . 

Charakteristisch, daß das, was etwa in München 
abgeurteilt wird, wenige hundert Kilometer davon, 
in der Schweiz beinahe wie eine Erlösertat be- 
grüßt und zum Gesetz beantragt wird. 

Ich, einer der glücklichsten Menschen, die ich 
jemals erlebte, sage dennoch aus vollem Her- 
zen, daß ich, wenn man mich einen Augenblick 
aus der ahnungsvollen Ruhe des sogenannten 
Nichts erweckt und, mit meinen heutigen Sin- 
nen und Erfahrungen begabt, vor die Entschei- 
dung gestellt, Eltern, die mein Sein verhinderten, 
zu segnen oder zu verfluchen, ich sie mit aller 
Liebe gesegnet hätte, deren ich in diesem Augen- 
blicke fähig gewesen wäre. Schon vor Kiitsetzen 
darüber, was da alles, staatlich gewollt, geschützt, 

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ja beinahe erzwungen, henimläuit ! Man erzwingt 
dieses EuropageschmeiB, das ärgste auf dem Pla- 
neten, um Rekmten und Stuten zu ziehen und 
das Elend, den Mord, die Angst und den Schmerz 
zu vertausendfachen. 

Das ist meine eine Meinung g^;en unseren 
Staat und unsere Gesellschaft. Nicht der tau* 
sendste Teil davon verdient zu leben. 

Die andere aber ist ebenso leidenschaftlich: 
Bist du einmal da» so hast du die kategorische 
Pflicht, in dir deiner Heimat den besten aller 
Menschen zu schenken, der dir zu werden mög- 
lieh war. Deiner Heimat, die du unermefilich 
lieben sollst, weil du das wenigstens kannst. 
Denn nichts liebt sich süßer und leichter als Ju- 
genderinnerung. Und du sollst lieben lernen. Da 
du es also nirgendwo sicherer lernst als dort, so 
sei dir Heimatliebe das erste zur großen Tiefe, 
nach der du streben sollst. 

Ich sage absichtlich Heimat. Und nicht etwa 
Nation, oder Volk, oder Gesellschaft. Sogar Mensch- 
heit sage ich nicht, wiewohl ich Menschen weiß, 
namentlich Juden, welche in der Menschheit an- 
nähernd dasselbe gefunden haben,, wie ich in der 
Heimat. Aber freilich beinahe immer mit Abtrei- 
bung der Natur, mit Ausschluß der Baum-, Tier- 
und Sternenhebe. Das ist ja wirklich das einzige. 



i8o 




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was mich vom heutigen Juden scheidet. Seine 

Naturfremdheit. 

Ich verlange vom Menschen, daß sdn Herz vom 
Staubwirbel im Winde bis in die Spiralnebel der 
Unendlichkeit ein wonnevolles Ich empfinde und 
den Menschen solang^ als nebensächlichies Ding 
ansehe, an dem man bloß geschickt und in Frieden 
vorübermüsse, bis der andre nicht ebenso durch- 
strömt ist. 

Darum rede ich von Heimatliebe und nicht von 

Volk oder Nation. Die Heimat ist Gottes; so sehr 
das Volk darin manchmal des Teufels ist. 

Dergleichen Dinge werden in den gemäßigten 
Zonen, falls endlich die großen Wirtschaitsbünd- 
nisse geschaffen sind und die Hysterien und Eitel- 
keiten der Unanpaßbarenwegmajorisiert sein, oder 
Europa zur verdienten Einöde wird, ebenso ver- 
schwunden sein, wie die , moralischen Vorwände 
zu den Husdtenkriegen oder, zum Dreißigjährigen 
Krieg". 

Ich sage also, genau so wie Arndt: «Und seien 
es kahle Felsen und öde Liseln, du mußt das Land 

ewig liebhaben, denn du bist ein Mensch und 
sollst es nicht vergessen, sondern behalten in dei- 
nem Herzen!' Wohlgemerkt: Arndt spricht da 
zuerst von Gottes Sonne und seinen Stürmen, er- 
wähnt nur ßüchtig der Mutterliebe und redet dann 

l8l 



von der Landschaft allein und nicht von den 
ebendasaßigen, zufälligen Eingeborenen, die dem 

Einsamgewordenen immer ^nativs* sind; 

überall! 

Ich habe dem Worte dieses Deutschesten noch 
einmal hinzuzufügen: ,Du mußt das Land ewig 
lieb haben, weil du sonst und später über* 
haupt nicht mehr lieben lernst. Hast du aber ein- 
mal lieben gelernt, und wären es auch nur Bäche 
dort mit Bitterlingen und Wassersalamandem, so 
bist du auch schon zu Gott hinübergerettet und 
kannst immer mehr, immer weiter, immer sieg* 
reicher lieben, bis zur letzten Erlöstheit schon 
hier auf dieser Erde.* 

Und damit kehre ich zu meinem Worte zurück: 
Du hast die Pflicht, deine Heimat unerhört zu 

erheben und zu verklären in dir selber. Denk* nur 
an etwas geringe Scheinendes; Wie du bist, so 
beurteilt die Welt deine Heimat. — Pro domo: 
Welchem Ostreicher muß nicht die Seele bren- 
nen, wenn man sein Land zwar als das Stuck 
Erde nennt, das die besten Musikanten besitzt, 
aber auch das Land der Tänzer, Kellner und der 
Unzuveriässigkeit, ja wohl gar den Übergang zu 
balkanischer und russischer Bestechlichkeit! Es 
müssen in dieser Notzdt Ostreicher kommen, mit 
allen guten und schlechten Eigenschaften sonst, 

l32 




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aber unverwandelbar und sich selber 
treu. 

Ich möchte um nichts die beinahe venezianische 

Höflichkeit und Liebenswürdigkeit des Östrei- 
chers missen, so oft ich selber darum mißverstan- 
den wurde, weil man so zu sein hat auch gegen 
Menschen, welche doch wissen müßten, daß man 
sie augenblicklich wieder aus der Hand legt. 
Wie wir alle aus Gott nicht zu mehr geboren 
sind, als dazu, bald wieder weggelegt zu werden. 
Man hat gerade gegen die Alizuvergänglichcn 
liebenswürdiger zu sein, als gegen seelich Hochge* 
bome. (Standesmäßig Hochgebomen und Offi- 
ziellen weicht man nach Tunlichkeit überhaupt 
aus, weil man jeder Lüge ausweichen soll.) Frei- 
lich werden jene eben noch von uns entzückten 
Halbwesen nachher immer sehr enttauscht sem, 
weil sie bestimmt geglaubt hatten« wu: würden 
nunmehr ein Lebelang ihre ergebensten Diener 
sein und uns von ihnen komplett ausnützen und 
verspeisen lassen. Aber zuletzt nimmt es dennoch 
niemand von ihnen uns übel. Auf der ganzen außer^ 
preußischen Erde ist es ja Brauch, daß man freund- 
lich behandelt wird. Auch in Deutschland wer- 
den einmal die Menschen aufhören, darüber böse 
zu sein, daß man sie freundlich ansieht und — - 
unangeschnauzt *— stehen läßt, 

183 

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Für seine Heimat hat man also Liebe zu werben 
und Hochachtung. 

In Brüssel sah ich so eine Herrennatur, die dem 
Kellner wie einem Hunde pfiff; die aber, wie mir 
gesagt wurde, «Kinderstube gehabt hätte*. In 
Belgien, mitten im Haß einer mit Recht erbitterten 
Bevölkerung, tat der Herrliche so was \ als Mensch 
einem Menschen, mit Verlaub zu sagen. Als ich 
. mich drüber, meine sonstige Höflichkeit ganz . 
wenig beiseitetuend, verwunderte, sagte man mir: 
,Ach was, das ist einer unserer tapfersten Ofh* 
ziere.* 

Worauf mir augenbiicküch das Wort zuflog: 
^Er kann ein noch so großer Held sein, er wird 
niemals soviel Feinde töten, als er seinem Vater- 
lande durch sein Benehmen macht.* 

Der Mensch also, wie ich ihn verlange, soll 
Ehrfurcht haben, zumindest Urbanität ; gegen sich 
und andere aber dieselbe. 

Du bist es deiner Heimat schuldig, dein Ich 
so groß und rein auszubilden, wie du es deiner 
Eigenart nach immer nur kannst. 

Und du bist es ihr ferner schuldig, ihr Freude 
zu erwerben durch dein Menschenbeispiel, durch 
Frische deines Wesens und deinen Wert, geliebt 
zu werden. Auch wenn es dich nur bloße ^ Lie- 
benswürdigkeit* kostete. Auch nicht einen 

184 



Feind darfst du deiner großen Familie machen 
ohne bitterste Not; sonst begehst du Hochverrat. 

Wit Deutsche hatten an allen Gesandt- und 
Botschaften ehemalige Couleurstudenten, die lei- 
der oft, wo es noch gar nicht notwendig wäre, 
böse und gefährlich zu sein haben, — wenigstens 
hatten. Denn ich hoffe, das wird jetzt besser. 
Alle diese Männer waren (bestimmt) ehrlicher und 
wertvoller, als ihre Diplomatengegner. Aber ihr 
und ihres Auftraggebers Benehmen hat Deutsch- 
land die Allianz der ganzen Erde gegen sich ein- 
getragen. 

Ob das ihnen Vergnügen machte? Ihre Hei- 
mat hat jedenfalls entsetzlich gelitten. Sie ist ver- 
armt, und, was viel schlimmer wiegt, ein Gesindel 
ist emporgekommen, dem zu steuern die nun- 
mehr die heiligste Pflicht hätten„die es als oberste 
Pflicht ansehen, ritterlich zu denken. An dem 
Tag, wo der deutsche Student den Schieber zu 
ducken, und den Schmeichler der Massenroheit 
in Volksverruf zu bringen weiß, an dem Tage 
reicht jeder wahre Arbeiter und ich zuerst Qch 
war immer nur Arbeiter) ihm die Hand und sagt 
ihm: Das war deine erste Heroentat. 

Das andere, was man seiner Heimat schuldet, 
kommt dann von selber. Sei nur ein völliges Kind 
deiner Heimatnatur, — und werde darin so groß 



185 



und rein, als es auf diesem Wege nur geht, und 
die ganze Erde achtet dich so, wie den echten 
Inder sogar sein Uberwinder und Auspresser, der 
Engländer, achten muß. 

Ich möchte nebenher hinzuliigen, daß Besiegen 
und Auspressen stupid und kurzlebig sind. 

Mehr sage ich darüber nicht: jeder geht den- 
noch seinen eigenen Weg. Glücküch der, sage 

4 

ich nur, welcher den Weg zur Natur möglichst 

lange unbewußt geht, ungelehrt und instinktiv 1 

Ich will sclüießen und nur kurz noch über- 
prüfen, was ich sagte. 

Gehen wir zu den ürwurzeln der Philosophie, 
wie sie Lichtenberg vermerkt: 

„Was bin ich?^ 

Hierauf sage ich: 

„Ein wonnevoll mittuendes, sein Bewußtsein 
bis ins letzte ausbildende Teil des Alls/ 

„Was soll ich tun?" 

„Immer zu allernächst bei diesem All bleiben ^ 
dich inmier als sein liebstes und womöglich 

bchonslcs Kind bilden und empfinden." 

„Was kann ich glauben?* 

„DaB immerdar alles wahr wird, was du glauben 
willst. Denn dein Wollen und Glauben (beides ist 
dasselbe) sind die Urkraft und Allmacht selber." 

yWas kann ich hoffend" 

l8ö 



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.Zurückkehren dorthin, wohin du es wünschest 
und was du im Wesensgrunde am meisten lieben 
sollst. Ewig wechselnd und unbewußt wieder- 
belebt, wenn auch gelegentlich zum Steine zu- 
rückvcrwandelt. Das ewige, also ewig neue Leben. 
Immer zu dem kehrst du, was du am tiefsten und 
gierigsten lieben gelernt hast. Du hast das ewige 
Leben und den ewigen Tod in dir und deine 
Kraft geht ja doch, wohin sie mufi. Erziehe sie, 
daß sie das Gemußte will.* 

«Du", als höclist wichtiger und persönlicher 
Herr Soundso, wirst natürlich ausradiert Darum 
mußt du dir angewöhnen, damit es dir nicht der- 
einst zu schmerzhaft wird, dich in diesem Leben 
selber mit Lust und Liebe auszuradieren. Du kannst 
es nie schöner und besser, als indem du dich in 
die Ewigkeit, in die unermeßlich schöne Element- 
bafUgkeit, also in die Natur, wie ihr liebstes Kind 
hineingewöhnst und dort Heimat suchst, dich als 
sie selber empfindest und ewig bereit weißt.* 

Was andres gibt's nicht. So wie der alte Bauern- 
spnich es gut weiß: 

„Es ist nie einer wiederkommen 

Von dem ein'n Grund man hätt' vernommen.* 

Nämlich kein Toten Nur die Lebendigsten 
unter den Lebenden wissen davon, was der ist; 



187 



,Der Grund*. Wissen abo, wozu das Leben ist 

und wie es anzupacken sei. 

Das steht ausführlich in meinen Werken. Hier 
habe ich*s nur zusammengedrängt. 

Ihr sollt euch selber zurückgegeben sein ; zu- 
rückgegeben aius den Händen eurer Lehrer, Offi* 
ziere, Pastoren tmd anderer Peiniger eurer Seele ; 
zurückgegeben aus den Klauen von Menschen, 
welche Europa zur Lüge und Schande der Erde 
gemacht haben. 

Vergeßt mir niemals die Heiligkeit des Unbe- 
wußten. Und nie die Schmach, welche uns Euro- 
päern das Bewußte gebracht hatl 

Gott ist Ahnen, Bewußtlosigkeit und Nach- 
Innensein. 

Der Widersacher, der Töter der Seele, ist die 

hellwache Klugheit, die euren bewußtlosen Gott 
in euch lenken und beherrschen wilL 

Vernunft und Wissenschaft sind des Menschen 
allerhöchste Kraft Aber nur des ehrfürchtigen 
Kindmenschen. 

Ferner: Werde so glücklich wie du nur ver* 
magst. Aber merk' dir das: Nur die gesamte Zahl 
der tiefisten Verliebtheiten, Ergriffenheiten und 
Stimmungen deines Lebens machen die wahre 
Summe deines Glücks aus. „Glück haben* be- 
deutet beinahe stets unglücklich sein. 



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So bilde dich zu einem Instrument der Stim- 
mung und der ErgriÖenheit; aber zu keinem gar 
zu bysterischeni solau^e die andere Welt robust 
ist und über dich hin Boxkampfe arrangiert. 

Stimmung ist Gott selber, habe ich irgendwo 
gesagt 

Stelle Gott nlemab außerhalb deiner selbst: 

Du ziehst ihn in dich, wenn du ergriffen 
bist. Ergriffen bist du, wenn du einsam bist, 
immer von ihm. 

Geh den Menschen fort ; geh ihnen durch, so 
oft du kannst. Nicht erst zu spät und aus Todes* 
angst, wie der sterbende Tolstoj seiner Familie, 
sondern lieber zu frühe. 

Wisse, daß du ja dereinst zur Natur allein zu- 
. rückkehrst und niemals wieder zu den Men- 
schen! 

Wisse, daß diese .ein meist sträflicher Zufall 
sind, daß Gott nicht grausam ist und dich schon 
infolge seiner Wahrscheinlichkeitsrechnuns^ und 
bei seiner Überfülle der Gestaltungen, dich von der 
Strafe ausschließen wird, «dort unten* abermals 
ein Mensch werden zu müssen. Bereite dich 
also beständig in das hinein, in das du soviel mehr 
gehörst, zu dem du wiederkehrst und bereite dich, 
es unermeßlich zu lieben. Dann bleibst du zu Hause 
und bei Muttern und der Geliebten, so sehr du 



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in deinem sonstigen Berufe Kämpfer und Dulder 



Homer schon nannte den männlichsten» zahesten 
und überwindendsten aller Kämpfer den ,gött- 
lichen Dulder". 

Jeder Dulder siegt; jeder Kämpfer unterliegt 
immer wieder; alles ründet sich. Ründe nur du 
deine Seele zum erhabensten aller Systeme : Be- 
reit sein, „alles zu werden*^: das Kleinste und 
das Größte. Und, wenn es sein müßte, das Nichts; 
als ein unsagbar reich zu Empfindendes. Denn es 
ist ja nur uns Armseligen em Nichts, 

Aus ihm ja kommt all dein Leben. 

Und nicht aus ihm, nur aus diesem Menschen- 
leben kam deine Qual. 



oder Überwinder sein sollst, was dasselbe ist: 




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